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Angst vor türkischer Grippe geht um

Schweizer Exporteure fürchten, dass die Lira-Krise Banken in der Eurozone anstecken könnte.

Durch den Kurszerfall der Lira werden Importartikel für die türkische Bevölkerung teurer: Handelsschiffe vor Istanbul. Foto: Diego Cupolo (NurPhoto)
Durch den Kurszerfall der Lira werden Importartikel für die türkische Bevölkerung teurer: Handelsschiffe vor Istanbul. Foto: Diego Cupolo (NurPhoto)

Der Wert der türkischen Währung stürzte gestern auf ein Allzeittief ab. Eine türkische Lira war zeitweise noch etwa 14 Rappen wert – halb so viel wie vor einem Jahr. Die Inflation dagegen grassiert und liegt derzeit über 15 Prozent. Schweizer Exporteure machen sich Sorgen um ihre Geschäfte mit dem grossen Land, das über Jahre kräftiges Wachstum zeigte.

«Für die Schweizer Hersteller von Textilmaschinen ist die Türkei der zweitgrösste Absatzmarkt», sagt Ivo Zimmermann vom Industrieverband Swissmem. Deren Exporte in die Türkei hätten im ersten Halbjahr 2018 bei 40 Millionen Franken gelegen, fast 5 Prozent unter Vorjahr. «Bleibt die Lira so schwach, werden die Investoren zurückhaltender, und die Exporte von Textilmaschinen dürften weiter zurückgehen», so Zimmermann.

Mit Einbussen rechnet auch die Pharma- und Chemiebranche. «Die Türkei ist mit Ausfuhren von rund einer Milliarde Franken ein wichtiges Exportland für uns», sagt Marcel Sennhauser vom Branchenverband Scienceindustries. Während die Exporte im 2017 noch um 14 Prozent zulegten, muss sich die erfolgsgewohnte Branche auf einen Einbruch bei den Exporten einstellen. «Durch den Kurszerfall der Lira werden die importierten Produkte für die türkische Bevölkerung teurer», sagt Sennhauser von Scienceindustries. «Dies könnte sich negativ auf die Versorgungslage der entsprechenden Produkte, darunter auch lebenserhaltende, im Land auswirken.» Mit negativen Auswirkungen auf die Nachfrage für Medikamente aus der Schweiz.

Die Schweiz konnte 2017 viel Gold exportieren

So unerquicklich die Aussichten für einzelne Unternehmen und Branchen auch sind, für die Schweizer Exportwirtschaft als Ganzes halte sich der direkte Schaden aus der Türkeikrise «in relativ engen Grenzen», sagt ein Kenner der Exportwirtschaft. Die Schweiz hat letztes Jahr Waren im Wert von rund 6 Milliarden Franken in die Türkei ausgeführt. Mehr als zwei Drittel davon betrafen jedoch Lieferungen von Edelmetallen. Der Hauptgrund dafür war, dass die Schweizer Goldschmelzereien 2017 noch davon profitieren konnten, dass die Türkei ihre Goldreserven massiv aufstockte. Damit ist jetzt aber Schluss. Im ersten Halbjahr 2018 schrumpften die Goldexporte als Ganzes auf rund eine halbe Milliarde Franken.

Die Exporte von Industrie- und Landwirtschaftsgütern in die Türkei sind mit rund 1,8 Milliarden Franken im 2017 vergleichsweise bescheiden – die Türkei liegt hier als Abnehmerland auf Platz 21 mit einem Anteil an den Gesamtexporten von bloss 0,8 Prozent.

Video – Was Türken zur Lira-Krise sagen

«Uns bleibt nichts anderes übrig als Euro einzutauschen»: Die Türken zeigen sich besorgt über Währungskrise. (Video: Reuters)

Weit mehr Angst macht Exporteuren die Gefahr, die türkische Währungskrise könnte, ähnlich wie eine Grippewelle, das Bankensystem der Eurozone anstecken. Die Türkei profitierte von den tiefen Zinsen in Europa und finanzierte ihr stark von privatem Konsum und der Bauwirtschaft getriebenes Wachstum über Jahre mit kurzfristigen Geldern vorab aus der Eurozone.

Investoren seien besorgt, dass die Türkei ihren jährlichen ausländischen Finanzierungsbedarf im Umfang von rund 200 Milliarden Euro nicht decken könne, den sie brauche, um unter anderem Firmenschulden und Staatsdefizite in ausländischen Währungen zu finanzieren, stellte die holländische Grossbank ABN Amro fest. Gerüchte, die Türkei wolle Devisenkontrollen einführen oder das Land brauche Geld vom Weltwährungsfonds, sorgten für zusätzliche Nervosität an den Finanzmärkten.

Die «türkische Sommergrippe» verschrecke die Finanzmärkte, schreibt die Zürcher Kantonalbank. «Die grosse Angst ist, dass die Türkeikrise auf die Eurozone übergreift, weil vorab Banken aus Spanien, Italien und Frankreich mit Krediten recht stark exponiert sind», sagt Alexis Körber, Leiter volkswirtschaftliche Analysen bei BAK Economics in Basel. «Eine solche Ansteckung würde auch die Schweiz zu spüren bekommen.»

Der Schweizer Franken wird wieder stärker

Spanische, italienische und französische Banken haben gegenüber türkischen Schuldnern ausstehende Forderungen von rund 140 Milliarden Franken. Exponierte Banken im Euroraum erlitten markante Kursverluste. Credit Suisse und UBS, die in der Türkei wenig engagiert sind, verloren 1,2 und 1 Prozent.

Nervös macht Exporteure, dass der Euro, der diesen Mai noch 1.19 Franken wert war, sich auf 1.13 Franken abgeschwächt hat. Ohne dass die Nationalbank gross interveniert hätte. «Mit dem derzeitigen Eurokurs ­können die meisten Firmen grad noch leben, fällt der Euro unter 1.10 Franken, wird es schwierig», sagt Ivo Zimmermann vom ­Industrieverband Swissmem. «Sollte die Türkeikrise jedoch zu einer Eskalation beim Euro führen, wird die Nationalbank sicher reagieren», sagt Jan Atteslander vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.

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Türkei sucht verzweifelt eine Antwort auf die Krise

Die Türkei sucht nach Wegen, den Verfall der Lira zu bremsen und die Folgen für die einheimische Wirtschaft zu begrenzen. Die türkische Zentralbank kündigte an, sie werde die heimischen Banken mit der nötigen Liquidität versorgen. Finanzminister Berat Albayrak versprach zudem einen «Aktionsplan», um kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen, die besonders unter dem Währungsverfall leiden, ohne Details zu nennen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan schlug dagegen erneut einen kämpferischen Ton an. Bei einem Auftritt vor türkischen Botschaftern aus aller Welt in seinem Palast in Ankara sagte Erdogan, er rechne mit weiteren Angriffen auf die Wirtschaft. Die Vereinigten Staaten nannte er «den Kraftmeier des globalen Systems». Grund für den drastischen Verfall der Lira sei eine «Verschwörung», die jüngsten Massnahmen der USA ein Dolchstoss in den Rücken seines Landes.

Das türkische Innenministerium kündigte an, man werde gegen negative Kommentare zur Wirtschaft in sozialen Netzwerken vorgehen. Seit dem 7. August seien bereits 346 Nutzerkonten auf sozialen Netzwerken ausgemacht worden, in denen der Lira-Verfall auf provozierende Art kommentiert würde, so das Ministerium. Gerüchte in den sozialen Netzwerken, dass Devisenkonten in der Türkei gesperrt werden könnten, dementierte dagegen das Präsidialamt.

Niedergang begann 2007

Der bekannte türkische Wirtschaftswissenschaftler Güven Sak erinnerte daran, dass der Wert der Lira schon vor der jüngsten Krise mit den USA gesunken sei – um 70 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Der Niedergang habe begonnen, als die Türkei ihren Reformkurs verlassen habe, im Jahr 2007. Die grössten Verluste aber habe es dann seit 2014 gegeben.

Es gibt auch Profiteure der Lira-Krise. Dazu gehören der Tourismus und der Export. Murat Ülker, Chef der Yildiz-Holding, sagte, man werde den Umtauschkurs nutzen, «um unsere Exporte zu erhöhen». Yildiz ist einer der grössten türkischen Konzerne und produziert vor allem Lebensmittel. Ülker rechnet in diesem Jahr mit fast 20 Prozent Wachstum. Der Firmenchef berichtete, er habe bereits erfolgreich eine Summe von 6,5 Millionen Dollar Schulden seines Unternehmens restrukturiert.

Eine Schuldenrestrukturierung dürfte nun bei vielen Konzernen wegen der Währungskrise nötig werden. Laut Zentralbank muss allein der Privatsektor in den kommenden zwölf Mo­naten Schulden über 66 Milliarden Dollar bedienen, bei den Banken sind es 76 Milliarden. Angesichts der Währungskrise gehen die Zinsen aktuell durch die Decke. So rentieren türkische Staatsanleihen derzeit bei rund 25 Prozent.

Christiane Schlötzer, Istanbul

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