Auch die Welschen fliegen lieber billig

Die Drohung von Lufthansa, die Swiss weitgehend aus Genf abzuziehen, wird welsche Politiker und Gewerkschafter empören. Die Bevölkerung dürfte kühl bleiben.

Flugzeuge der Swiss auf dem Flughafen Genf Cointrin. Foto: Keystone

Flugzeuge der Swiss auf dem Flughafen Genf Cointrin. Foto: Keystone

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Ein Entscheid ist nicht gefallen, die Drohung klingt deutlich: Sollte Swiss in Genf nicht rentabel geschäften, will Lufthansa den Standort Cointrin stark zurückfahren. Anstelle von Swiss würde Eurowings die Kurzstrecken ab Genf übernehmen, die Billigtochter von Lufthansa. Das geht aus einer Recherche der «SonntagsZeitung» hervor.

Ein neuer Businessplan, Codename «Geneva Reloaded», wurde im Juni in Frankfurt lanciert. Dieser Plan soll Swiss bis 2018 zu einer «signifikant gesteigerten Rentabilität» verhelfen, heisst es in einem Protokoll, aus dem die «Sonntags­Zeitung» zitiert. Gleichzeitig hat Eurowings den Auftrag bekommen, einen Geschäftsplan für Genf zu entwickeln. Lufthansa setzt die beiden Unter­nehmen also einer direkten internen Konkurrenz aus.

Die Gewerkschafter reagieren auf die Neuigkeit alarmiert, und das mit Grund; Eurowings wird mithelfen, die Löhne weiter zu drücken. Auch welsche Politikerinnen und Politiker werden Empörung verbreiten. Und erst recht die welschen Medien.

Das hatten wir doch schon

Das lässt sich umso leichter voraussagen, als es sich bei der Abwertung von Genf-Cointrin um ein Remake handelt. Vor zwanzig Jahren, es geschah am Donnerstag vor Ostern, teilte die Leitung der Swissair mit, künftig fast keine Flüge mehr aus Genf anzubieten. Damit wollte man 50 Millionen Franken sparen.

Der damalige Swissair-Chef Philippe Bruggisser begründete den Entscheid mit Spardruck. Er nehme die staatspolitischen Einwände ernst, versicherte er damals in Genf. «Aber wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber unseren Aktionären.»

Bruggissers Priorität kam in der Westschweiz schlecht an. Welsche Politikerinnen und Politiker tobten, die welschen Medien hielten die Reaktionen wochenlang am Laufen. Einmal mehr wurde Zürich zum pauschalen Synonym einer kalten Wirtschaftsschweiz erklärt, welche die Minderheiten brüskiert und den Zusammenhalt des Landes an die Erstaugustredner delegiert. Der Entscheid aus Kloten wurde als Verrat empfunden, als Desavouierung, als Schwächung der regionalen Wirtschaft.

Dass die neue Drohung gegen den Genfer Flughafen die welschen Politiker ärgern wird, hat aber auch mit der Schweiz zu tun, nicht nur mit Swiss. Denn die Forderung von Lufthansa wird ausgerechnet jetzt bekannt, da sich die Westschweiz sowieso brüskiert fühlt. Es geht um den Sprachenstreit. Die Romandie reagiert unge­halten auf Absicht oder Entschluss mehrerer Deutschschweizer Kantone, Französisch nicht mehr als Erstsprache zu unterrichten. Bundesrat Alain Berset, als Freiburger besonders kompetent und als Kulturminister besonders zuständig, sieht bereits belgische Verhältnisse auf die Schweiz zukommen.

Das ist schon deshalb übertrieben, weil in Belgien die sprachlichen Spannungen historisch mit den religiösen zusammenfielen, was den Hass schürte. Aber es stärkt das Ressentiment einer Minderheit, die sich immer mehr von der Mehrheit dominiert sieht. Seit der Übernahme von Edipresse durch Tamedia gilt das auch für die Medien selber, die besonders empfindlich auf solche Vorgänge reagieren.

Erinnerung an eine leere Halle

Allzu wütend dürfte die welsche Elite aber nicht reagieren, unabhängig davon, dass diesmal Frankfurt entscheidet und nicht Zürich. Das hat mit dem Konsumverhalten der Passagiere zu tun. Dass es Swiss in Genf so schwer hat, hängt damit zusammen, dass Easyjet billiger fliegt als Swiss – und damit Erfolg hat. Auch deshalb dürfte es Eurowings in Cointrin leichter haben.

Was die welsche Bevölkerung betrifft, dürfte ihre Reaktion kühl ausfallen. Auch dafür liefert der Swissair-Streit von 1996 einen Hinweis. Damals trafen sich Medien, Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften der Romandie zu einer Protestveranstaltung in der «Arena», dem Genfer Hallenstadion. Die Halle fasst 9500 Leute, es kamen ungefähr 600.

Ein Drittel ging bald wieder.

Erstellt: 21.08.2016, 22:39 Uhr

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