Dieses Investmentbanking ist veraltet

Anleger reagieren euphorisch auf die Abgänge der beiden Co-CEOs der Deutschen Bank. Sind die Hoffnungen auf einen Wandel berechtigt? Ein Blick auf die Chancen einer Bank, die in 6000 laufende Verfahren verwickelt ist.

Nehmen den Hut: Die beiden Co-CEOs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen (links) und Anshu Jain. (Foto: Keystone/Michael Probst)

Nehmen den Hut: Die beiden Co-CEOs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen (links) und Anshu Jain. (Foto: Keystone/Michael Probst)

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Der am Sonntag überraschend angekündigte Abgang der beiden Co-CEOs der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, hat einige Gemeinsamkeiten mit dem im März verkündeten Chefwechsel bei der Credit Suisse. Dabei steht vor allem das Ausscheiden von Anshu Jain bereits Ende dieses Monats im Zentrum (Fitschen soll noch ein Jahr bleiben). Am 10. März wurde bekannt, dass CEO Brady Dougan von Tidjane Thiam abgelöst wird, der bisher als Chef des Versicherers Prudential tätig ist. Jain wie Dougan verdanken ihre ganze Karriere dem Investmentbanking.

Mit ihrem Abgang rückt sowohl im Fall der Deutschen Bank wie in jenem der Credit Suisse die Frage ins Zentrum, ob dieser Geschäftsbereich künftig zurückgefahren wird. Und in beiden Fällen reagieren die Anleger auf den Chefwechsel euphorisch. Die Aktie der Deutschen Bank startete mit einem Plus von mehr als acht Prozent in den Tag, jene der Credit Suisse am 10. März, als Dougans Abgang kommuniziert wurde, legte bis Handelsschluss um 7,8 Prozent zu.

Hoffnung auf Wandel

In beiden Fällen ist alles andere als klar, wie berechtigt die Hoffnungen auf einen Wandel tatsächlich sind. Die Frage stellt sich bei der Deutschen Bank noch dringlicher als bei der Credit Suisse. Als Vorbild für eine gewünschte strategische Neuausrichtung wird für beide immer wieder die UBS ins Feld geführt, die ihr Investmentbanking drastisch zurückgefahren hat und nun hauptsächlich auf die Vermögensverwaltung für die Reichen und Superreichen der Welt setzt. Darin liegt auch eine Botschaft durch die Ernennung des Briten John Cryan als designierter neuer und alleiniger CEO des führenden deutschen Finanzinstituts. Cryan war als Finanzchef der UBS mitbeteiligt an der Ausrichtung der grössten Schweizer Bank und hat sich damals auch für seine offene und aufrichtige Kommunikation sehr viel Lorbeeren eingeheimst.

Doch ein Wandel in Richtung UBS ist für die Credit Suisse und erst recht für die Deutsche Bank schwieriger zu bewerkstelligen, da die Investmentbank bei beiden Instituten seit vielen Jahren eine weit grössere Bedeutung innehatte und noch immer hat. Das gilt ganz besonders für die Deutsche Bank, deren Vermögensverwaltungsgeschäft weit schwächer ist als etwa jenes der Credit Suisse. Womit ihr diese Alternative nicht zur Verfügung steht. Dasselbe gilt für das sogenannte «Retailbanking» – dem Geschäft mit dem deutschen Kleinkunden. In diesem lässt sich dank der faktischen Subventionierung der Landesbanken für ein unabhängiges Institut kein Geld verdienen. Dass die Deutsche Bank jetzt die zugekaufte Postbank wieder loswerden will, zeugt davon.

Die Deutsche Bank ist daher mehr als alles andere eine Investmentbank. Das ist nicht nur die Folge der Strategie von Anshu Jain, sondern auch des vormaligen Chefs des deutschen Geldhauses, des Schweizers Joe Ackermann, der zuvor selbst bei der Credit Suisse im Spitzenmanagement tätig war.

Der Fall der Investmentbanker-Stars

Bis zur Finanzkrise waren Ackermann, Jain und ganz generell die Investmentbanker noch die gefeierten Stars. Damals ging es mit den Aktienkursen der Deutschen Bank wie der Credit Suisse praktisch parallel und stark nach oben. Doch danach stürzten sie – ebenfalls praktisch parallel – drastisch ab. Der Euphorie von zuvor ist eine nüchterne Analyse mit nüchternen Resultaten gewichen: Über einen langen Zeitraum haben Investmentbanken den Aktionären wenig gebracht ausser starken Kursschwankungen. Profitiert haben dagegen die Investmentbanker selbst – die Kosten vor allem für Boni und Entschädigungen sind dort sehr viel höher als in jedem anderen Geschäftsfeld.

Ebenfalls erst mit der Krise in den Fokus gerückt ist schliesslich, dass sich die zuweilen hohe und hoch angestrebte Eigenkapitalrendite vor der Krise nicht einem operativ nachhaltigen Erfolg als vielmehr hohen eingegangenen Risiken verdankt hat. Allen voran einer extrem dünnen Eigenkapitaldecke, gemessen an der gesamten Bilanzsumme. Man spricht dann von einer tiefen «Leverage Ratio». Diese ist, gemessen an den ab 2019 geltenden Erfordernissen des Regelwerks von Basel III, sowohl bei der Deutschen Bank wie auch bei der Credit Suisse nach wie vor ausserordentlich tief und notiert um die drei Prozent (gemessen am Kernkapital CET1). Mit den neuen Regulierungen werden nicht nur generelle höhere Eigenkapitalpuffer verlangt, zudem müssen die einst lukrativen Geschäfte des Investmentbankings mit mehr Kapital unterlegt werden, was dieses Geschäft deutlich verteuert und teilweise unrentabel macht.

Dazu kommt, dass eine Kultur für Recht und Unrecht gemessen an den Folgen bei Investmentbanken einen besonders geringen Stellenwert hatte. Das zeigt ein Blick auf die laufenden Verfahren. Ob sich seither etwas gebessert hat, wird erst die Zukunft weisen. Die Deutsche Bank ist in sage und schreibe 6000 laufende Verfahren verwickelt. Praktisch in allen Arten von Fehlverhalten der letzten Jahre ist sie verwickelt: Vom Verbriefen von Schrotthypotheken bis zur Manipulation von Libor-Sätzen und Währungskursen. Für die Rolle im Libor-Skandal hat die Bank bereits eine Busse von 2,5 Milliarden Dollar bezahlt. Wie eine aktuelle Studie der CCP Research Foundation über die Kosten für Verfahren in den Jahren 2010 bis 2014 zeigt, musste die Deutsche Bank dafür insgesamt umgerechnet 14,3 Milliarden Dollar hinblättern. Selbst die Credit Suisse kommt im Vergleich dazu mit 8,5 Milliarden Dollar deutlich besser weg, die UBS mit 8,2 Milliarden Dollar ebenfalls.

Die Kommentatoren unter den Analysten und in den Medien sind sich einig, dass die beiden zurücktretenden Chefs Jain und Fitschen daran gescheitert sind, eine neue Strategie für die Bank umzusetzen. Das Problem ist bloss, dass das angesichts der aktuellen Aufstellung der Bank selbst ihrem Nachfolger nur schwer gelingen wird. Immerhin ist dieser nicht mit der Vergangenheit in einer Art verknüpft wie Anshu Jain (oder zuvor Ackermann). Der Hauptvorteil von John Cryan ist vor allem sein bescheidenes und offenes Auftreten. Das ist aber auf dem Hintergrund der jüngsten Geschichte der Deutschen Bank schon sehr viel. Denn selbst für die Kommunikation ihrer Finanzzahlen während der Finanzkrise wurde die Deutsche Bank nach einer Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC im Mai mit 55 Millionen Dollar gebüsst.

Erstellt: 08.06.2015, 14:23 Uhr

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