Länger zum halben Preis Zug fahren

Ein SP-Nationalrat fordert, dass Jugendliche statt nur bis 16 neu bis 21 Jahre weniger bezahlen. Die Bürgerlichen sind dagegen.

16- bis 21-Jährige sollen zum halben Preis fahren dürfen. Foto: Keystone

16- bis 21-Jährige sollen zum halben Preis fahren dürfen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist der Versuch, das Verhalten junger Menschen in bestimmte Bahnen zu lenken. Heute bezahlen Kinder ab dem sechsten bis vor dem 16. Geburtstag für ÖV-Billette den halben Preis. Von diesem Privileg sollen sie in Zukunft bis zum 21. Lebensjahr profitieren – findet zumindest Roger Nordmann. Der Waadtländer SP-Nationalrat wird diese Woche eine entsprechende Motion einreichen, wie er auf Anfrage bestätigt.

Seinen Vorstoss begründet der Fraktionschef der SP mit sozial- und klimapolitischen Überlegungen. Eine Anhebung der Altersgrenze entlaste zum einen das Budget der Jugendlichen in Ausbildung und deren Eltern. Zum anderen würden die Jugendlichen ermutigt, dem öffentlichen Verkehr treu zu bleiben, anstatt im Alter von 18 Jahren so schnell wie möglich auf das Auto oder Motorrad umzusteigen. Nordmann ist überzeugt: «Durch diese einfache Tarifmassnahme wird die neue Generation Umwelt und Klima schonen.» Der Übergang zu den höheren Ticketpreisen für Erwachsene werde so sanfter.

Im Parlament ist die Forderung umstritten. Die Gegner aus dem bürgerlichen Lager stören sich vor allem daran, dass die Politik in die Preisgestaltung der ÖV-Unternehmen einzugreifen versuche. Nach Nordmanns Vorstellung soll sich der Bundesrat bei der zuständigen Stelle für eine Anhebung der Altersgrenze einsetzen, also beim nationalen Tarifverbund «Direkter Verkehr Schweiz» (CH-direct), der rund 250 verschiedene Transportunternehmen umfasst und sich für ein einheitliches und einfaches Tarifsystem engagiert.

Branche ist offen für den Vorschlag

FDP-Nationalrat Thierry Burkart findet, die Politik solle die Verantwortung für das Marketing, wie Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren stärker an den ÖV gebunden werden können, den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs überlassen. «Eine Giesskannenlösung aus der Politik, wie von Roger Nordmann vorgeschlagen, ist nicht das richtige Instrument.» Der öffentliche Verkehr sei in den Spitzenzeiten heute schon völlig überlastet.

Auch Martin Candinas (CVP) geht der Vorschlag «zu weit» – nicht zuletzt, weil damit eine mögliche Änderung der Gesetzgebung verknüpft ist. Sollte nämlich die ÖV-Branche die Forderung ablehnen, so geht aus Nordmanns Vorstoss hervor, soll der Bundesrat eine Anpassung des Gesetzes über die Personenbeförderung oder der entsprechenden Verordnung prüfen.

Doch so weit muss es nicht kommen. Die ÖV-Branche jedenfalls zeigt sich offen. CH-direct-Sprecher Thomas Ammann spricht von einer «Massnahme, die man diskutieren kann»: «Es ist zielführend, die Jugendlichen möglichst lange im öffentlichen Verkehr zu halten.» Auch sei sich die Branche den Herausforderungen beim Jugendsortiment bewusst, insbesondere angesichts der Klimadiskussion. Ammann verweist auf neue Angebote wie das «Halbtax Jugend» für 100 Franken oder «Seven25», das bis zu einem Alter von 25 Jahren zwischen 19 und 5 Uhr zu beliebigen Fahrten in der 2. Klasse berechtigt, dies auf dem gesamten GA-Streckennetz.

Falsche Altersklasse im Visier?

Unklar ist, inwieweit der ÖV mit Nordmanns Vorstoss attraktiver würde. Die Nutzung des ÖV ist heute schon altersabhängig. Das zeigen Daten des Bundes im sogenannten Mikrozensus Mobilität und Verkehr aus dem Jahr 2015. Demnach fahren 15- bis 17-Jährige für 28 Prozent ihrer Wege mit dem ÖV. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es noch 23 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen 16 Prozent, danach sinkt der Wert weiter auf um die 10 Prozent. Aus dieser Entwicklung folgert CVP-Politiker Candinas: «Man müsste sich vielmehr überlegen, wie man die starke Abnahme bei den über 25-Jährigen bremst.» Offensichtlich sei der ÖV gerade bei den jungen Erwachsenen vergleichsweise beliebt.

Als weiteren Knackpunkt sehen bürgerliche Parlamentarier die Kosten. Gegen eine Entlastung der Familien dank günstigerer Tickets haben sie grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings müsse auch jemand die entstehenden Mindereinnahmen decken, so der Tenor.

Welche finanziellen Folgen eine Anhebung der Altersgrenze hätte, ist noch nicht untersucht. SP-Politiker Nordmann jedenfalls teilt die Bedenken der Bürgerlichen nicht. Die Billettvergünstigung führe zwar zuerst zu geringeren Einnahmen, sagt er. «Gelingt es jedoch dadurch, die Jugendlichen langfristig an den ÖV zu binden, generiert dies zusätzliche Einnahmen, welche die anfänglichen Verluste wohl kompensieren werden.»

Erstellt: 11.06.2019, 08:16 Uhr

Artikel zum Thema

ÖV-Branche krebst bei Generalabonnement zurück

Das Studenten-GA wird auf Ende 2019 nicht abgeschafft, eine Verteuerung des GA sistiert. Die Branchenorganisation CH-direct äussert sich zu den Gründen. Mehr...

Teureres GA könnte zum Bumerang werden

Die ÖV-Betriebe denken über eine Preiserhöhung nach. Weil so viele Angestellte verbilligte Abos haben, stellen sich nun heikle Fragen. Mehr...

Luxemburg macht öffentlichen Verkehr kostenlos

Ab 2020 ist das Zug- und Busfahren in Luxemburg gratis. Mehr...

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...