Anlageroboter für Pensionskassen

Vertreter der Branche sind skeptisch, Gelder der beruflichen Vorsorge mit Anlagerobotern anzulegen. Eine Westschweizer Kasse zeigt, dass es geht.

Rentable Technik: Algorithmen  können Pensionskassengelder gewinnbringend anlegen. Foto: Mike Goldwater (Alamy Stock)

Rentable Technik: Algorithmen können Pensionskassengelder gewinnbringend anlegen. Foto: Mike Goldwater (Alamy Stock)

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Anlageroboter helfen Privatkunden beim Anlageentscheid. Haupttreiber dieser Angebote ist die stark steigende Nachfrage von privaten und institutionellen Anlegern, nicht aber von Pensionskassen. Diese verwenden diese Fintech-Anwendung nicht, obwohl sie 820 Milliarden Franken anlegen.

Der Roboter sucht das idealste Risiko-Rendite-Verhältnis von Wertpapieren.

Der TA fand eine einzige Pensionskasse (PK), die Anlageroboter in der Vermögensverwaltung einsetzt. Es ist dies die der Angestellten der Bank Swissquote. Das noch junge Vorsorgewerk – es besteht seit 15 Jahren – versichert rund 450 Mitarbeiter, verwaltet 30 Millionen Franken Sparkapital und gehört zu den Kleinen in der Schweiz. Rund ein Drittel der Gelder ist – wie bei vielen Pensionskassen – in Aktien investiert. «Die Hälfte davon verwalten unsere elektronischen Vermögensverwalter», sagt PK-Präsident und Swissquote-Finanzchef Michael Ploog. Bei der Vorsorgeeinrichtung sind seit rund vier Jahren 5 Millionen in Franken- und Euro-Aktien so angelegt.

Ein Drittel billiger als Menschen

Was macht dieser Roboter? Er sucht nach der bekannten Methode der sogenannten quantitativen Finanzanalyse das idealste Risiko-Rendite-Verhältnis von Wertpapieren. Im Beispiel der Swissquote-PK sind dies die an der Schweizer Börse kotierten Aktien. Der «elektronische Vermögensverwalter» wählt aus 207 Schweizer Aktien, die im Gesamtindex der Schweizer Börse SPI enthalten sind, die besten 43 aus. Quartalsweise kauft der Roboter nach programmierten Kriterien gute und verkauft schlechte. Innert vier Jahren ­erreichte er so eine Performance von durchschnittlich 16 Prozent pro Jahr.

Der Einsatz des Anlageroboters hat sich für die Versicherten also vorerst ­gelohnt. Hätte die Pensionskasse auf den Kursverlauf aller SPI-Aktien gesetzt (sprich passiv auf den SPI-Börsenindex spekuliert), wäre ihr Vermögen im Schnitt pro Jahr um 8 Prozent gewachsen – halb so viel wie mit dem Roboter.

Ein grosses Thema in der zweiten Säule sind die Vermögensverwaltungskosten. Der elektronische Vermögensverwalter für Aktien koste die Versicherten «jährlich rund 0,6 Prozent», sagt der Swissquote-PK-Präsident. Günstige, ähnliche Anlagefonds für Pensionskassen kosten laut Ploog «0,8 bis 0,9 Prozent Verwaltungsgebühren pro Jahr» – rund ein Drittel mehr. In absoluten Zahlen hat die Kasse in vier Jahren rund 100 000 Franken bezahlt und 2 Millionen Franken verdient. Die Pensionskasse hätte auch billiger mit der Anlage in einen SPI-Aktienindex investieren können. Das hätte in vier Jahren zwar nur geschätzte 25 000 Franken gekostet, aber auch nur 500 000 Franken Performance generiert.

Hauptvorteil der Roboter sei, dass sie keine Bauchentscheide fällten und gängige Interessenkonflikte vollständig eliminierten. Ein Zürcher Anbieter von Algorithmen

Wenn eine Kasse damit gut verdient und weniger bezahlt, warum sind Anlageroboter nicht mehr verbreitet? Ploog sagt, der elektronische Vermögens­verwalter sei ein sehr junges Phänomen. Die Pensionskassenbranche sei konservativ geprägt. Man müsse ihr etwas Zeit geben. Es sei kein Zufall, dass gerade die Pensionskasse einer Online-Bank auf Fintech gesetzt habe. «Wir selber entwickelten diese Software für Privatanleger. Wir wissen, was darin steckt, und kennen die Chancen und Risiken.» Entstanden sei die Idee aus der Überwachung. «Wir steuern das Anlagerisiko der Pensionskasse seit vielen Jahren selber. Die Entwicklung dieser Controlling-Software hat uns auf die Idee gebracht, auch eine Anlagesoftware herzustellen.» Der Aktien-Schweiz-Roboter besteht aus Algorithmen und basiert auf der Software des für Kleinanleger zugänglichen Fond, genannt Quant Swiss Equities.

Gefahr des Herdentriebs

Zweite-Säule-Fachleute sind skeptisch. Sie betonen, dass Pensionskassen sich eine professionelle Anlageberatung leisten können. «Ich sehe nicht, warum ein Computer anstatt eines Beraters mehr ­Erfolg dabei haben sollte», sagt Ueli Mettler von C-Alm, der 2011 eine Kosten­studie der beruflichen Vorsorge (BVG) publiziert hat. Er glaubt eher, dass «bewährte Beratungsinstrumente der Pensionskassen früher oder später im Privatsegment Fuss» fassen. Auch werde die BVG-Regulierung «diesem Geschäftsmodell enge Grenzen setzen». So können Algorithmen beispielsweise auch zur Steigerung von Margen und Ge­bühren missbraucht werden, indem ­man entsprechende Befehlszeilen versteckt. Kritiker bemängeln zudem, dass Programme, die eine Mehrrendite zu ­generieren versuchen, den Herdentrieb an Börsen verstärken. Darüber hinaus ­zeigen viele Studien, dass solch aktives Management nach Abzug der Gebühren nach mehreren Jahren sich nicht auszahlt im Vergleich zur passiven Anlage mittels Börsenindizes.

Ein Befürworter, der nicht zitiert sein will, sagte, die abwehrende Haltung könnte sich «vor dem Hintergrund sinkender Renditen und steigenden Kostendrucks der Pensionskassen ändern». Für kleine Vorsorgewerke wäre «eine breite Umsetzung der Anlagestrategie durch Anlageroboter sinnvoll». Ein Zürcher Anbieter von Algorithmen ergänzte, der Hauptvorteil der Roboter sei, dass sie keine Bauchentscheide fällten und – korrekt programmiert – «Interessenkonflikte vollständig eliminieren, die in der Finanzbranche gang und gäbe sind».

Erstellt: 18.11.2016, 11:41 Uhr

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