Amsterdam im Bann des Brexit

Unternehmen ziehen in die Hauptstadt der Niederlande. Mit ihnen auch ausländische Arbeitskräfte. Das hat nicht nur positive Auswirkungen.

Amsterdam wächst und wächst. Der Brexit macht die Stadt nun zusätzlich attraktiv für Firmen. Bild: Nigel Wiggins / EyeEm / Getty

Amsterdam wächst und wächst. Der Brexit macht die Stadt nun zusätzlich attraktiv für Firmen. Bild: Nigel Wiggins / EyeEm / Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den Kanälen in Amsterdam fahren dieser Tage noch wenige der sogenannten Grachtenboote. Die, die fahren, sind spärlich besetzt. Die Touristensaison hat noch nicht begonnen. Doch eine spezielle Spezies von Besuchern sei in den vergangenen Wochen häufiger auf den Booten anzutreffen. «Angestellte von Firmen, welche nach Amsterdam ziehen, wollen die Stadt vom Boot aus erkunden», sagt Ron. Sie ist Kapitänin auf einem der Boote und wohnt seit Jahren in Amsterdam.

Amsterdam ist nicht nur die Stadt, in die Tausende Ausländer pilgern, um zu kiffen oder sich im Rotlichtviertel zu vergnügen. Die Stadt boomt. Denn während sich die britische Regierung und das Parlament nicht auf eine Strategie bezüglich des Brexits einigen können, wandern Firmen in die Niederlande ab.

Die Firmen, welche nach Amsterdam ziehen, haben einen gewichtigen Grund: den Brexit. «Die Stadt hat einen Vorteil, man kommt mit Englisch wunderbar durch», sagt sie, während sie das Boot durch einen engen Kanal steuert. Amsterdam sei attraktiv, weltoffen, «eine der glücklichsten Städte der Welt». Alles Dinge, die für umzugswillige Firmen ausschlaggebend sein können. Neben der Tatsache, dass Amsterdam als Stadt innerhalb der EU gewisse Sicherheiten für die Unternehmen bietet.

Über 40 Firmen zogen bereits um

Tatsächlich haben in den vergangenen Monaten zum Beispiel Panasonic und Sony ihren Europasitz von England nach Amsterdam verlegt. Panasonic nannte mögliche Schwierigkeiten wegen des Brexit bezüglich der Freizügigkeit als ein Grund für den Umzug. Sony wolle seinen Geschäftsbetrieb ohne Beeinträchtigung fortsetzen, wenn Grossbritannien die Europäische Union verlasse, sagte eine Sprecherin der Firma im Januar. Das Ziel sei es etwa, «umständliche Zollprozeduren zu vermeiden».

Wie das «Manager-Magazin» schreibt, seien zum Beispiel 32 Unternehmen aus der Finanzwelt nach Amsterdam umgezogen, vor allem Handelsplattformen und Handelshäuser. Im Jahr 2018 zogen laut dem niederländischen Wirtschaftsministerium insgesamt 42 britische Firmen in die Niederlande ein und brachten rund 2000 neue Arbeitsplätze mit. Der grösste Umzug: Die europäische Arzneimittelagentur zog nach Amsterdam und brachte 900 Angestellte mit. Amsterdam hatte sich mit viel Aufwand um die Agentur bemüht.

Um auch in Zukunft attraktiv für ausländische Unternehmen zu bleiben, hat man reagiert und etwa die Kapazität am Flughafen Schiphol erhöht. In Zukunft rechnet die Stadt damit, dass noch mehr Firmen dem Beispiel von Sony und Panasonic folgen. Und die Stadt weiter wächst.

Der Preis für das Wachstum

Udo Kock ist stellvertretender Bürgermeister von Amsterdam und sagte unlängst gegenüber der «New York Times», dass er sich über den Brexit nicht freue. Jedoch über die Auswirkungen für Amsterdam. «Es ist so eine tolle Stadt, um hier zu leben. Wer möchte nicht ein paar Jahre hier wohnen?», fragte Kock.

Doch es gibt auch Schattenseiten. «Die Preise für Immobilien sind in den vergangenen Jahren horrend gestiegen», sagt die Kapitänin. Sie deutet auf ein schmales Haus, kaum drei Meter breit, direkt am Kanal. «So etwas kostet wohl gegen 1 Million Euro.»

Sie erzählte auch, dass sie mittlerweile für ein Zimmer in einer Wohnung in einem Aussenquartier von Amsterdam mehr bezahlt als noch vor ein paar Jahren. Damals wohnte sie jedoch direkt beim berühmten Rotlichtviertel inmitten der Stadt.

Die Verteuerung des Wohnraums lässt sich auch statistisch deutlich nachweisen. Laut den offiziellen Zahlen sind die Kaufpreise für Immobilien in Amsterdam seit 2010 um rund ein Drittel angestiegen. Mit den zusätzlichen Brexit-Zuzügern wird sich dieses Problem weiter verschärfen.

«Um gute Wohnungen überhaupt noch zu kriegen, muss man Glück haben oder viel Geld. So wie der da», sagt die Kapitänin und deutet auf ein Fenster in einem der Häuser rund um den Kanal mitten im Stadtzentrum. «Wie kann man sich hier nur so eine gute Wohnung leisten?», sagte sie mit konsterniertem Blick. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 18:26 Uhr

Artikel zum Thema

No Deal? «Unter keinen Umständen!»

Video Das britische Unterhaus lehnt einen EU-Austritt ohne Abkommen ab. Nun will Theresa May zum dritten Mal über den Vertrag abstimmen lassen. Mehr...

Führungslos ins Chaos

Leitartikel Mitten in der Brexit-Krise entgleitet der Regierung endgültig die Kontrolle. Das kann sich London nicht leisten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zahlgewohnheiten ändern sich

Für viele Menschen ist Bargeld heute noch das Nonplusultra. Kreditkarten gelten oft als teuer und eher unpraktisch. Doch die Zeiten ändern sich. Und vor allem die Karten selbst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Nationalfeiertag: Ein Teilnehmer des St. Patrick's Festival posiert mit einer Polizistin in Dublin, Irland. (17. März 2019)
(Bild: Charles McQuillan/Getty Images) Mehr...