Die Generalversammlung lebt

Die Minder-Initiative gegen «Abzockerei» in den Chefetagen hat der totgeglaubten GV Leben eingehaucht. Die Beteiligungsquoten steigen und zumindest unter der Oberfläche spielen sich grosse Veränderungen an.

Aufmüpfig: Auch bei Holcim sorgten die Minderheitsaktionäre für ein Umdenken in der Strategie von VR-Präsident Wolfgang Reitzle. Foto: Keystone

Aufmüpfig: Auch bei Holcim sorgten die Minderheitsaktionäre für ein Umdenken in der Strategie von VR-Präsident Wolfgang Reitzle. Foto: Keystone

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Die Schweizer sind ein Volk von Aktionären. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass deren Aktienbesitz in den vergangen 15 Jahren von 30 Prozent des Privatvermögens auf nur mehr knapp sieben Prozent gesunken ist. Nach der Statistik der Schweizerischen Nationalbank bestand im Jahr 2013 fast ein Viertel der Haushaltsvermögen aus Ansprüchen gegenüber Pensionskassen und Versicherungen. Dieses Alterskapital ist zu einem grossen Teil in Beteiligungspapieren angelegt. Während die Sparer das Risiko dieser Anlagen zur Hauptsache selber tragen, liegt die Verfügungsgewalt allein bei den Verwaltern.

Die vor zwei Jahren vom Volk gutgeheissene Minder-Initiative gegen die «Abzockerei» in den Chefetagen der Schweizer Publikumsgesellschaften zwingt die Kassenwarte nun, die Stimmrechte auf den Generalversammlungen so weit als möglich im Sinne der Versicherten wahrzunehmen. Eine Folge davon ist, dass die Beteiligungsquoten an den Aktionärsversammlungen zunehmen. Bereits im vergangenen Jahr, als die Pflicht zur Stimmrechtsausübung noch nicht in Kraft war, lag die durchschnittliche Präsenz an den Generalversammlungen bei 60 Prozent. Im laufenden Jahr dürfte sie weiter zunehmen. Noch vor zehn Jahren lag die Rate bei deutlich unter 50 Prozent. Die Generalversammlung als Ort der Willens­bildung der Eigentümer feiert eine erstaunliche Renaissance.

Sichtbar hat sich an der Institution allerdings wenig verändert. Zwar sind die Veranstaltungen aufgrund neuer gesetzlicher Auflagen noch etwas länger geworden, und die einst reichhaltigen Buffets sind in vielen Fällen einem frugalen Angebot von abgepackten Sandwiches gewichen. Geblieben ist der folkloristische Charakter der Aktionärstreffen, bei denen die öffentlich in Erscheinung tretenden Protagonisten aus dem Publikum meist nur sehr wenig, die diskret auftretenden Herrschaften mit Anzug und Aktentasche hingegen fast alles zu sagen haben.

Bill Gates an vorderster Front

Doch unter der Oberfläche spielen sich enorme Veränderungen ab, wie auch die diesjährige GV-Saison wieder zeigt. Im Streit um den Bauchemiekonzern Sika mischt mit der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates an vorderster Front ein Aktionär mit, der noch vor wenigen Jahren aus Angst um die eigene Reputation vor einem solchen direkten Engagement gescheut haben dürfte. Auch die Anlagestiftung Ethos, welche die Stimmen zahlreicher Schweizer Pensionskassen vertritt, ist mit ihrem Einstieg in den Kampf um Sika vom kritischen Beobachter zum Akteur mutiert und hat sich damit einer nicht ganz risikolosen Strategie verschrieben. Nicht zufällig formierte sich vor zwei Jahren mit Swipra ein neuer Stimmrechtsberater in der Schweiz, der seine Positionen im Unterschied zu Ethos in auffälliger Zurückhaltung vertritt und dabei einen unternehmensfreundlicheren Kurs einhält.

Dass Öffentlichkeit und Politik den offenen Widerstand einzelner Aktionäre heutzutage nicht mehr reflexartig mit dem ruchlosen Raidertum der 1980er- und 1990er-Jahre in Verbindung bringen, ist ein Faktum, das auch im Fall des Airlinie-Catering-Unternehmens Gategroup zu beobachten ist. Aufmüpfige Hedge-Funds haben mit Unterstützung anderer Aktionäre die Firma zu einem Kurswechsel gezwungen und werden an der Generalversammlung vom 16. April zwei eigene Vertreter in den Verwaltungsrat befördern. Wie weit die Verwaltungsräte selbst grosser Publikumsgesellschaften inzwischen auch die Interessen von Minderheitsaktionären in ihre Pläne einbeziehen müssen, beweist auch der Zementkonzern Holcim, der die Bedingungen des Fusionsvorhabens mit Lafarge erst kürzlich anpassen musste, um sich am 8. Mai die Chancen auf eine Zustimmung zur nötigen Kapitalerhöhung zu bewahren.

Das sind nur die spektakulärsten Fälle einer neuen Kultur, in der sich die Macht von Verwaltungsräten in Richtung Aktionäre verschiebt. Die einst weitgehend ungefährdete Stellung der Verwaltungsräte war zweifellos der Hauptgrund dafür, dass diese aus Bequemlichkeit im Zweifelsfall eher den Interessen des Managements als jenen der Aktionäre nachkamen. Dass sich die Managersaläre inzwischen mindestens in der Tendenz klar nach unten bewegen, ist ein klares Zeichen für die eingetretenen Veränderungen.

«Cyber-GV» bald in der Schweiz?

Mit der im November vorgestellten Aktienrechtsrevision, die eine Vielzahl von Bestimmungen zur Stärkung der Aktionärsrechte enthält, will der Bundesrat diesen Weg weitergehen. Das Gesetz sieht unter anderem deutlich tiefere Schwellenwerte für die Einflussnahme der Aktionäre auf die Generalversammlung vor. Neu soll zum Beispiel die Hürde für die Traktandierung eines Antrages bei 0,25 Prozent des Aktienkapitals festgelegt werden. Bisher musste ein Aktionär dafür Beteiligungsrechte im Nennwert von mindestens einer Million Franken beibringen. Am Beispiel UBS sinkt die Schwelle damit von 190 Millionen auf 160 Millionen Franken.

Deutlich stärker ins Gewicht fällt der bundesrätliche Vorschlag, die Hürde für die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung bei drei Prozent statt wie bisher zehn Prozent festzulegen. Zusätzlich will das Gesetz einen Anreiz für die aktive Teilnahme der Aktionäre an der Generalversammlung schaffen, in dem er diesen das Recht auf eine 20 Prozent höhere Dividende einräumt. Das sind neben den geplanten verschärften Bestimmungen zum Vergütungsrecht nur einige der 150 Artikel des Gesetzes.

Die vor noch nicht allzu langer Zeit für faktisch tot erklärte Generalversammlung könnte damit einen neuen Frühling erleben. Der Trend zur Stärkung der Aktionärsmacht ist mindestens in den USA schon weit fortgeschritten. 2013 haben Aktionäre dort nicht weniger als 850 eigene Traktanden in die Generalversammlungen eingebracht. Eine Vorreiterrolle nimmt Amerika auch ein, wenn es um Massnahmen zur Steigerung der Teilnahme geht. Im Bundesstaat Delaware sind virtuelle Aktionärsversammlungen schon seit 15 Jahren möglich, und bereits 60 Prozent der Firmen lassen Eigentümer aus der Distanz an der Versammlung partizipieren. Diese «Cyber-GV» soll nach dem Willen des Bundesrates bald auch in der Schweiz möglich werden.

Erstellt: 14.04.2015, 08:45 Uhr

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