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Aufgeblasenene Rohstoffbranche

Laut einer Studie sollen in diesem Wirtschaftszweig 36'000 Angestellte beschäftigt sein. Experten halten diese Zahl für viel zu hoch gegriffen.

Die Schweiz ist ein Zentrum der Rohstoffbranche, auch wenn die Rohstoffe anderswo verarbeitet werden: Flüssiges Kupfer. Foto: Bloomberg
Die Schweiz ist ein Zentrum der Rohstoffbranche, auch wenn die Rohstoffe anderswo verarbeitet werden: Flüssiges Kupfer. Foto: Bloomberg

Die Rohstoffbranche leidet: Nach einem abrupten Preiszerfall in den letzten Jahren nimmt die Nachfrage nach Rohstoffen nur langsam zu, die Märkte bleiben tückisch und schwierig zu lesen, und dann gibt es die altbekannten Herausforderungen wie zunehmende Preisvolatilität, plötzliche politische Veränderungen, Änderungen der Geschmäcke von Konsumenten und technologischer Wandel.

Zumindest die Londoner Wirtschaftszeitung «Financial Times» sieht die Rohstoffbranche in einem alarmierenden Zustand und widmet ihren heute beginnenden Rohstoffgipfel «FT Commodities Global Summit 2017» in Lausanne den Plänen in Krisenzeiten.

Bundesrat kam auf 10'000 Angestellte

Die Spitzenvertreter der Rohstoffbranche entlang des Genfersees, die stets in grosser Anzahl an den zweitägigen Gipfel pilgern, dürfte dies wenig kümmern. Eine Leidenszeit ist hier nicht auszumachen. Der Branche geht es ­insgesamt sehr gut. Das hält auch eine vor wenigen Tagen publizierte Studie des im September an der Universität Genf eröffneten Swiss Research Institute on Commodities fest.

Die Studienleiter Nina Eggert und Wirtschaftsprofessor Giovanni Ferro Luzzi machen darin eine erstaunliche Feststellung: Sie haben berechnet, dass die auf die Kantone Genf, Waadt, Zug, Zürich und Tessin verteilte Rohstoffbranche über 36'000 Personen beschäftigt. Der Bundesrat kam in seinem im Jahr 2013 veröffentlichten Rohstoffbericht auf 10'000 Beschäftigte.

Hat sich die Regierung derart krass geirrt? Oder ist die Rohstoffbranche seither personell auf das Dreieinhalbfache gewachsen? «Dieses Wachstum ist unmöglich», sagt Lorenz Kummer, Rohstoffexperte beim Schweizer Hilfswerk Swissaid. Kummer hat die Studie analysiert und schüttelt nur den Kopf. Die Rohdaten würden unter Verschluss gehalten, die Befunde seien also nicht einmal überprüfbar, kritisiert er. Zudem hätten die Studienleiter in Genf nur gerade 12,5 Prozent der an die Rohstofffirmen versandten Fragebogen zurückbekommen, damit fehle der Studie jegliche Aussagekraft, so Kummer.

Gar von «alternativen Fakten» spricht Oliver Classen, Sprecher von Public Eye. Die NGO hat aufgrund einer eigenen ­Firmenliste das Bundesamt für Statistik berechnen lassen, dass die darin aufgeführten über 400 Rohstofffirmen rund 7600 Personen beschäftigen. Dass die Genfer Studie auf 36'000 Beschäftigte kommt, kann er sich nur so erklären, dass die Studienleiter das Personal von Banken mit Rohstoffhandelsabteilungen, Reedereien und andere Service-Branchen hinzuaddierten. Er betont: Im Gegensatz zur Datenbank der Genfer Studie habe Public Eye ihre Liste publiziert. Diese beinhalte nebst den Firmennamen auch Angaben zu Kapitalstruktur und Tätigkeitsgebieten.

Studienautorin beharrt auf der Zahl

Pikanterweise stützt sich auch der Genfer Wirtschaftsprofessor Giovanni Ferro Luzzi auf Angaben des Bundesamts für Statistik. Und zwar auf einen Datensatz, den der in Genf ansässige Rohstoffbranchenverband Swiss Trading and Shipping Association (STSA) bei seinen Mitgliedsfirmen erhoben hat, wie er auf Anfrage mitteilt. Der Bundesrat wiederum habe sich für seinen 2013 erschienenen Bericht auf eine alte STSA-Studie aus dem Jahr 2006 abgestützt, deren Berechnungsgrundlagen er nicht kenne, so Ferro Luzzi.

Diese Erklärung irritiert, denn mit Mitautorin Nina Eggert hatte Ferro Luzzi eine Expertin an seiner Seite, die bei eben diesem Branchenverband STSA angestellt ist und nebenbei auch für die Universität Genf arbeitet. Mindestens sie hätte die alten Berechnungsgrundlagen kennen können, ja müssen. Ferro Luzzi dementiert. «Nina Eggert hat an der Recherche nicht teilgenommen und hatte auch keinen Zugang zu den Daten», schreibt er.

Deutliches Warnsignal

Eggert selbst betont, sie habe die Studie lediglich redigiert. Bei der Zahl der 36'000 in der Rohstoffbranche beschäftigten Personen handle es sich aber «mitnichten um einen Irrtum». Auch die Tatsache, dass nur 12,5 Prozent von der STSA angeschriebenen Rohstofffirmen bei der Studie mitmachten und damit deren Repräsentativität infrage steht, will Eggert nicht überbewerten. «Das ist typisch bei dieser Form des Monitoring, vor allem am Anfang, bei diesem ersten Versuch.»

Oliver Classen von Public Eye hingegen wertet diesen ersten Versuch bereits als deutliches Warnsignal, dass sich die Rohstoffbranche nicht selbst untersuchen, geschweige denn überwachen kann, wie sie das gerne täte. Die personelle Verflechtung von Branchenverband und Universität sei ein No-Go, wie auch die Geheimhaltung von Daten, nur weil die Unternehmen darauf pochten. Die Politik solle für eine verlässliche Datenbasis sorgen, so Classen. Professor Ferro Luzzi hingegen betont: «Eine Uni-Studie bedeutet nicht, dass die Daten frei zugänglich sind.» Die Universität Genf hat bis gestern Abend auf eine ­Anfrage zur Stellung und Arbeit seines «Swiss Research Institute on Commodities» nicht Stellung genommen.

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