Ausländische Investoren hebeln Abzockerartikel aus

Eine neue Auswertung zur Minder-Initiative zeigt: Aktionäre stimmen in über 90 Prozent der Fälle den Vergütungsanträgen des Verwaltungsrats zu.

Bei bindenden Abstimmungen über Löhne sind im Schnitt 92 Prozent der Aktionäre einverstanden. Foto: Michele Limina (Keystone)

Bei bindenden Abstimmungen über Löhne sind im Schnitt 92 Prozent der Aktionäre einverstanden. Foto: Michele Limina (Keystone)

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Die Schweiz scheint sich an die hohen Managerlöhne gewöhnt zu haben. Die Aufregung um exzessive Vergütungen ist bedeutend kleiner als in anderen Jahren, die General­versammlungs­saison 2015 gab deutlich weniger zu reden als frühere. Anlass zur Empörung hätte es jedoch auch in diesem Jahr gegeben. So hat der Vermögensverwalter GAM seinem neuen Konzernchef Alex Friedman ein aktienbasiertes Bonusprogramm geschnürt, das im Verlauf von fünf Jahren einen Wert von 176 Millionen Franken erreichen kann. Der Pharmakonzern Novartis seinerseits liess sich für seine neunköpfige Geschäftsleitung eine Gesamtsumme von 84 Millionen Franken für 2016 gutheissen. Das ergäbe pro Topmanager 9,3 Millionen Franken, falls der Maximalbetrag ausgeschöpft wird.

Zwar ist es nachvollziehbar, dass sich die Wut der Bevölkerung über die Zeit legt, weil sich eine gewisse Ermüdung einstellt und sich das Interesse anderen Themen zuwendet. Zumal die Zeiten der ganz grossen Exzesse vorbei sind, Konkurrenzverbote oder Extraboni für einzelne Manager in der Höhe von 70 Millionen Franken, wie sie bei Novartis und der Credit Suisse vorkamen, gehören der Vergangenheit an. Und wenn sie dann doch zutage gefördert werden – wie etwa bei GAM –, betrifft es Firmen, die nicht im Zen­t­rum des öffentlichen Interesses stehen.

Weit erstaunlicher ist jedoch, dass auch die Eigentümer der Firmen kaum Anstoss an den hohen Summen nehmen. Dabei haben die Aktionäre in diesem Jahr dank der Abzockerinitiative erstmals die Möglichkeit, bei der ganz grossen Mehrheit der börsen­kotierten Firmen die Vergütung für den Verwaltungsrat und die Konzernleitung abzulehnen. Und zwar nicht nur symbolisch.

Das Problem der Angelsachsen

Gebrauch machen sie von diesem Instrument aber kaum. Das zeigt die hohe Zustimmungsrate zu den bindenden Abstimmungen über die Vergütungen: Im Durchschnitt haben in den letzten Wochen 92 Prozent der vertretenen Aktionäre die Löhne und Boni gutgeheissen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung von 157 Generalversammlungen des Vergütungsberaters ­Hostettler & Company.­

Anders sieht es bei der konsultativen Abstimmung über den Vergütungsbericht aus, welche die Mehrheit der Firmen trotz der bindenden Voten weiterhin durchführt. Hier sinkt die durchschnittliche Zustimmungsrate auf 83 Prozent. Woher kommt diese Differenz? Fehlt den Aktionären etwa der Mut, bei der bindenden Ab­­stimmung ein Zeichen zuhanden des Verwaltungsrats zu setzen?

Die Antwort darauf ist mehrschichtig. Vieles geht auf das ausländische Aktionariat zurück, das die grossen Schweizer Konzerne dominiert. Gerade für die angelsächsisch geprägten Investoren steht die Frage der Vergütung nicht im Zentrum, schon gar nicht, wenn sich das betreffende Unternehmen in guter Verfassung befindet. Bindend über Managerlöhne abzustimmen, ist für sie ohnehin befremdlich. Viele unter ihnen haben denn im Vorfeld auch angedeutet, dass sie sich hüten werden, ein Njet bei dieser Frage einzulegen. Zumal die Folgen nur schwer abschätzbar sind: Immerhin steht den Managern gemäss Arbeitsrecht auch dann ein Lohn zu, wenn die Aktionäre die Entschädigung abgelehnt haben.

Schon die Aussicht auf diese Ungewissheit werde dazu führen, dass Manager nicht mehr für börsenkotierte Firmen in der Schweiz arbeiten wollten, argumentierten die Gegner der Abzockerinitiative vor der Abstimmung. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Der Grund ist klar: Die Manager wissen, dass sie aufgrund des angelsächsisch dominierten Aktio­nariats kein Nein befürchten müssen.

Diese Erkenntnis liesse den Schluss zu, dass die Abzockerinitiative letztlich ein einziger Leerlauf ist. Schliesslich trauen sich die Aktionäre – wenn überhaupt – nur bei der konsultativen Abstimmung über den Vergütungsbericht, mit Nein zu stimmen. Und diese Möglichkeit besassen viele Aktionäre bereits vor der Annahme der Abzockerinitiative.

Keine tieferen Löhne

So einfach ist es aber nicht. Das Volksbegehren hat sehr wohl seine Wirkung. Firmenvertreter, Professoren und Stimmrechtsberater betonen, dass die Unternehmen inzwischen bewusster und vorsichtiger mit dem Thema Managerlöhne umgehen. Heute werden Vergütungspläne im Verwaltungsrat ganz genau durchgerechnet, um superhohe Boni wie jenen des abtretenden Credit-Suisse-Chefs Brady Dougan zu verhindern, der einst mit seinem Vergütungspaket von über 70 Millionen Franken Schlagzeilen machte. Glaubt man den Beobachtern, hat die Höhe der Vergütungen das Maximum erreicht. Das heisst freilich auch, dass die Initiative nicht zu tieferen Löhnen führt, wie dies viele gehofft haben.

Soll die Initiative darüber hinaus Wirkung entfalten, muss bei der Umsetzung des Volksbegehrens angesetzt werden. Als der Bundesrat die Verordnung zur Abzockerinitiative erlassen hat, ist ihm unter Federführung von Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) ein folgenschwerer Fehler unterlaufen. Er hat es den Unternehmen überlassen, wie sie die bindenden Abstimmungen über die Vergütungen ausgestalten.

Wenig überraschend hat sich unter den Unternehmen mehrheitlich jene Variante durchgesetzt, die für sie am bequemsten ist: Sie lassen sich mit einem Maximalbetrag die Vergütung im Voraus von den Aktionären absegnen – Boni inklusive. So müssen sich die Topmanager nicht an ihren Leistungen messen lassen. Problematisch ist auch der Umstand, dass die Abstimmung über einen Gesamtbetrag im Voraus faktisch einem Blankocheck gleichkommt. Um beim Beispiel von Novartis zu bleiben: Insgesamt erhielt die Konzernleitung für 2014 rund 69,2 Millionen Franken. Mit dem Ja der Aktionäre beträgt das Budget für 2016 nun 84 Millionen Franken. Was das Unternehmen mit dieser Summe anstellt, bleibt dem Verwaltungsrat überlassen.

Dass ihm ein Fehler unterlaufen ist, ist mittlerweile sogar dem Bundesrat klar: Er will ihn korrigieren. Im Rahmen der Revision des Aktienrechts, in der unter anderem die Umsetzung der Abzockerinitiative geregelt wird, soll den Firmen verboten werden, sich variable Vergütungen im Voraus von den Aktionären genehmigen zu lassen.

Später Gesinnungswandel

Mit einiger Wahrscheinlichkeit kommt dieser Gesinnungswandel aber zu spät. Die Bürgerlichen, die ohnehin am liebsten die Finger von der Revision des Aktienrechts lassen möchten, wollen nicht nochmals an den Abstimmungsmodalitäten der Generalversammlungen schrauben. Im Sinne der Rechtssicherheit sollten die Firmen nicht erneut gezwungen werden, ihre Statuten zu ändern, lautet eines der Argumente.

Trotz dieser Bedenken ist diese Änderung zwingend. Einerseits, weil es Sinn macht, dass die Aktionäre die Boni erst dann genehmigen, wenn sie die Manager an ihren Leistungen messen können – also rückwirkend fürs vergangene Jahr. Und andererseits, weil die Eigentümer ihre Meinung nur dann unbelastet abgeben können, wenn sie nicht um die Folgen ihres Entscheids für das operative Geschäft fürchten müssen. Zumal die Folgen eines Neins bei den Boni längst nicht so schwerwiegend wären, wie wenn das gesamte Vergütungspaket abgelehnt wird. So gesehen ist dies der einzig richtige Weg.

Erstellt: 14.05.2015, 23:11 Uhr

Stimmverhalten nach der Abzockerinitiative

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Reaktionen

Kritiker des Volksbegehrens sehen sich bestätigt. «Die Einführung der Minder-Initiative hat nicht zu signifikant ­höheren Ablehnungsraten geführt, obwohl die Entschädigungen nach wie vor hoch sind», sagt CVP-Ständerat Pirmin Bischof. Man habe erwartet, dass die Managerlöhne sinken würden. Nun zeige sich, dass die einzige Wirkung der Initiative ein beachtlicher Mehraufwand für die Firmen und wesentlich längere Generalversammlungen seien.

Sie habe immer betont, dass die Ini­tiative alleine nicht genüge, sagt SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. So müssten etwa Löhne ab einer gewissen Höhe wie eine Ausschüttung behandelt werden. Neben dieser sogenannten Bonussteuer fordere die SP auch eine Beschränkung der variablen Löhne.

Der Initiant der Abzockerinitiative, Ständerat Thomas Minder, kritisiert in erster Linie jene Verwaltungsräte, die über die variablen Vergütungen im Voraus abstimmen lassen. «Es ist völlig falsch, über einen leistungsbezogenen Bonus für Topmanager abzustimmen, bevor das Ergebnis der Firma vorliegt.» Minder greift diesbezüglich auch SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga an. Die von ihrem Departement erlassene Verordnung sei «völlig ungenügend». Sie lasse den Unternehmen vollen Spielraum, wie über die Managerlöhne abgestimmt werde. Für ihn ist klar, dass die Aktionäre über variable Vergütungen im Nachhinein und über fixe Saläre im Voraus befinden sollen. Minder will dies im Rahmen der laufenden Revision des Aktienrechts korrigieren.

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