Lebensmittel-Ampel kommt in die Schweiz

Danone zeigt bald klarer als die Konkurrenz, wie gesund seine Produkte sind. Migros, Coop und Nestlé geraten unter Druck.

Zuckerbombe zum Frühstück oder ausgewogener Start in den Tag: Wie gesund das Müesli ist, zeigt die Lebensmittelampel Nutri-Score.

Zuckerbombe zum Frühstück oder ausgewogener Start in den Tag: Wie gesund das Müesli ist, zeigt die Lebensmittelampel Nutri-Score. Bild: Blend Images/Getty Images

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Egal ob Müesli, Tiefkühlpizza oder Joghurt: Im Supermarkt sehen die Kunden auf den ersten Blick, wie gesund oder ungesund das Produkt ist. Denn dies wird mit einer Markierung zwischen grün und rot auf der Vorderseite des Produkts signalisiert. Solche Lebensmittelampeln sind in Frankreich und Grossbritannien weit verbreitet. Doch Schweizer Detailhändler und Hersteller wehren sich dagegen. Sie fürchten wohl, dass rot gekennzeichnete Ware im Gestell liegen bleibt.

Trotz des Widerstands kommt die Nährwerteampel bald in die Schweiz. Mit Danone führt einer der weltweit grössten Lebensmittelkonzerne die Kennzeichnung bei uns ein. Der Multi setzt dabei auf die Ampel Nutri-Score, die sich im französischen Heimmarkt des Unternehmens bewährt hat. «Wir werden den Nutri-Score ab Anfang 2019 schrittweise auf allen unseren Milchprodukten in der Schweiz einführen», sagt Karim Chouch, Schweiz-Chef von Danone.

Konsumentenschützer ­kritisieren Nestlé

Konsumentenschützer und Ärzteverbände fordern schon lange eine klar ersichtliche Kennzeichnung von Lebensmitteln. Ampeln sorgten für mehr Transparenz. «Wir begrüssen die Einführung des ­Nutri-Score von Danone. Es ist eine hilfreiche Kennzeichnung», sagt Josianne Walpen, Leiterin Ernährung bei der Stiftung für Konsumentenschutz. Das von unabhängigen Wissenschaftlern entwickelte System berücksichtigt die verschiedenen Eigenschaften von Lebensmitteln pro 100 Gramm. Der Zucker im Müesli fällt negativ ins Gewicht. Dagegen werden die Nahrungsfasern oder allfällige Früchte positiv angerechnet. Daraus ergibt sich die Note auf der Skala vom grünen A bis zum roten E.

Andere Hersteller wie Nestlé sträuben sich gegen das System. Der Schweizer Multi will bald auf eine von der Industrie entwickelte Ampel setzen, die auch Konzerne wie Coca-Cola und Unilever favorisieren. Sie basiert auf Portionengrössen, die von den Unternehmen festgelegt werden. Das stösst auf Kritik. «Nestlé geht davon aus, dass nur ein halbes Ohr vom Osterhasen berechnet werden muss. Bei Nutella ist es nur ein kleines Löffelchen», sagt Barbara Pfenniger von der Westschweizer Konsumentenorganisation FRC. «So bleiben diese Produkte im gelben Bereich. Das ist irreführend.»

Auch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ist skeptisch. «Die von der Industrie vorgegebenen Portionen sind teilweise unrealistisch. Beim Müesli sind es beispielsweise 30 Gramm. Die meisten essen wohl mehr», sagt Liliane Bruggmann, Leiterin Fachbereich Ernährung beim BLV.

Migros, Coop und Emmi wollen gar keine Ampel auf ihren Produkten. Es sei nicht sinnvoll, diese in gut oder schlecht einzuteilen, sagen sie einhellig und verweisen auf ihre jeweiligen Kennzeichnungen von Inhaltsstoffen.

«Die Industrie soll sich auf ein einfaches und verständliches System einigen.»Liliane Bruggmann, BLV

Genau dieser Wildwuchs erschwert den Vergleich von Produkten. «Für die Konsumenten ist es wichtig, dass sich die Industrie auf ein einfaches und verständliches System einigen kann», sagt Liliane Bruggmann. Die Informationen auf der Rückseite der Verpackungen seien für viele Konsumenten schwer verständlich und komplex. «Der Nutri-Score ist ein Beispiel für eine hilfreiche Kennzeichnung», so die BLV-Expertin. Dies, weil er positive und negative Komponenten von Nahrungsmitteln berücksichtige. Auch die Behörden in Frankreich und Belgien empfehlen diese Ampel.

Der Entscheid von Danone bringt die übrigen Hersteller unter Zugzwang. Laut einer diese Woche veröffentlichten Befragung der Allianz der Schweizer Konsumentenorganisationen schneidet der Nutri-Score unter verschiedenen Ampeln am besten ab. Die Portionenampel von Nestlé kommt dagegen schlecht weg.

«Nestlé, Migros, Coop und die anderen grossen Hersteller sollten den Nutri-Score ebenfalls einführen, wenn ihnen eine aussagekräftige Kennzeichnung ihrer Lebensmittel wichtig ist», sagt Konsumentenschützerin Barbara Pfenniger.

Coop zeigt sich dem nicht völlig abgeneigt. Man beobachte die Entwicklungen sehr genau, sagt eine Sprecherin. «Uns liegen ak­tuell noch zu wenig Erfahrungswerte vor, welchen Einfluss Nutri-Score auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung hat», fügt sie an. Nestlé «begrüsst» andere Modelle wie den Nutri-Score, die derzeit in der Praxis getestet werden.

Danone hat in Frankreich, wo der Konzern das Label vor rund einem Jahr eingeführt hat, positive Erfahrungen gemacht. Doch meiden Konsumenten rot markierte Lebensmittel? «Die Kunden kaufen einen Schokoladenpudding auch, wenn die Kennzeichnung im roten Bereich ist», sagt Schweiz-Chef Karim Chaouch. «Es ist ein Produkt zum Geniessen, das man nicht jeden Tag isst. Viele Konsumenten können das sehr gut einordnen.» Erhebungen in Frankreich hätten derweil gezeigt, dass durch die klare Kennzeichnung mehr Gesundes in den Einkaufskorb gelange.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert einfach verständliche und aussagekräftige Labels, um der grassierenden Fettleibigkeit entgegenzuwirken. Laut OECD ist der Anteil stark Übergewichtiger in der Schweiz im internationalen Vergleich mit zehn Prozent niedrig. Allerdings erwartet sie in den kommenden Jahren einen überdurchschnittlich starken Anstieg.

Erstellt: 20.10.2018, 18:59 Uhr

Danone will in der Schweiz produzieren

Danone hatte mit seinen Milchprodukten gegenüber der lokalen Konkurrenz zuletzt einen schweren Stand. «Wir haben in der Schweiz in den letzten Jahren Umsatz verloren. Das muss sich ändern», sagt Karim Chaouch, der seit Juli letzten Jahres Schweiz-Chef des in ­Paris ansässigen Multis ist.

Ab kommendem Jahr wolle Danone gegenüber anderen Anbietern zulegen. Bislang produzierte der französische Multi seine Joghurts und Quarks im Ausland. Doch Danone will auch auf die Schweiz setzen. «Wir planen, in den kommenden Jahren neue Produkte in der Schweiz herzustellen», sagt Chaouch. Eine Schweizer Flagge auf der Verpackung komme hierzulande gut an.

Der Konzern setzt weltweit auf das Thema Gesundheit. Mit der Einführung der Lebensmittel-Ampel (Bild) verspricht sich Danone auch einen Wettbewerbsvorteil. «Wir glauben, dass wir mit gesünderen Produkten und einer leicht verständlichen Kennzeichnung auch Marktanteile gewinnen können», sagt Chaouch.

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