Das Abend-GA ist ein Flop

490 Franken für ein 2.-Klasse-GA für nur sechs Monate in den Abendstunden sind zu viel. Bisher wurden nur knapp 1000 Stück verkauft. Jetzt fordern Konsumentenschützer einen besseren Preis.

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Überfüllte Züge zu den Stosszeiten. Stehen im Intercity. Diesen Herausforderungen soll mit einem neuen Abonnement begegnet werden: dem Abend-GA. Es ist ein Versuch, die Nachfragespitzen im öffentlichen Verkehr zu glätten, indem die Benutzung zu den Randzeiten gefördert wird. Seit Februar ist dieses General-Abo erhältlich, das für die Fahrt am Abend ab 19 Uhr bis in die frühen Morgenstunden gültig ist.

Dass ein solches Tarifmodell funktionieren kann, beweisen die SBB mit dem Gleis-7-Abo bereits. Es richtet sich an Jugendliche im Alter von 13 bis 25 Jahren und ist zwischen 19 Uhr abends und 5 Uhr morgens gültig, kann aber nicht auf dem gesamten Schweizer ÖV-Netz benutzt werden. Kostenpunkt: 129 Franken, Voraussetzung ist ein gültiges Halbtax-Abo. Über 100'000 Stück davon ­werden jährlich verkauft.

Die vorläufige Bilanz zum Abend-GA fällt hingegen schlecht aus. Knapp 1000 Stück sind laut Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) seit Verkaufsstart Anfang Februar abgesetzt worden. Angepeilt wurden 15'000. Dass bis Ende April diese Marke noch erreicht wird, glaubt auch der VÖV nicht: «Die 15'000 Abos waren eine Zielannahme. Diese erwies sich rückblickend als zu hoch», sagt Sprecher Andreas Keller.

Deal mit dem Preisüberwacher

Bei Pro Bahn, der Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden im öffentlichen Verkehr, werden bereits Konsequenzen gefordert: «Zu den gebotenen Bedingungen haben wir eine solche Zahl erwartet. Jetzt muss man den Mut haben, die Übung abzubrechen», sagt Präsident Kurt Schreiber. Das Konsumentenforum vermutet, dass der hohe Preis beim Verkauf des Abend-GA hinderlich war. Jetzt hofft die Organisation, dass das Angebot in einem weiteren Schritt neu ausgestaltet wird: «Aus Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten wäre eine Anpassung der Preise nach unten oder auch zusätzliche Vorteile wie Rabatte auf andere Transportleistungen zu begrüssen», sagt Sprecher Patrick ­Hischier.

Dass die ÖV-Unternehmen ein solches Abend-GA anbieten sollen, war Teil einer einvernehmlichen Regelung, die der VÖV mit dem Preisüberwacher ausgehandelt hatte und die von Dezember 2014 bis Ende 2017 gilt. «Das Abend-GA ist preislich attraktiv für Kundensegmente verschiedenen Alters zu gestalten, die den gesamten GA-Geltungs­bereich nach der Hauptverkehrszeit abends nutzen möchten», heisst es in dieser Vereinbarung.

Nicht zuletzt wurde das neue GA auch als Möglichkeit gehandelt, neue Kundengruppen für die ÖV-Nutzung zu gewinnen. Wie viel das Abo kostet, gab der VÖV Mitte Dezember 2014 bekannt. Die Verhandlung über die Details erwiesen sich offenbar als zäh. Die Festsetzung des Preises war innerhalb des VÖV umstritten, wie verschiedene Branchenvertreter gegenüber dem TA sagten. VÖV-Sprecher Andreas Keller räumt ein: «Es ist korrekt, dass in der Diskussion um das Testprodukt unterschiedliche Meinungen zur Höhe des Verkaufspreises herrschten. Per Mehrheitsentscheid wurde der Preis für den Pilotversuch bei 800 Franken (1. Klasse) und 490 Franken (2. Klasse) festgelegt», so Keller.

Der VÖV ist der Dachverband der Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz. Er setzt sich aus 127 Transportunternehmen sowie rund 180 Unternehmen aus Wirtschaft und Industrie zusammen. Ein Entscheid wie jener über die Ausgestaltung des Pilotversuchs mit dem Abend-GA wird im sogenannten Strategischen Ausschuss Direkter Verkehr gefällt. Ihm gehören die Spitzenvertreter der ÖV-Unternehmen und der Verkehrsverbünde an. Die SBB sind darin mit Jeannine Pilloud vertreten, Chefin Personenverkehr. Sie hat ein faktisches Vetorecht.

SBB sollen vorangehen

Die SBB hätten sich für einen tieferen Preis beim Abend-GA eingesetzt, heisst es aus dem Umfeld des Unternehmens. Widerstand soll es seitens der Tarifverbünde gegeben haben, die sich um ihre Verkaufszahlen bei den Einzelbilletten gesorgt hätten. Allen voran der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Weder SBB noch ZVV wollten zu diesen Punkten Stellung nehmen.

War es das Ziel der Verkehrsverbünde, mit einem zu hohen Preis das neue GA gleich von Beginn weg abzuschiessen und sich dem Druck des Preisüberwachers zu entziehen? «Dass dieser hohe Preis nicht attraktiv erscheint, erstaunt mich nicht. Ob dies gewolltes Kalkül der Branche war oder nicht, kann ich nicht beurteilen», sagt Beat Niederhauser, Stellvertreter von Preisüber­wacher Stefan Meierhans. Niederhauser geht davon aus, dass das Abend-GA mit dem Pilotversuch noch nicht beerdigt wird und «dass aufgrund dieser Zahlen ein zweiter Pilotversuch mit einem günstigeren Preis durchgeführt wird». Er ermuntert die Bundesbahnen mit ­gutem Beispiel voranzugehen: «Die SBB können die Überzeugung für das Abend-GA unter Beweis stellen, indem sie ein solches Abo in Eigenregie anbieten, sollte der VÖV das Projekt nach dem Pilotversuch abbrechen.»

Erstellt: 07.04.2015, 23:27 Uhr

Mit dem Abend-GA sollte der öffentliche Verkehr zu den Stosszeiten entlastet werden. Foto: Pascal Mora (Keystone)

Pilotprojekt

Testweise noch bis Ende April erhältlich

Abos für die bessere Auslastung des öffentlichen Verkehrs in den Randzeiten sind immer wieder im Gespräch. Der jetzt laufende Pilotversuch für ein Abend-GA geht auf eine einvernehmliche Regelung zwischen dem Preisüberwacher und dem Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) zurück. Startschuss für den Verkauf war der 1. Februar dieses Jahres. Das Abo gilt ab 19 Uhr und bis 5 Uhr am nächsten Tag und erlaubt die Fahrt auf dem gesamten Streckennetz der öffentlichen Verkehrsbetriebe in der Schweiz. Bis Ende April ist das neue GA testweise noch im Angebot. Es hat eine Gültigkeitsdauer von einem halben Jahr. Ein Erwachsener zahlt für ein Abend-GA für die 2. Klasse 490 Franken. Aufs Jahr gerechnet also 980 Franken. Zum Vergleich: Das normale GA kostet für Erwachsene in der 2. Klasse 3655 Franken.

Das Abend-GA wurde oft als Gleis-7-Ticket für Erwachsene bezeichnet. Letzteres Abo ist für Jugendliche bis 25 Jahren erhältlich und kann nicht auf dem gesamten Schweizer ÖV-Netz genutzt werden. (TA)

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