Amazon greift die Versicherer an

Der Onlinehändler sucht Profis für den Versicherungsmarkt. Die Pläne des Internetkonzerns könnten den Markt umpflügen.

Eine Lagerhalle des Versandriesen Amazon in Hemel Hemstead, England. Foto: Peter Macdiarmid (Getty Images)

Eine Lagerhalle des Versandriesen Amazon in Hemel Hemstead, England. Foto: Peter Macdiarmid (Getty Images)

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Fragt man Vorstände der Versicherer, die gerade mitten in Digitalisierungs- und Umbauprojekten sind, wie denn ihre Gesellschaft künftig auftreten will, gibt es regelmässig eine Antwort: Versicherung soll so einfach sein wie ein Einkauf bei Amazon. Der Versandhändler ist das Mass aller Dinge bei Online­angeboten. Und es könnte sein, dass Versicherer bald ganz direkt erleben, wie einfach Versicherung nach Art von Amazon sein kann – Amazon bereitet selbst den Markteintritt vor.

Mit Anzeigen in den Netzwerken ­Linkedin und «Where Women Work» sucht der Internetriese Versicherungsprofis für den Standort London – wenn möglich mit Sprachkenntnissen in Deutsch, Französisch oder Spanisch. Amazon will Versicherungen im Zusammenhang mit seinen Produkten und Dienstleistungen anbieten.

Geschäft mit Kundendaten

Bislang spielte die Versicherung für Amazon kaum eine Rolle. Das Unternehmen hatte einst mit der Munich-Re-Tochter Ergo zusammengearbeitet und hat jetzt den britischen Versicherer London General als Partner. Der Versender bietet irgendwo auf seinen Websites Geräte- und Diebstahlschutz für Laptops und andere höherwertige Artikel an.

Amazons Zurückhaltung bei Ver­sicherungen ist offenbar Geschichte. In den Anzeigen sucht das Unternehmen Versicherungsexperten, die «sich am Start eines neuen Unternehmens beteiligen wollen». Das Unternehmen wolle die Kundenerfahrung aus Produktversicherungen neu definieren und dabei «disruptiv verändern, wie die Policen gekauft und verkauft werden», heisst es im schönsten Marketing-Englisch. Und: «Wir haben ehrgeizige Pläne für erhebliches Wachstum in unseren bestehenden Märkten und werden neue innovative Produkte auf den Markt bringen.»

Produktversicherungen, die zusammen mit hochwertigen Geräten verkauft ­werden, können sehr lukrativ sein. Hohe Margen sind die Regel. Allerdings dürfte es Amazon um weit mehr als um diese Margen gehen. Start-ups und grosse Versicherer haben Produktversicherungen als wichtiges Angebot entdeckt. Sie treten bei jüngeren Leuten oft an Stelle von traditionellen Hausratdeckungen. Aus Sicht der Anbieter sind sie ideal für die Kundenbindung und Datensammlung – auf Basis dieser Daten kann ein Anbieter seinen Kunden weitere Angebote machen. Amazon verfügt über genaueste Kenntnisse über seine Kunden und ist in einer exzellenten Position, sie auch im Versicherungsmarkt zu Geld zu machen.

«Das wird eine echte Bedrohung.»Patricia Davies, Versicherungsanalystin

Genau das macht den Vorstoss so bedrohlich für traditionelle Anbieter. Die Amazon-Strategen dürften sich die neuesten Trends in der Produktversicherung genau angesehen haben.

Das bekannteste Beispiel für ein Start-up in dem Segment ist Trov. Dort versichern Kunden einzelne Wertgegenstände wie Laptops, Kameras oder Fahrräder, die Policen sind minutengenau an- und abschaltbar. Trov organisiert das Geschäft, trägt aber die Risiken nicht selbst. Aktuell ist die Firma in Grossbritannien und Australien tätig, dort sind Axa und Suncorp die eigentlichen Risikoträger.

Der Amazon-Vorstoss hätte weitreichende Folgen für etablierte Anbieter und würde nicht auf produktbezogene Versicherungen beschränkt bleiben, glaubt Patricia Davies, leitende Versicherungsanalystin bei der Londoner Analysefirma Global Data. «Das wird eine echte Bedrohung.» Amazon sei dafür bekannt, die Kundenbedürfnisse an die Spitze seiner Vorschläge zu stellen. Davies weiter: «Amazon bietet klare, transparente Dienstleistungen wie die Möglichkeit, ein Paket nachzuverfolgen, die Lieferung am nächsten Tag, eine eindeutige Rückgabepolitik und die Kundenbesprechungen von Produkten.»

Branchensorgen bestätigt

Die Versicherungsbranche sei weit davon entfernt, diese Art Kundenvertrauen und Transparenz zu erreichen. Global Data hatte in der Kundenbefragung zu Versicherungen in diesem Jahr auch gefragt, ob sich Kunden vorstellen könnten, ihre Autos oder Häuser bei Amazon zu versichern. 18 Prozent antworteten mit ja. «Britische Versicherer investieren in Technologie und digitale Dienstleistungen, aber die Mehrheit liegt Lichtjahre hinter Amazon», schreibt Davies. Die Anbieter könnten aus dem Markt gedrückt und in die Rolle eines reinen Zulieferers gebracht werden, wenn Amazon nicht selbst das Risiko übernehmen wolle.

Die Versicherungsbranche hatte lange Zeit Furcht vor Start-ups, die in ihren Markt eindringen. Die hat sich weitgehend gelegt. Gleichzeitig haben viele Versicherer digitale Umbauprozesse begonnen und glauben, sie könnten sich ohne äusseren Druck selbst auf die neuen Kundenbedürfnisse und technischen Möglichkeiten einstellen.

Allerdings warnen manche Manager davor, dass externe Anbieter wie Autohersteller und Internetkonzerne mit Versicherungsangeboten auf den Markt drängen könnten, um ihre eigentlichen Produkte und Dienstleistungen besser zu vermarkten. Die Entwicklung bei Amazon bestätigt diese Sorge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 20:25 Uhr

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