Firmen bemühen sich vor allem fürs Image um Vielfalt

Was läuft schief, dass beim Frauenstreik noch immer gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz demonstriert wird?

Durchmischung stärke die Innovationskraft von Unternehmen, sagen Studien. Foto: iStock

Durchmischung stärke die Innovationskraft von Unternehmen, sagen Studien. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ikea Schweiz hat eine, die Flugsicherungsgesellschaft Skyguide auch und ebenso Swisscom. Die Grossbank Credit Suisse stellt eine per Ende Juni ein: Die Rede ist von Diversity-Managerinnen. Allgemein sind diese Führungskräfte – oftmals auf Stufe Personalwesen angesiedelt – dafür zuständig, dass innerhalb ihrer Unternehmen eine Vielfalt bei den Mitarbeitern gewährleistet ist. «Studien weisen darauf hin, dass Vielfalt die Innovationskraft stärkt und damit die Firma wettbewerbsfähiger macht», sagt Elena Folini, Diversity-Verantwortliche bei Swisscom.

Dabei ist ein Missverständnis auszuräumen: Mit Vielfalt ist nicht nur ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen und Männern in den Firmen gemeint, insbesondere im mittleren Management, in den Chefetagen sowie Verwaltungsräten. Es geht auch darum, beim Personal den Altersanteil, den Nationalitätenmix und die Quoten bei den Religionen auszubalancieren. Schliesslich spielt die Gesundheit eine Rolle: Inwiefern beschäftigen die Unternehmen Mitarbeiter, die eine Behinderung haben oder eine Krankheit?

Guter Mix bei den Altersgruppen

Wie erfolgreich Diversity-Management in der Schweizer Wirtschaft ist, hat die Hochschule Luzern untersucht. Die Universität hat dazu 30 grosse Unternehmen befragt – darunter die Migros, McDonald’s sowie die Basler Versicherung – und einen Index fürs Jahr 2018 erstellt. Im Allgemeinen bemüht sich die hiesige Wirtschaft überdurchschnittlich um Vielfalt. Sie tut das in erster Linie aus Imagegründen, wie die Ergebnisse einer vertieften Studie von 2017 zeigen. Erst an zweiter Stelle kommt der Wettbewerbsgedanke.

«Obwohl sich Unternehmen bemühen, ist es nach wie vor so, dass der Frauenanteil frappant sinkt, je höher die Hierarchiestufe ist.»Anina Hille, Wirtschaftsdozentin an der Fachhochschule Luzern

Gut gelingt in den Unternehmen die Durchmischung der Altersgruppen. Am besten gehen die Firmen mit den gesundheitlichen Fragen um. Bei der Gleichberechtigung der Geschlechter am Arbeitsplatz hapert es aber nach wie vor. Hier erreicht der aktuelle Diversity-Index lediglich 46 von 100 Punkten, so das ernüchternde Resultat.

«Obwohl sich Unternehmen bemühen, ist es nach wie vor so, dass der Frauenanteil frappant sinkt, je höher die Hierarchiestufe ist», sagt Anina Hille, Wirtschaftsdozentin an der Fachhochschule Luzern. Sie hat die Untersuchung durchgeführt.

Knackpunkt Elternschaft

Als Knacknuss stellt sich unter anderem die Rückkehr ins Arbeitsleben nach Elternschaft aus. Der Anteil der Mütter sinkt, je höher sie in der Firma aufsteigen, während jener der Väter steigt. Hille glaubt, dass eine breite gesellschaftliche Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwas verändern kann.

Haben die Teilnehmerinnen des Frauenstreiks also nicht ganz unrecht, wenn sie am 14. Juni für mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz demonstrieren? «Diese Forderungen sind nachvollziehbar», sagt Hille. Der Blick ins europäische Ausland zeige, dass dort grössere Fortschritte erzielt worden seien, etwa beim Frauenanteil in den Verwaltungsräten. «Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, wertvolles Wissen durch Elternschaft zu verlieren und Frauen nicht vermehrt in den Arbeitsmarkt einzubinden.»

Die Anliegen des Frauenstreiks «würde ich so unterschreiben», sagt ihrerseits Diversity-Managerin Folini von Swisscom. Zwar werde eine relevante Basisarbeit für Vielfalt in den Unternehmen wie flexible Arbeitsmodelle, Weiterbildungsprogramme oder auch für Lohngleichheit geleistet. Doch die Wirkung sei definitiv noch nicht die gewünschte. Warum das so ist, kann sich Folini gut vorstellen. «Das hat mit Stereotypen zu tun, die sich im Laufe der Zeit nur langsam verändern.»

Unbewusste Vorurteile

Wer sich heute ein Talent vorstelle, das in einem Unternehmen für ein Förderprogramm vorgeschlagen werde, denke in erster Linie an einen «jungen weissen Mann um die 30 bis 35 Jahre».

Die Wirtschaft müsse an den Punkt kommen, dass diese mentalen Bilder viel breiter und vielfältiger werden. Ein förderungswürdiges Talent für verantwortungsvolle Positionen könne sehr wohl auch eine «alleinerziehende Mutter um die 25 sein». Dieses Phänomen ist auch als unbewusstes Vorurteil bekannt.

Der grösste Schweizer Telecomanbieter hat darauf reagiert, indem er beispielsweise das Auswahlverfahren bei seinen Programmen zur Talentförderung geändert hat. Nicht mehr die Vorgesetzten schlagen die möglichen Kandidaten vor. Neuerdings kann sich jeder und jede darum bewerben, von Swisscom als Nachwuchshoffnung gefördert zu werden. Und siehe da: «Der Anteil der Bewerberinnen ist merkbar gestiegen», so Folini.


Erstellt: 12.06.2019, 18:47 Uhr

Artikel zum Thema

Die sieben Todsünden der Chefs

Firmen, die beim Vorstellungsgespräch ihre Vorurteile nicht reflektieren, verpassen die besten Talente. Mehr...

Frauen-Diskriminierung kostet 6 Billionen Dollar

In 24 Ländern dürfen Frauen ohne Erlaubnis des Ehemanns nicht arbeiten. Das kommt die Weltwirtschaft teuer zu stehen. Mehr...

Männer sehen Frauen als «Prozessrisiko»

#MeToo an der Wallstreet: Die Angst vor Klagen wegen sexueller Belästigung sitzt so tief, dass Frauen nun diskriminiert werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...