«Abfall? Ist nur schlechte Qualität»

Der Entsorgungspionier Michael Braungart schreibt kompostierbare Bücher. Und fordert ein Umdenken. Denn laut ihm läuft das gesamte Konzept von Recycling schrecklich falsch.

Die Mülltrennung. Ein gigantischer Aufwand für eine minimale Verbesserung. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die Mülltrennung. Ein gigantischer Aufwand für eine minimale Verbesserung. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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In den meisten Ländern steigen die Recyclingquoten. Eine erfreuliche Sache.
Mit unserem heutigen Recycling haben wir das Falsche perfekt gemacht; und damit perfekt falsch. Wir müssen zuerst fragen: Was ist das Richtige?

Und? Was ist das Richtige?
Wir müssen Produkte entwickeln, die überhaupt rezyklierbar sind. Dabei müssen wir zwischen zwei Kreisläufen unterscheiden. Die Dinge, die verschleissen, müssen so gestaltet werden, dass sie in die Biosphäre gehen, also kompostierbar sind: etwa Schuhsohlen, Bremsbeläge, Autoreifen.

Was heisst das genau?
Vor dreissig Jahren enthielt ein Druckerzeugnis etwa 90 giftige Stoffe. Heute sind es noch etwa 50. Eine Kompostierung ist damit fast unmöglich. Weil all die Zusätze nie für den biologischen Kreislauf entwickelt worden sind. Nun recyceln wir dieses Papier, machen Karton daraus; und so essen Sie mit jeder Pizza etwa ein Drittel der Druckchemikalien mit, weil die Kartons diese an die Pizza abgeben. Mit dem Recycling verschleppt man die ganzen Schadstoffe. In der Deutschen Bahn haben wir beispielsweise das Recycling-Toilettenpapier untersucht. Da sind so viele Schadstoffe drin, dass ein ­Kilogramm Papier mindestens 1,2 Millionen Liter Wasser verunreinigen kann.

Es bringt nichts, wenn wir Papier sammeln?
Kataloge kommen oft aus China, aus Malaysia. Und enthalten weiter die 90 Giftstoffe. Das heisst: Wir machen unser Hightech-Recycling für chinesischen Sondermüll. Und versuchen, Schlechtes etwas weniger schlecht zu machen. Aber weniger schlecht ist nicht gut. Die Leute meinen, es sei Umweltschutz, wenn sie die Natur etwas weniger kaputt machen. Das ist, wie wenn ich sage: Schütze dein Kind, schlage es nur fünf- statt zehnmal.

Braucht es dazu neue Gesetze?
Nicht nur. Sie als Journalist müssen sagen: Es ist für mich eine Beleidigung, dass meine Artikel auf Sondermüll gedruckt werden. Und: Bis 2020 sollen Druckerzeugnisse kompostierbar sein. Dann könnte aus Zeitungen Toilettenpapier entstehen, das wirklich in die Biosphäre zurückgehen kann. Dafür braucht es nicht Gesetze. Sondern Willen.

Sie haben anfangs von zwei Kreisläufen gesprochen. Was ist der andere?
Die Produkte, die nur genutzt werden – Waschmaschinen, Autos. Sie müssen so gebaut werden, dass sie in die Technosphäre zurückgehen. Zum Beispiel: Wir haben Teppichböden entwickelt mit einer Fabrik in Holland. Die sind nicht nur nicht giftig, sondern reinigen aktiv die Luft. Als Europäer verlieren wir etwa vier Jahre Lebenserwartung durch Feinstäube. Das wäre anders, wenn wir den Leuten nicht Teppichböden verkaufen würden, sondern zehn Jahre Fussbodenverpackungsversicherung. Dann müssen wir nicht den billigsten, stinkigsten Dreck nehmen, sondern können Materialen brauchen, die recycelt werden können. Und die Feinstäube binden. Damit erzielt der Hersteller heute ähnliche Umsatzrenditen wie Apple.

Fussbodenverpackungsversicherung?
Der Konsument will doch gar keinen Teppichboden. Er will eine schöne Akustik, eine schöne Optik. Warum soll er Eigentümer von Sondermüll werden, wenn er doch nur die Nutzung will?

Deutsche Autohersteller haben schon ­probiert, Autos zu konstruieren, die sich einfach ­recyceln lassen. Das war aber zu teuer.
Ich habe anfangs mit den Smart-Leuten und Herrn Hayek zusammengearbeitet. Unsere Idee war: Wir wollen nur 100'000 Kilometer Autofahren verkaufen. Da sollte alles drin sein: Treibstoff, Versicherung, Wartung. Nur so lohnt es sich, ein Auto zu bauen, das man leicht auseinanderschrauben kann, damit ich am Ende die Materialien zurückerhalte. Leider hat Smart nicht durchgehalten und ist zu Mercedes gegangen, wo daraus nur ein hässliches, benzinfressendes Vehikel wurde.

Wie viel Ihrer Idee steckt noch im Smart drin?
Nur das Cockpit. Das sind 13,6 Kilo Polypropylen – ein einziges Stück, das sich wunderbar recyceln lässt. Dabei wollten wir ursprünglich ein Auto bauen, das nach 100'000 Kilometern in ein Tauchbad geht und sich dort in die einzelnen Komponenten auflöst. Dann könnten wir 80 Prozent der Komponenten wieder einbauen und 20 Prozent erneuern. So hätte ich ein Auto, das sich ständig erneuert. Langlebigkeit ist kein ökologisches Ziel.

Wirklich?
Meine Schwiegermutter hat ihre Miele-Waschmaschine seit 36 Jahren. Das ist verheerend. Die braucht viermal mehr Strom und dreimal mehr Wasser als eine heutige. Zudem gibt es in ihr einen Transformator, der zwei Kilo PCB enthält. Wenn sie in den Schredder kommt, kontaminiert sie 800'000 Tonnen Schredderabfall – allein mit Transformatorenöl. Heute weiss kein Schwein mehr, was in dem Ding drin ist.

Das heisst: Gute Produkte sterben . . .

Der Innovationszyklus bei Waschmaschinen beträgt etwa acht Jahre. Deshalb sollte das die Nutzungsdauer sein. Die Anleger kaufen heute Metallpakete mit Kobalt, Kupfer, Silber und so weiter und lagern das gegen Bezahlung in einem Tresor ein. Dabei würden wir Kupfer lieber für 20 Jahre in einem Windrad einlagern. Dann könnten wir sogar eine Rendite darauf zahlen. So kann alles zur Materialbank werden: Haus, Auto, Waschmaschine.

Und sind solche Produkte konkurrenzfähig?
Unsere Cradle-to-Cradle-Produkte kosten etwa 20 Prozent weniger. Denn die Firmen können in der Produktion die Abläufe vereinfachen und geben weniger aus für Arbeitsschutz, Umwelttechnik, Lagerhaltung. Die Firma Gessner in Wädenswil etwa stellt kompostierbare Gewebe her. Ihr Abwasser kann sie direkt in den See leiten.

Wie begann Ihr Null-Abfall-Konzept?
Bei Cradle to Cradle geht es nicht um eine Welt ohne Abfall. Denn bei null Abfall denken die Leute immer noch an Abfall. Wir denken an Nährstoffe. Die Forschung geht auf ein Projekt mit Ciba-Geigy zurück. Nach der Sandoz-Katastrophe in Schweizerhalle von 1986 wollte man dort wissen, wie man in Zukunft wirklich nachhaltig sein kann.

Haben nicht Sie den Greenpeace-Protest nach dem Brand in Schweizerhalle geleitet?
Doch. Aber Werkleiter Anton Schärli und Ciba-Präsident Alex Krauer haben damals ganz anders reagiert, als wir das gewohnt waren. Sie haben gesagt: «Braungart, was ihr da macht, ist gefährlich. Ihr könntet nachts am Schornstein abrutschen und sterben. Bitte steigt runter. Wir garantieren euch, dass ihr morgen wieder raufklettern dürft.» Das war ein völlig neues Spiel. Diese Kultur hat Gräben zugeschüttet. Zum ersten Mal fragten wir nicht mehr, wer recht hat, sondern: Was ist das Richtige?

Das war Ihr erstes Cradle-to-Cradle-Produkt?
Ja. Essbare Sitzbezüge. Wir haben sie 1992 mit ­Ciba-Hilfe und der Firma Rohner Textil entwickelt. Heute finden Sie Flugzeugsitze mit essbaren Bezügen bei Thai Air, Lufthansa und vielen weiteren.

Das Konzept existiert nun seit über 25 Jahren. Aber Standard ist es noch nicht.
Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Cradle to Cradle überhaupt umgesetzt wird. Weil es genau das Gegenteil ist von dem, was die Leute bisher gemacht haben. Echte Neuerungen brauchen Zeit. Die Windräder haben über 50 Jahre gebraucht.

Warum brauchen Neuheiten so lang?
Ich habe beispielsweise zusammen mit Ciba eine Eiscremeverpackung erfunden, die bei Raumtemperatur flüssig ist. Die kann man wegschmeissen, wo man geht und steht; sie baut sich innerhalb von zwei Stunden ab. Aber jemand bei Unilever hat 31 Jahre versucht, die Schädlichkeit von Eisverpackungen zu reduzieren – jedes Jahr um 1 Prozent. Er hat mir klar gesagt: Ich lasse mir von Ihnen mein Lebenswerk nicht zerstören.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass ein Umdenken stattfindet?
Verantwortung ist eine moralische Kategorie. Die lehne ich ab. Ein Produkt, das Abfall wird, ist einfach nur schlechte Qualität. Es braucht keine Moral. Denn Moral verschwindet. Etwa im Auto, wenn Sie es eilig haben. Sie wechseln die Spur und verursachen damit den Leuten hinter sich 200-mal mehr Verzögerung, als Sie selber an Zeit gewinnen.

Also: Wer muss den ersten Schritt machen?
Die Chance – also nicht die Verantwortung – liegt bei dem, der die Dinge herstellt. Wir machen beispielsweise kompostierbare T-Shirts. Die können in Deutschland hergestellt werden und konkurrieren nicht mit Sklavenarbeit in Asien, weil sie für Hautkontakt gemacht und damit bessere T-Shirts sind.

Und was ist die Rolle der Konsumenten?
Für die jungen Leute ist die soziale Anerkennung so wichtig wie das Geld. Jemand, der Abfall macht, ist nur ein Idiot. Und blöd will niemand sein. Ich habe nicht erwartet, dass gerade diese narzisstische Generation der eigentliche Treiber bei der Umsetzung von Cradle to Cradle ist. Sie hilft im Moment mehr als jede Moralvorstellung von früher.

Ist Cradle to Cradle nicht für viele Firmen einfach ein nettes Deckmäntelchen?
Im Internet finden Sie Tausende Cradle-to-Cradle-Produkte. Manchmal ist es zwar eher ein Alibiprodukt. Aber das macht nichts. Bei schnellen Veränderungen gibt es immer Probleme: Bei der Französischen Revolution sind die Leute auf der Guillotine gelandet. Es gibt aber auch Firmen, die komplett umstellen, der Schweizer Bürostuhlhersteller Giroflex oder das chinesische Unternehmen Goodbaby.

China? Das Land hat nicht gerade den Ruf, umweltfreundlich zu wirtschaften.
Cradle to Cradle ist wesentlich in China entstanden, durch das Denken in echten Kreisläufen. Wenn man in China auf dem Land zum Essen eingeladen ist, erwartet man dort heute noch, dass man so lange bleibt, bis man die Toilette aufsucht. Es gilt als unhöflich, zu gehen und die Nährstoffe mitzunehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2016, 21:07 Uhr

Michael Braungart

Der Chemiker, Ex-Greenpeace-­Aktivist, Professor und Entwickler (58) gilt als Erfinder der Kreislaufwirtschaft. Er entwickelte das Wiege-zu-Wiege-Konzept (Cradle to Cradle), bei dem Abfall vollständig zum Rohstoff für etwas Neues wird. (stü)

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