SBB stemmen sich gegen Google und Amazon als Ticketverkäufer

Der Bundesrat will das Ticketmonopol im öffentlichen Verkehr knacken – zum Unmut der Bahnfirmen.

Wer digitale Tickets verkauft, braucht auch den Zugriff auf sensible Personendaten. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Wer digitale Tickets verkauft, braucht auch den Zugriff auf sensible Personendaten. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Heute ist der Verkauf von Zug-, Bus- und Trambilletten in der Schweiz den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs überlassen. Geht es nach dem Bundesrat, könnte sich das ändern. Dritte wie Mobility, Uber, Starticket oder Google könnten dann ebenfalls SBB- oder Bus- und Tramtickets verkaufen. Die öffentlichen Transportunternehmen sollen die nötigen Daten bereitstellen müssen, damit Private in den Markt eintreten können, so die Idee.

Beim Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) sorgt das für wenig Begeisterung: Wenn der Markt geöffnet werde, bestehe die Gefahr, dass ein Teil der Einnahmen an Private oder sogar ins Ausland abfliesse, sagt VÖV-Sprecher Roger Baumann. Damit schade sich der Bund letztlich selbst. Denn der öffentliche Verkehr werde zu fast 50 Prozent durch den Steuerzahler finanziert. Wie gross der Anteil der Vertriebseinnahmen am Budget ist, ist nicht bekannt. Die SBB wollten sich nicht zum Vorschlag des Bundesrats äussern. Man teile die Meinung der Branche, hiess es. Ein Insider sagte aber, die SBB wehrten sich mit Händen und Füssen gegen den Vorschlag.

Die Branchenmeinung ist nicht so einhellig, wie es die SBB darstellen. Der VÖV, dessen mit Abstand wichtigstes Mitglied die SBB sind, spricht sich zwar klar gegen den Vorschlag aus. Kleinere Bahnunternehmen positionieren sich aber weniger eindeutig. Der Südostbahn und der BLS ist es wichtig, dass faire Rahmenbedingungen definiert werden, etwa dass der Datenaustausch gegenseitig erfolgen müsse. Sie lehnen die Datenfreigabe aber nicht per se ab.

Billette von Tür zu Tür

Hintergrund des Bundesratsvorstosses ist die Digitalisierung im Ticketverkauf. Statt am Schalter oder am Automaten kaufen Passagiere ihre Billette immer häufiger online oder per App. Das schafft Raum für neue Verkaufsformen: etwa für Apps, die eine Reise von Tür zu Tür planen, unabhängig vom Verkehrsmittel. Sie enthalten nicht mehr nur Bahn-, Bus-, Tram- und Schiffsverbindungen, sondern auch Fahrten mit Carsharing- oder Taxianbietern. Im Ausland gibt es bereits Apps, über die der Kunde direkt die gesamte Reise bezahlen kann.

Auch in der Schweiz sind entsprechende Lösungen im Kommen: der Reiseplaner der SBB etwa, die Plattform Abilio von der Südostbahn und Siemens oder die App Nordwestmobil von Postauto, den Basler Verkehrsbetrieben, dem TCS und anderen.

In einer Art Digitalisierungsoffensive möchte der Bundesrat die Entwicklung solcher Angebote begünstigen. Es gehe darum, zukunftsfähig zu sein, sagt Gregor Saladin vom Bundesamt für Verkehr. Denkbar sei etwa, dass Plattformen wie Ebookers die Schweizer ÖV-Verbindungen integrierten. Wer einen Flug von Zürich nach London suche, erhielte dann auch Flüge von Basel nach London vorgeschlagen, inklusive des Zugtickets von Zürich nach Basel.

Statt am Schalter werden Billette immer häufiger online gekauft. Das schafft Raum für neue Verkaufsformen.

Das Bundesamt hat zum Thema eine Studie beim Berner Forschungsinstitut Ecoplan in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wurde vor einer Woche publiziert –und empfiehlt genau das, was der Bundesrat nun anstrebt: die Öffnung des Ticketvertriebs für Dritte. «Damit entsteht potenziell mehr Kreativität und Innovation im ÖV-Vertrieb durch branchenfremde Unternehmen», schreiben die Autoren. Es sei zu erwarten, dass dies zu einer grösseren Angebotsvielfalt mit einer hohen Nutzerorientierung führe. Zudem könne sichergestellt werden, dass die Schweiz im internationalen Kontext nicht abgehängt werde, weil so Innovationen aus dem Ausland auch in der Schweiz umgesetzt werden könnten.

Die Autoren sprechen auch mögliche Risiken an: dass die Eigenwirtschaftlichkeit der Transportunternehmen sinke und der Bund diese folglich stärker unterstützen müsse. Und dass sich die Servicequalität verschlechtere, weil beispielsweise der Umtausch und die Rückerstattung von Tickets beschränkt werden. Diese Risiken liessen sich jedoch begrenzen, indem Bedingungen für den Zugang zu den Daten definiert würden.

Um welche Daten geht es genau? Laut Thomas Ammann vom Tarifverbund des öffentlichen Verkehrs (ch-direct) sind es zwei Arten von Daten: einerseits die Angaben zur Aufteilung der Billettpreise. Bei einem Ticket von Bern-Zytglogge nach Zürich-Paradeplatz geht je ein Teil des bezahlten Preises an die SBB, an Bernmobil und den Zürcher Verkehrsverbund. In welchem Verhältnis die Einnahmen aufgeteilt würden, ist vordefiniert. Will ein privater Anbieter Tickets verkaufen, müsste er in dieses System integriert werden.

Damit verbunden wäre laut Ammann ein Zugriff auf die Personendaten. Denn die Drittanbieter müssten auch Informationen zu den Inhabern von Abonnements wie GA oder Halbtax erhalten. Da gehe es um sensible Daten wie Geburtsdatum und Wohnort, an denen Anbieter wie Google sicher interessiert seien. Hier sei Vorsicht geboten, so Ammann.

Bis zur Datenfreigabe muss der Vorschlag des Bundesrats allerdings noch einige Hürden nehmen. Bis Ende 2018 soll nun das Umwelt- und Verkehrs­departement (Uvek) erst mal eine Vernehmlassungsvorlage erarbeiten.

Erstellt: 08.12.2017, 21:41 Uhr

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