Eine Villa an der Pazifikküste, ein Konto in Genf

Ein mexikanischer Ex-Manager soll Millionen an Schmiergeldern kassiert haben und wird nun international gesucht. Er könnte sich in der Schweiz verstecken.

Haftbefehl gegen ihn und mehrere seiner Verwandten: Emilio Lozoya. (Archiv)

Haftbefehl gegen ihn und mehrere seiner Verwandten: Emilio Lozoya. (Archiv) Bild: Keystone

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Er war einer der Mächtigsten in Mexiko. Emilio Lozoya Austin beriet den Staatspräsidenten und leitete den riesigen staatlichen Ölkonzern Pemex. Nun ist der Urenkel Schweizer Emigranten auf der Flucht vor der Justiz. Die mexikanische Staatsanwaltschaft lässt ihn via Interpol weltweit suchen. Lozoyas Mutter Gilda Austin y Solís wurde am Mittwoch dieser Woche auf der kleinen deutschen Nordseeinsel Juist verhaftet. Sie soll sich dort in den Ferien mit ihren Enkeln aufgehalten haben. Ihr Sohn Emilio sei vor einigen Wochen auf dem Flughafen Frankfurt gesichtet worden, meldet die «Süddeutsche Zeitung». Seither ist er verschwunden. Es gibt Spekulationen in Deutschland, dass sich Lozoya Austin in die Schweiz abgesetzt habe.

Den 44-jährigen verbindet nicht nur die Herkunft seiner Ahnen mit der Schweiz: Von 2006 bis 2010 war Lozoya Direktor beim World Economic Forum (WEF), zuständig für Lateinamerika. Er lebte mit seiner Familie in einem Vorort von Genf, zwei seiner Kinder kamen hier zur Welt. Seine Frau Marielle Helene Eckes stammt aus einer deutschen Industriellendynastie. Auch auf dieser Seite der Familie sind Mitglieder in der Schweiz gemeldet. Und dann gibt es noch die finanziellen Verbindungen: Über Konten bei einer Genfer Bank sollen jene Schmiergelder geflossen sein, die nun im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen. Neben Lozoya werden seine Frau und seine Schwester international gesucht.

Die Mitglieder der Familie Lozoya sollen direkt oder indirekt in den Odebrecht-Skandal verwickelt sein, den grössten Schmiergeldskandal, den Lateinamerika je erlebt hat. An die 800 Millionen Dollar soll der brasilianische Baukonzern an Politiker gezahlt haben, um an Aufträge über drei Milliarden Dollar zu kommen. Bei den Ermittlungen gab Odebrecht die Zahlung von 10,5 Millionen Dollar Schmiergeld alleine in Mexiko zu. Zu jener Zeit, zwischen 2012 und 2014, hatte die brasilianische Firma einen einzigen mexikanischen Partner: Pemex unter der Leitung von Emilio Lozoya. Im Gegenzug soll Odebrecht besonders vorteilhafte Verträge mit Pemex bekommen haben. Darüber berichtete zuerst das mexikanische Recherchekollektiv Quinto Elemento Lab, mit dem diese Zeitung und die «Süddeutsche Zeitung» bei dieser Recherche zusammenarbeiten.

Der CEO des Ölkonzerns dürfte aber auch von anderen Unternehmen Schmiergeld kassiert haben. Zum Beispiel von einer Stahlbau-Firma, von der Pemex einen völlig heruntergekommenen Düngemittelerzeuger zu einem weit überhöhten Preis kaufen musste.

Intensive Untersuchung in Mexiko

Wohin die Bestechungsgelder flossen, wird derzeit in Mexiko intensiv untersucht. Die Familie Lozoya soll hinter mehreren Firmen auf den britischen Jungferninseln stehen, die Konten bei der Genfer Privatbank Gonet & Cie. besitzen. Das Geld von diesen Konten wurde zum Kauf von Luxusimmobilien in Mexiko verwendet: Ein Appartement in einem Luxusquartier von Mexiko-Stadt um 2,5 Millionen Franken, eine Villa an der Pazifikküste um knapp 2 Millionen Franken. In beiden Fällen sehen mexikanische Medien Lozoya und seine Frau als die wahren Eigentümer. Gonet & Cie. beruft sich auf das Bankgeheimnis und schweigt.

Mexiko bemüht sich schon länger um Auskünfte aus der Schweiz. Im Zusammenhang mit dem Odebrecht-Skandal gingen zwischen September 2017 und November 2018 insgesamt sechs Rechtshilfeersuchen an das Bundesamt für Justiz (BJ). Das BJ bestätigt lediglich, dass ein Ersuchen von der Bundesanwaltschaft vollzogen und das Ergebnis im August 2018 an die mexikanischen Behörden übermittelt worden sei. Keine Auskunft gibt es zur Suche nach Lozoya: Internationale Fahndungsersuchen und direkt gestellte Auslieferungsersuchen seien vertraulich.

WEF will die Fahndung nicht kommentieren

Als Direktor des WEF trat Lozoya 2010 zurück, er besuchte danach aber noch von 2012 bis 2017 die jährliche Versammlung in Davos, gerade zu jener Zeit, als sein Kontakt zu Odebrecht besonders eng war. Das WEF will die internationale Fahndung nicht kommentieren. Anfang Juli hatte Lozoyas Anwalt Javier Coello noch behauptet, sein Mandant befinde sich in Mexiko, werde sich aber erst stellen, wenn die Bedingungen stimmen. Lozoya selbst hat in den vergangenen Jahren die Vorwürfe zurückgewiesen: Er habe niemals Schmiergeld genommen. Eine Anfrage an Lozoyas Frau Marielle Eckes beantwortete eine Münchner Anwaltskanzlei: Sie werde «derzeit keine Stellungnahme abgeben». Lozoya war nicht zu erreichen.

In Mexiko begann der Stern des Managers bereits 2016 zu sinken, als er von der Spitze des Erdölkonzerns abberufen wurde. Pemex war angeschlagen, die schweren Verluste waren nicht mehr zu verheimlichen. Lozoya stand damals schon unter Verdacht, Schmiergeld von Odebrecht genommen zu haben, die mexikanische Justiz trieb die Ermittlungen aber nicht gerade energisch voran.

Der geschasste CEO stand schliesslich unter dem Schutz des damaligen Staatspräsidenten Enrique Peña Nieto. Im Dezember 2018 zog jedoch ein Neuer in den Präsidentenpalast ein: Andrés Manuel Obrador hatte die Wahlen auch mit seinem Versprechen gewonnen, die grassierende Korruption in Mexiko zu bekämpfen. Seither werden die Ermittlungen gegen Emilio Lozoya Austin offenbar energischer vorangetrieben.

Mitarbeit: Frederik Obermaier, Andrea Cárdenas

Erstellt: 26.07.2019, 19:00 Uhr

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