In den USA beginnt die Klimawende mit Erdgas

In einem historischen Schritt verbietet Berkeley die Nutzung von Erdgas in Wohnhäusern. Mehr als 50 Städte wollen ebenfalls auf Strom aus Sonne, Wind und Erdwärme umstellen.

Kochen mit Gas ist im kalifornischen Berkeley bald schon Geschichte.

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Dass die Bürger von Berkeley spinnen, steht für das konservative Amerika seit langem fest. Doch mit dem jüngsten Entscheid erntete die Universitätsstadt eine selten hämische Abreibung durch das «Wall Street Journal»: «Das ist der Gipfel der geistigen Verwirrung der progressiven Massen», urteilten die Kommentatoren des konservativen Blattes, nachdem der Stadtrat von Berkeley einstimmig den Abschied vom Erdgas beschlossen hatte.

Statt weiterhin die billige und im Überfluss vorhandene fossile Energiequelle für das Heizen, Kühlen und Kochen zu nutzen, sollen Wohnhäuser künftig vollständig mit Elektrizität versorgt werden.

Die Attacke auf die stolzen progressiven Behörden von Berkeley erscheint auf den ersten Blick berechtigt. In den letzten zehn Jahren hatten die USA mit ihrem Fracking-Boom eine drastische Umstellung der Energieproduktion erzielt.

Kohle verschwand als primäre Quelle der Stromproduktion und wurde durch das weniger klimaschädliche Erdgas verdrängt. Das gilt auch für Kalifornien, wo Erdgas zu 44 Prozent zur Stromgewinnung beiträgt und Kohle nur ein Prozent ausmacht.

Doch parallel dazu gewannen auch erneuerbare Energien an Boden, mehr als in jedem anderen Staat. Kalifornien will mit einer ehrgeizigen Klimastrategie bis im Jahr 2050 aus allen fossilen Energien aussteigen.

Berkeley bilde deshalb lediglich «die Spitze eines fundamentalen Umdenkens in der Energiepolitik», sagt Pierre Delforge, Chef-Wissenschafter des Natural Resources Defense Council. Weil Strom historisch gesehen überwiegend mit Kohle produziert wurde, herrsche heute die Vorstellung vor, dass die Umstellung aus Erdgas die ultimative saubere Lösung sei, sagt er. «Tatsache ist aber, dass es wirtschaftlicher ist, neue Stromwerke zu bauen, die mit erneuerbaren Energien statt Gas gespiesen werden.»

Berkeley will vorangehen

Mit dem Entscheid müssen Ein- und Mehrfamilienhäuser ab kommendem Jahr mit elektrischen Anschlüssen für Heizen, Kochen, Waschen und Kühlen ausgerüstet werden. Gasleitungen werden untersagt.

Die Vorschrift gilt vorerst für Neubauten und soll nach und nach auf Erneuerungs- und Umbauten ausgeweitet werden. Experten schätzen, dass die Umstellung sämtlicher Gebäude 20 bis 30 Jahren dauern wird. Berkeley machte schon früh mit dem Klimaschutz Ernst und hat den Ausstoss klimaschädlicher Gase seit 2000 um 15 Prozent gesenkt. Ziel ist, 2030 klimaneutral zu werden.

Dieses Ziel sei sehr ehrgeizig, sagt Delforge, «aber Berkeley sieht sich als progressive Pionierin und will diesem Ruf gerecht werden». Die Universitätsstadt hatte schon Mitte der 1960er-Jahre als Geburtsstätte der Studentenbewegung Schlagzeilen gemacht, führte zehn Jahre später das Abfallrecycling ein und erhebt seit 2015 als erste Stadt eine Abgabe auf Süsswassergetränke.

Erdbeben und skeptische Köche

Weil die Gasleitungen jahrzehntelang vernachlässigt wurden, sind sie ein wachsendes Sicherheitsrisiko. San Francisco wurde 1906 nicht wegen des Erdbebens zerstört, sondern wegen der explodierenden Gasleitungen. Auch beim jüngsten Beben im abgelegenen Städtchen Ridgecrest waren es Brände als Folge von geborstenen Gasleitungen, die den grössten Schaden anrichteten. Niemand wagt daran zu denken, was passiert wäre, wenn das starke Erdbeben das 250 Kilometer südlich gelegene Los Angeles getroffen hätte.

Für die Stromwirtschaft ist dies eines von vielen Risiken für ihre Investitionen. Gewichtiger aber ist die Klimapolitik, sagte Darin Cline von der Pacific Gas and Electric (PG&E) an einer Sitzung des Stadtrates. «Wir sind froh um die Vorschrift. Sie erlaubt uns, Investitionen in neue Gas-Infrastrukturen zu verhindern, die mit dem geplanten Ausstieg aus den fossilen Energien nicht mehr gebraucht werden.»

Überzeugt werden müssen nicht zuletzt professionelle Köche, die die direkte, hohe Hitze von Gasherden lieben. PG&E will deshalb mit einer Demonstrationsküche und Induktionsherden beweisen, dass Kochen mit Strom ebenso machbar ist wie mit Erdgas.

Gaswerke in Existenz gefährdet

PG&E kann die Umstellung verkraften, da das Unternehmen breit diversifiziert ist. Der Konzern ist froh, dass er nicht mehr antike, teils über 80 Jahre alte Gasleitungen modernisieren muss. Schwieriger wird es für reine Gasversorger wie Socal Gas in Los Angeles. «Die Gaswerke sind höchst besorgt vor dem, was auf sie zukommt», erklärt David Pomeranz, Direktor des Energy and Policy Institute. «Die Elektrifizierung bedeutet das Todesurteil für sie. Was sie erleben werden, erinnert an das, was in der Kohleindustrie passiert ist.»

Nicht zu trennen ist der Entscheid allerdings von dem, was in Washington läuft. Die destruktive Energiepolitik der Regierung Trump, die sämtliche klimarelevanten Regulierungen rückgängig machen will, wirkt in Berkeley und darüber hinaus ganz Kalifornien als zusätzliche Motivation.

Zwar räumen die Behörden ein, dass Erdgas deutlich weniger klimabelastend ist als Kohle, aber selbst in Kalifornien noch für ein Viertel der Emissionen verantwortlich ist.

Stolz verweist man darauf, dass Sonne, Wind, Erdwärme und Wasserkraft schon über 40 Prozent zum Strommix beisteuern und dieser Trend zunimmt. Allein in Kalifornien haben mehr als 50 Städte und Gemeinden angekündet, Erdgas auszumustern und auf erneuerbaren Strom zu setzen. Als Nächstes dürften Staaten im Nordosten des Landes nachziehen, meint Delforge.

Doch selbst für die Bundesstaaten im Mittleren Westen und Süden mache die Umstellung Sinn. Zum einen verfügten sie über enorme Wind- und Solarreserven, zum anderen nimmt die Nachfrage nach Strom wegen der Autoindustrie zu. «Mit Erdgas kann die Energiewirtschaft ihre Investitionen nicht mehr amortisieren», sagt Delforge. «Die Rechnung geht nur mit Elektrizität auf.»

Erstellt: 01.08.2019, 19:06 Uhr

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