«Ich kann mir keine Geisterzüge durch den Gotthard vorstellen»

Fahren die SBB-Züge bald ohne Führer? Und wie hält es die Bahn mit den nächsten Preiserhöhungen? SBB-Chef Andreas Meyer im grossen Interview.

«Wir haben die Weichen gestellt»: SBB-Chef Andreas Meyer bei der gestrigen Pressekonferenz. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

«Wir haben die Weichen gestellt»: SBB-Chef Andreas Meyer bei der gestrigen Pressekonferenz. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Die SBB haben letztes Jahr einen Konzerngewinn von 381 Millionen Franken erzielt. Die Ticketpreise sind auf den letzten Fahrplanwechsel erhöht worden. Wann kommt die nächste Preiserhöhung?

Wir arbeiten daran, die Preise nicht ­erhöhen zu müssen.

Können Sie versprechen, dass es auf den nächsten Fahrplanwechsel keine Preiserhöhung geben wird?

Mir ist klar, dass man von mir gerne Versprechen und Ankündigungen hören würde am Tag der Bilanzmedienkonferenz. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Nur so viel: Unser Fitness­programm RailFit 20/30 hilft uns, den öffentlichen Verkehr für die Kunden und die Besteller der öffentlichen Hand ­bezahlbar zu halten.

Dann sind die Voraussetzungen so gut wie selten, dass es keine weiteren Preiserhöhungen gibt?

Wir haben die Weichen gestellt. Aber ich beobachte, dass die Besteller im Regionalverkehr viele Infrastrukturen in Auftrag gegeben haben für neue Angebote. Das muss bezahlt werden. Doch die Budgets der Kantone und des Bundes bieten hier nicht immer den nötigen Spielraum. Dann entsteht der Druck, die Bahn­kunden zur Kasse zu bitten. Das wird bei den Preisen der Haupttreiber sein.

Video: SBB-Chef über selbstfahrende Züge und Billetpreise

Und was folgern Sie daraus?

Ich bin der Meinung, dass auch die Besteller in die Pflicht genommen werden müssen für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, insbesondere im Vergleich mit anderen Verkehrsträgern wie etwa den Fernbussen.

Die Zahl der täglichen SBB-Kunden ist letztes Jahr um 3,5 Prozent auf 1,25 Millionen gestiegen. Woher kommt diese deutliche Zunahme –und wie wird sich das 2017 weiterentwickeln?

Wir haben in der Schweiz viel in den Ausbau des Angebots im Regional­verkehr investiert. Deshalb ist dort die Zunahme mit 4 Prozent am stärksten. Der Fernverkehr ist auch gewachsen. Insgesamt wird die Mobilität weiter wachsen. Für dieses Jahr zeigen unsere ersten Zahlen in dieselbe Richtung. Auch im internationalen Verkehr, der letztes Jahr unter der Sicherheitslage in Frankreich gelitten hat und um 10 Prozent geschrumpft ist. Der Start im in­ternationalen Personenverkehr verlief 2017 so gut wie seit langem nicht mehr.

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Wie zufrieden sind Sie mit den SBB?






Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat die Fernverkehrskonzession neu ausgeschrieben. In diesem Bereich machen die SBB rund 137 Millionen Gewinn. Können Sie nachvollziehen, dass die SBB-Konkurrenten BLS und SOB (Südostbahn) versuchen, hier ins Geschäft zu kommen?

Wichtig ist hier, was ein solcher Schritt für die Gesamtsystemkosten bedeuten würde. Wir haben nur sehr rudimentäre Angaben zum Zielkonzept erhalten. Wir haben aber erhebliche Zweifel, dass es für die Gesamtkosten besser wäre. Dass man die SBB hier zu Zugeständnissen motivieren will, ohne auf die Auswirkungen und die Kosten für die Kunden zu achten, dafür habe ich kein Verständnis.

Was schlagen Sie vor?

Wir sind offen für jede Verbesserung. Aber wir können es uns in der heutigen Zeit nicht mehr leisten, irgendwelche Zielkonzepte zu vereinbaren, wenn nicht klar ist, was dabei rauskommt. Wir bleiben offen für Gespräche, sind aber nicht bereit, die Katze im Sack zu kaufen.

Die SBB haben vorgerechnet, dass 30 Millionen eingespart werden könnten, wenn man mit einem Mehrbahnensystem fährt. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Es gibt einige Strecken, die gemischt betrieben werden, pro Stunde ein Fernverkehrszug und eine Regionalverbindung. Wenn diese Mischkonzessionen aufgelöst und dem Fernverkehr zugeordnet werden, braucht es dafür weniger öffentliche Gelder. Wir sind bereit, un­rentable Strecken wie die Bergstrecke über den Gotthard in die Fernverkehrsnetz-Konzession zu integrieren.

Dagegen wehren Sie sich.

Wenn aus dem gut austarierten System im Fernverkehr einzelne profitable Linien herausgerissen werden, ist das ein Schritt in die falsche Richtung. Wir müssten dann erwägen, uns nur noch auf die rentablen Strecken zu konzentrieren. Obwohl wir das eigentlich nicht wollen. Im Fernverkehr gibt es auch Verbindungen, die wichtig sind zur Erschliessung von Regionen, aber nicht eigenwirtschaftlich betrieben werden könnten. Dieses Prinzip dient der schweizerischen Kohäsion.

Bilder: Die SBB setzt auf Hightech in Zügen

Bei der Gotthard-Panorama-Strecke erwecken die SBB mit ihrem Angebot eher den Eindruck, dass es mit der Kohäsion nicht weit her ist . . .

Wir haben erst gerade den neuen Gotthard-Basistunnel in Betrieb genommen. Wir müssen jetzt zuerst einmal prüfen, wie die Kundenbedürfnisse auf der Panorama-Strecke aussehen. In einzelnen Zügen auf der alten Strecke sitzen gerade einmal eine Handvoll Passagiere. Es gibt an Tagen mit guten Schneesportbedingungen auch Züge, die viel besser ausgelastet sind. Wir sind mit den Vertretern der Regionen in Diskussion, wie wir das Angebot kundenorientiert, aber auch bezahlbar gestalten können.

Sie weisen also die Kritik zurück?

Ja, denn unser Engagement ist gross. Und am Schluss müssen wir auch immer jemanden finden, der diese Verbindungen bezahlt. Die wirtschaftlichen Fragen dürfen wir nicht ausblenden, auch wenn dies jeweils nicht die angenehmsten ­Argumente sind. Mit Fernbussen und der Neuvergabe der Fernverkehrskonzession beginnt das BAV den Wettbewerbsdruck offensichtlich zu erhöhen.

Wie gehen Sie damit um?

Wenn andere Mobilitätsträger gute Lösungen anbieten, kann man sie nicht verhindern. Laut BAV sind die rechtlichen Rahmenbedingungen so, dass die Fernbuskonzessionen erteilt werden müssen. Und es wäre für uns nicht gut, wenn wir uns dagegen sperren würden. Im Gegenteil, das können ja auch An­gebotsergänzungen sein, zum Beispiel zu Randzeiten.

Was stört Sie denn?

Das BAV verfolgt eine opportunistisch liberale Bewilligungspraxis. Mir fehlt aber das grosse Bild. Eine ganzheitliche Betrachtung, was solche Erweiterungen für Konsequenzen haben werden. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob Fernbusangebote Auswirkungen auf die Abgeltungen im Regionalverkehr haben, wo der Kostendeckungsgrad bereits heute schlecht ist. Zudem müssen für alle Anbieter dieselben Rahmenbedingungen gelten. Indem sie Beiträge für die Benutzung der Infrastruktur zahlen und Lösungen anbieten müssen für ­Passagiere, die in ihrer Mobilität ein­geschränkt sind. Auch setzen wir uns ein, dass Fernbusfahrern angemessene und faire Löhne bezahlt werden, wie wir das machen.

Das SBB-Sparprogramm RailFit sieht vor, 1400 Stellen bis im Jahr 2020 abzubauen. Wo stehen Sie?

Wir sind mit RailFit auf Kurs. Wir erbringen mit fast gleich vielen Mitarbeitenden deutlich mehr Leistung. Das ist ein ­erster Erfolg. Vor allem bei den Ver­waltungskosten sind wir mit einem Einstellungsstopp stark auf die Bremse gestanden. Die anderen Pläne realisieren wir Stück für Stück.

Derzeit wird viel über selbstfahrende Züge diskutiert. SNCF und Deutsche Bahn verfolgen ein gemeinsames Projekt. Sind die SBB auch dabei?

Im Moment wird viel Ankündigungs-Management betrieben. Wir arbeiten auch an solchen Konzepten. Darüber sprechen werden wir, wenn wir ein Pilot­projekt haben, das spruchreif ist.

Wann könnte das sein?

Etwa im Jahr 2020. Es braucht sehr viele Vorbereitungen auf der Infrastrukturseite. Die Sicherheit muss gewährleistet sein. Autonomes Fahren wird aber ­kommen, da bin ich mir ganz sicher, und es wird dazu führen, dass die Lokführer während der Fahrt andere Aufgaben übernehmen können.

Im Speisewagen servieren?

Das glaube ich eher nicht. Und ich kann mir auch keine Geisterzüge durch den Gotthard vorstellen. Im Fernverkehr braucht es Personal, das bereit ist, bei Unregelmässigkeiten einzugreifen. Die Passagiere fühlen sich nur wohl, wenn sie wissen, dass im Ereignisfall jemand an Bord ist. Man darf nicht vor lauter Digitalisierung die Bedeutung der persönlichen Bedienung vernachlässigen.

Erstellt: 22.03.2017, 06:45 Uhr

Andreas Meyer: Seit zehn Jahren im Führerstand

Seit dem 1. Januar 2007 steht Andreas Meyer an der Spitze der SBB. Zuvor war er während zehn Jahren in unterschiedlichen Positionen bei der Deutschen Bahn tätig. Der Jurist mit Anwaltspatent und einer Ausbildung der französischen Management-Schule Insead lebt mit seiner Familie in Muri bei Bern. (TA)

Rekord bei Passagieren

Mehr Passagiere als je zuvor, ein höherer Konzerngewinn, schwarze Zahlen im Güterverkehr und zufriedenere Kunden: Die SBB haben letztes Jahr ihre Ziele erreicht. Trotzdem halten sie an ihrem Sparprogramm fest. Das Konzernergebnis stieg im vergangenen Jahr um 135 Millionen Franken auf 381 Millionen. Der Zuwachs ging hauptsächlich auf Immobilienverkäufe zurück, auf ein verbessertes Finanzergebnis und die Erholung im Güterverkehr. Das Betriebsergebnis hingegen sank von 307 auf 288 Millionen Franken. SBB-Chef Andreas Meyer erhielt für letztes Jahr eine Gesamtentschädigung von 1,052 Millionen Franken. Im Vorjahr waren es 1,046 Millionen. (SDA/TA)

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