Bund soll CO2-Werte besser berechnen

Die Neuwagen verbrauchen mehr Benzin als von den Herstellern angegeben. Die Grünliberalen verlangen vom Bundesrat, Massnahmen einzuleiten.

Neuwagen stossen oft mehr CO2 aus, als der Hersteller angibt. Foto: C. Riedel (Keystone)

Neuwagen stossen oft mehr CO2 aus, als der Hersteller angibt. Foto: C. Riedel (Keystone)

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Die Neuwagen in der Schweiz stossen immer weniger CO2 aus – zumindest auf dem Papier. 2014 waren es durchschnittlich 142 Gramm/km, 14 Prozent weniger als 2008. Bis Ende dieses Jahres soll der Wert auf 130 Gramm sinken; so sieht es das Gesetz vor. Ein «sehr anspruchsvolles» Unterfangen, wie das Bundesamt für Energie (BFE) sagt.

Noch anspruchsvoller wäre es freilich, würde der tat­säch­liche Ausstoss der Fahrzeuge errechnet. Doch für die Klimapolitik zählen die Werte der Herstellerangaben – Werte, die eine Folge von Tests unter idealisierten Bedingungen sind, etwa Fahrten ohne Stau und ohne eingeschaltete Klima­anlage. Dazu kommt, dass die Diskrepanz zwischen Test- und Realwerten wächst. Die durchschnittliche Abweichung ist von 8 Prozent im Jahr 2001 auf 38 Prozent 2013 angestiegen .

An diesen Testbedingungen stören sich die Grünliberalen. Sie seien absurd realitätsfremd, sagt Nationalrat Thomas Maier. «Die Klimaauflagen des Bundes werden so faktisch unterlaufen.» Der Zürcher Grünliberale reicht heute eine Interpellation ein. Der Bundesrat soll auf­zeigen, wann und wie er den Norm­verbrauch der importierten Neuwagen der Realität anpassen wird. Offen ist, wer diese Tests durchführen würde und mit welchen Kosten zu rechnen wäre.

Grenzwerte anheben?

Es dürfte der GLP indes kaum gelingen, den Bundesrat für das Anliegen zu ge­winnen. So anerkennt das federführende BFE zwar das skizzierte Problem. Die Fachleute von Energieministerin Doris Leuthard (CVP) haben aber bislang den Standpunkt vertreten, es sei sinnvoller, abzuwarten, bis die EU ihr Testverfahren modifiziert habe. Dieser sogenannte neue Europäische Fahrzyklus tritt voraussichtlich nicht vor 2017 in Kraft.

Sollte ein besserer Test den ermittelten Ausstoss der Neuwagen erhöhen, stellt sich eine klimapolitisch wichtige Frage: Soll die Politik die Grenzwerte für Ende 2015 (130 Gramm) und 2020 (95 Gramm) nach oben korrigieren? Auto-Schweiz hält diesen Schritt für zwingend. Ohne Erhöhung, warnt die Vereinigung der Automobilimporteure, würden die «Klimaauflagen auf kaltem Weg» verschärft, es drohe ein Anstieg der Sanktionen für jene Importeure, die die Klimaziele verpassen (letztes Jahr beliefen sich die Bussen auf insgesamt 1,7 Millionen Franken).

Anpassung an EU?

Leuthards Amt hin­gegen würde eine Anpassung der schweizerischen Vorschriften an die EU-Werte begrüssen. Die Schweiz sei ein Auto­import­land, und die Hersteller, die diese Autos in die Schweiz lieferten, müssten sich an die europaweit geltenden Richtlinien halten, argumentiert das BFE.

Im Parlament ist die Frage um­stritten, selbst im ökologischen Lager. Die Grünen plädieren im Grundsatz zwar für strenge Vorgaben (80 Gramm bis 2020). «Wenn die EU ihre Ziele anhebt, haben wir aber Verständnis, sollte die Schweiz nachziehen», sagt Nationalrat Bastien Girod. Anders die GLP. Sie will an den heutigen Grenzwerten festhalten. «Nur so besteht genügend grosser Druck, damit die Autoimporteure ihre klimapolitische Verantwortung wahrnehmen», sagt Nationalrat Maier.

Neuer Anreiz fürs CO2-Sparen

Während die Politik über Grenzwerte streitet, laufen in der Wirtschaft eigene Bestrebungen für ökologischere Wagenparks. Einen speziellen Ansatz verfolgt Alcatel-Lucent Schweiz. Der Telecom­ausrüster setzt bei seinen Aussendienstmitarbeitern auf eine CO2-abhängige Fahrzeugpauschale: Wer ein Auto mit einem Ausstoss von mehr als 125 Gramm CO2/km besitzt, erhält einen Abzug auf seinen monatlichen Beitrag von 1300 Franken; pro Gramm sind es 13 Franken.

Mitarbeiter, deren Fahrzeug mehr als 140 Gramm CO2/km emittiert, kriegen keine Fahrzeugpauschale. Dies beschert ihnen pro Jahr gegen 16'000 Franken Mindereinnahmen. Diese finan­ziell trübe Aussicht soll dazu animieren, sich einen verbrauchsarmen Wagen anzuschaffen. Das System scheint zu funktionieren: Von den 11 Aussendienstmitarbeitern hat laut Alcatel-Lucent mehr als die Hälfte ein neues Fahrzeug unter der 140-Gramm-Grenze gekauft. Der Rest fährt bereits einen Wagen mit ge­ringeren Werten.

Das Unternehmen will so seine «ökologische Verantwortung ernst nehmen», wie Geschäftsführer Patrick Langelaan sagt. Die Initiative macht sich aber auch finanziell ausbezahlt: Verzichten die Mitarbeiter auf Benzinfresser, sinken die Treibstoffausgaben der Firma (diese sind in der Fahrzeugpauschale nicht enthalten). Laut Langelaan sind die Kosten sowie der Sprit- und der CO2-Verbrauch um ein Viertel gesunken. «Das System ist breit akzeptiert», resümiert Langelaan. Alcatel-Lucent schaffe einen «Anreiz», der den Mitarbeitern beim Einstellungsgespräch erläutert und mit ihnen besprochen werde. Von Druck zu ­sprechen, hält das Unternehmen für falsch.

Erstellt: 18.06.2015, 20:30 Uhr

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