Am Anfang einer gewaltigen Revolution

Neue Technologien schaffen ungeahnten Fortschritt – machen künftig aber auch gut qualifizierte Jobs überflüssig.

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Cray-2 war 1985 eine Sensation. Der so genannte Vektorsupercomputer war der schnellste Rechner, der bis dahin hergestellt wurde. Mit einem Gewicht von 2,5 Tonnen war er deutlich leichter als seine Vorgänger. Nur dreissig Jahre später kann selbst ein Smartphone mehr als Cray-2. Während dieser noch über 35 Millionen Dollar (in aktuellen Preisen) kostete, bekommt man ein Smartphone für einige Hundert Franken.

Technologische Entwicklungen treiben den Fortschritt schon seit Jahrhunderten an. Erfindungen wie die Dampfmaschine, der Benzinmotor, die Elektrizität oder die Wasserspülung haben die Art, wie Menschen leben, produzieren und arbeiten in den letzten rund 200 Jahren komplett umgepflügt. Bis zur industriellen Revolution war die Erde für die Menschen ein Jammertal: Die Einschätzung des Pfarrers und Ökonomen Thomas Malthus zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Elend und Hunger werde die Menschheit immer wieder dezi­mieren, war durch Jahrtausende lange Erfahrung belegt.Seither hat sich das Einkommen eines Westeuropäers verfünfzigfacht, die Lebens­erwartung verdreifacht. Und trotz des Reichtums und der Möglichkeiten, die vor wenigen Generationen noch undenkbar waren, arbeiten wir sehr viel weniger als unsere Vorfahren.

Angst vor kreativer Zerstörung

Bahnbrechende Innovationen ver­bessern aber nicht nur die Lebensbedingungen, sie führen auch zu «kreativer Zerstörung», wie der Ökonom Joseph Schumpeter in den 1940er-Jahren schrieb. Mit ihnen geht eine gewaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzung und Umverteilung einher: Hergebrachtes Wissen, Erfahrung, Arbeits­gewohnheiten, Einkommensmöglichkeiten, Machtpositionen werden obsolet. Ganze Berufsgattungen verschwinden, gänzlich neue entstehen: «Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können.» Mit dieser Mischung aus Bewunderung und Anklage haben schon Karl Marx und Friedrich Engels im «Kommunistischen Manifest» 1848 die Dynamik der technologischen Entwicklung beschrieben.

Diese kreative Zerstörung hat schon immer Ängste ausgelöst: Gefährdet sind all jene, die ihre Existenz und ihren Einfluss den hergebrachten Strukturen und Produktionsmethoden verdanken – also die Mehrheit. Schon zu Beginn der industriellen Revolution führte das dazu, dass Arbeiter Fabriken und Maschinen zerstörten. Auch in der Schweiz.

Totalersatz von Arbeitskraft

Die atemberaubende Entwicklung der Computer-, IT- und Robotertechnologie der letzten Jahre verleiht diesen alten Ängsten neue Dringlichkeit. Die Konkurrenz durch den internetbasierten Taxidienst Uber treibt Taxifahrer weltweit auf die Strassen. Hotels fürchten sich vor Airbnb. Autoren, Musiker, Journalisten, selbst Lehrer sorgen sich, weil ihre Dienste billig oder sogar kostenlos be­zogen werden können.

«Millionen von Arbeitsplätzen werden bereits durch Roboter und Software ersetzt», sagt Ökonom Erik Brynjolfsson, einer der führenden Experten für die Folgewirkungen der IT-Entwicklung. Mit seinem Kollegen Andrew McAfee hat er mit «The Second Machine Age» (Das zweite Maschinenzeitalter) einen Weltbestseller zum Thema verfasst.

Während neue Technologien bisher vor allem Berufe verdrängt haben, die keine höhere Qualifikation erfordern, sind zunehmend auch hochqualifizierte Jobs betroffen: Computer können immer besser analysieren, Sprachen erkennen, kommunizieren, Entscheidungen fällen, lernen.

In der Vergangenheit haben die durch die technologische Entwicklung neu ­gewonnene Freiheit und der wachsende Wohlstand stets neue Bedürfnisse und Kaufkraft hervorgebracht – und damit neue Berufe und Jobs geschaffen, die die alten mehr als ersetzt haben.

Was aber, wenn es dieses Mal anders ist? Wenn die neuen Bedürfnisse dereinst ebenfalls von Computern oder Robo­tern befriedigt werden können? Ökonomen wie Brynjolfsson und McAfee sind überzeugt, dass diese Gefahr real ist. Sie glauben, dass es in Zukunft weniger Arbeitsplätze geben wird. Halten werden sich am ehesten noch jene Jobs, bei denen der zwischenmenschliche Kontakt für das Angebot wesentlich ist: Wer will schon von einem Roboter frisiert werden. In einem aktuellen Artikel in der US-Zeitschrift «Foreign Affairs» vergleichen die Ökonomen das Schicksal der menschlichen Arbeit mit jenem der Pferde: In der ersten Phase der industriellen Revolution erlebten sie einen Boom: Sie wurden gebraucht, um das Wachstum zu bewältigen – bis der Benzinmotor ihre wirtschaftliche Funktion weitgehend ersetzt hat.

Die neue Ungleichheitsdebatte

Klar ist: Das Computer- und Roboterzeitalter sorgt nicht von sich aus für einen sozialen Ausgleich – im Gegenteil. Das zeigt sich heute schon auf dem Arbeitsmarkt. Das Internet hat zudem einen Weltmarkt geschaffen, der dem Modell der perfekten Konkurrenz der Ökonomen so nahe kommt wie nichts vor ihm. Wer sich hier – wie Google, Facebook, Twitter oder Apple durchsetzt, lässt alle anderen hinter sich. Ökonomen sprechen vom «The winner takes it all»-Phänomen. Der Sieger räumt ab. Das zeigt sich auch bei Musikern, Sportlern oder Unternehmensführern. Gewinner sind jene Akteure mit genug Kapital – sei das nun Finanz- oder Humankapital –, die sich schnell genug mit dem gefragtesten Angebot positionieren.

Das Risiko, das mit solchen sozialen Umwälzungen einhergeht, mischt sich seit der Finanzkrise zudem mit der Sorge vor einem Zeitalter mit einer schwachen Wirtschaftsentwicklung. Mit seiner Warnung vor einer Jahrhundert­stagnation («Secular Stagnation») ist der Ökonom und Ex-US-Finanzminister Larry Summers zum wichtigsten Ver­treter dieser Angst geworden. Gemäss seiner Analyse sind es vor allem zu wenig Investitionen im Vergleich zu früher, die diesen Pessimismus begründen.

Robert Gordon, ein anderer US-Ökonom von Weltrang, fokussiert dagegen auf den Umstand, dass trotz aller technologischen Fortschritte die Produktivität zurückgegangen ist. Er nimmt das als Hinweis dafür, dass das Computer­zeitalter letztlich die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft nicht wie erhofft steigert, während andere Entwicklungen, wie etwa die zunehmend Alterung der Gesellschaft, die hohe private und öffent­liche Verschuldung und die wachsende Ungleichheit den Gang der Wirtschaft weltweit bremsen.

Das Problem heutiger Messsysteme für Wirtschaftswachstum und Produktivität ist allerdings, dass die Möglichkeiten neuer Technologien damit nur ungenügend erfasst werden – auch weil viele Produkte in der digitalen Welt ganz oder fast gratis zu haben sind. Doch selbst Ökonomen wie Erik Brynjolfsson ge­stehen ein, dass Investitionen im neuen Zeitalter im Vergleich zu den einstigen kapital- und arbeitsintensiven Produktionsmethoden eine geringere Bedeutung haben: «Heute beeinflussen Internetkonzerne zwar das Leben von Milliarden von Menschen. Sie brauchen dafür aber viel weniger Arbeitskräfte oder Kapital als frühere Produzenten.»Mit einer schwächeren Wirtschaftsentwicklung verschärft sich das Problem einer geringeren Arbeitsnachfrage und grösseren Ungleichheit zusätzlich. Das ist allerdings kein taugliches Argument gegen den technischen Fortschritt, sondern vielmehr eins für eine Politik, die für Ausgleich sorgen muss – damit möglichst alle an den neuen Möglichkeiten partizipieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2015, 21:53 Uhr

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