Nicht vom Fach

Christine Lagarde würde quasi als «Ungelernte», als erste Nicht-Ökonomin die EZB-Spitze übernehmen. Manko oder Vorteil?

Beinahe war ihre Karriere am Ende – jetzt steht Christine Lagarde wieder im Zentrum des Interesses. Foto: Aaron Bernstein/Reuters

Beinahe war ihre Karriere am Ende – jetzt steht Christine Lagarde wieder im Zentrum des Interesses. Foto: Aaron Bernstein/Reuters

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Kurz vor Weihnachten des Jahres 2016 hing Christine Lagardes Karriere für einen kurzen Moment am seidenen Faden – und wer weiss: Wäre die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) irgendeine Durchschnittspolitikerin, sie hätte vielleicht wirklich gehen müssen.

Doch Lagarde ist vieles, aber sicher kein Durchschnitt, und so entschieden sich die 189 IWF-Mitgliedsstaaten ohne Gegenstimme dazu, sie trotz des Schuldspruchs eines Pariser Gerichts wegen «Fahrlässigkeit» in ihrem früheren Amt als französische Finanzministerin auf ihrem Posten zu belassen. Zu gross waren die Verdienste, die sie sich am Sitz des Fonds in Washington und in der Welt erworben hatte.

Sie wäre die erste Frau an der Spitze der EZB

Nun geht Christine Lagarde doch noch, aber nicht wegen eines Urteils oder eines Skandals wie ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn, sondern weil die Mitgliedsstaaten der Euro-Zone sie auf einen Posten hieven wollen, der womöglich noch bedeutender ist: Die 63-Jährige soll als Nachfolgerin von Mario Draghi Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) werden – ein Job, den auch der deutsche Bundesbankpräsident Jens Weidmann gerne übernommen hätte. Wird Lagarde bestätigt, wäre sie die erste Frau und die erste Nicht-Ökonomin an der Spitze der EZB. Anders als ihre drei Vorgänger war sie auch nie Chefin einer nationalen Zentralbank.

Puristen aus der Welt der Wissenschaften und der Finanzmärkte werden sich womöglich daran stören, dass Lagarde nie in einer Volkswirtschaftsvorlesung gesessen, keine geldpolitischen Aufsätze verfasst und Notenbanken bisher nur als Besucherin betreten hat. Stattdessen studierte sie Jura und machte in den USA Karriere als Anwältin, bevor sie während der Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 als französische Finanzministerin von sich reden machte. Damit ist ihr Werdegang für einen Zentralbanker tatsächlich ungewöhnlich – aber nicht gänzlich ohne Vorbild: Auch Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, ist gelernter Jurist.

Konkurrenten für den EZB-Job: Christine Lagarde und der deutsche Bundesbankchef Jens Wiedmann. Foto: Keystone

Dass Lagarde nie geldpolitischen Seminaren beigewohnt hat, bedeutet nicht, dass sie von dem Thema nichts verstünde. Im Gegenteil: Seit mehr als einem Jahrzehnt nimmt sie regelmässig an den Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der G7 und der G20 teil, sie besucht und empfängt Zentralbanker, hält Reden und gibt Interviews zu geldpolitischen Fragen. Vor allem aber: Die Französin hat bewiesen, dass sie eine grosse, einstmals sehr unbeliebte Institution erfolgreich führen und deren Image verändern kann. Unter ihrer Leitung behandelt der IWF – anders als noch in den Neunziger Jahren – finanzschwache Länder nicht mehr als Bittsteller und verzichtet auf Reformauflagen, die allzu extreme soziale Härten nach sich ziehen würden. Das wird mittlerweile selbst von vielen Globalisierungskritikern und Entwicklungshilfe-Aktivisten anerkannt.

Darüber hinaus öffnete Lagarde den Fonds für Themen wie wirtschaftliche Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit, Ungleichheit, Armut und Umweltschutz, die vor Beginn ihrer Amtszeit im Jahr 2011 kaum eine Rolle spielen. Mitunter ging sie dabei so weit, dass die Kernaufgaben des IWF, also die Sicherung von Finanzstabilität sowie die Förderung von Wachstum, Wohlstand und Handel, aus Sicht von Kritikern beinahe zu kurz kamen. Im aktuellen Handelsstreit der USA mit China, Europa, Mexiko und Japan etwa meldete sich die Fonds-Chefin zwar zu Wort, ihre Mahnungen verhallten jedoch ungehört.

Vielleicht ist eine kluge Juristin und erfahrene Krisenmanagerin die bessere Wahl als ein Ökonom.

Zu Lagardes grössten Stärken zählt wohl, dass sie es versteht, unterschiedliche Interessen auszugleichen. Sie kann zuhören, gilt als ebenso versierte wie zugleich charmante, verlässliche und standfeste Gesprächspartnerin, deren Gegenüber selbst dann von ihr schwärmen, wenn sie völlig anderer Meinung sind. Der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble etwa liess selbst dann nichts auf die gross gewachsene, stets perfekt gekleidete Grande Dame der Weltfinanzpolitik kommen, als er Griechenland aus der Euro-Zone werfen wollte und völlig mit ihr über Kreuz lag. Dass sie mit ihrer Mischung aus Kompetenz und Eleganz auf einem nach wie vor von Männern dominierten Politikfeld reüssierte, ohne sich zu verbiegen, brachte ihr ebenso ein Foto auf dem Titel des US-Politikmagazins «Time» wie ein grosses Porträt in der Modezeitschrift «Vogue» ein.

Christine Lagarde auf dem «Time»-Cover vom April 2013.

Wahrscheinlich rührt Lagardes Gelassenheit daher, dass sie mit gleich 189 Anteilseignern klarkommen muss, vom wohlhabenden Industriestaat bis zum Entwicklungsland. Die Liste der Staats- und Regierungschefs, mit denen sie zu tun hat, reicht von US-Präsident Donald Trump bis zu dessen venezolanischen Kontrahenten Nicolás Maduro – grösser könnte die Spanne kaum sein. Diese Mischung aus Flexibilität und Verbindlichkeit wird ihr auch als EZB-Chefin nutzen, denn die Notenbank muss wegen der nach wie vor unterschiedlichen geldpolitischen Vorlieben in Europa, der Niedrigzinspolitik sowie populistischer Anwürfe von rechts wie links bekanntlich fast täglich eine Art Spagat vollführen.

Vielleicht ist eine kluge Juristin und erfahrene Krisenmanagerin vor diesem Hintergrund die sehr viel bessere Wahl als ein in zahllosen geldpolitischen Theoriedebatten gestählter Ökonom. Das gilt umso mehr, als Lagarde in Frankfurt einen ganzen Apparat voller versierter Experten und Vorstandskollegen vorfinden wird. Die wichtigsten Entscheidungen fallen ohnehin im Rat, dem zusätzlich zur EZB-Spitze auch die Chefs aller Euro-Mitgliedsnotenbanken angehören. Dort wird «Madame Lagarde», wie sie überall genannt wird, auch Bundesbankpräsident Weidmann wiedertreffen, den sie kennt und schätzt – und jetzt ausstach.

Erstellt: 03.07.2019, 09:47 Uhr

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