Aufruhr um Gehälter für Frauen

Die BBC bezahlt führende Frauen deutlich schlechter als Männer. Das hat in Grossbritannien eine heftige Debatte ausgelöst.

Premierministerin Theresa May greift die BBC an – aber nicht im Interesse der Frauen. Foto: Reuters

Premierministerin Theresa May greift die BBC an – aber nicht im Interesse der Frauen. Foto: Reuters

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So schlecht sieht es ja gar nicht aus für Frauen in Führungspositionen auf der Insel. Nicht nur sitzt in No 10 Downing Street, an der Spitze der Regierung, eine Frau. Frauen sind auch zu Regierungschefinnen in Belfast und Edinburgh gewählt worden. In Schottland werden sogar alle drei massgeblichen Parteien und in Nordirland die zwei wichtigsten von Frauen geführt.

Eine Frau, Cressida Dick, ist jüngst zur ersten Polizeipräsidentin Londons ernannt worden. Und auf den Topposten des obersten Gerichts für England und Wales rückt jetzt als erste Lady Brenda Hale vor. Zwei der grossen Fernsehanstalten des Landes, ITV und Channel 4, werden neuerdings von Frauen geleitet. Bei der BBC sollen binnen drei Jahren die Hälfte der Moderatoren und Nachrichtensprecher Frauen sein.

Solche Durchbrüche sagen allerdings wenig aus über die anhaltende und hartnäckige Benachteiligung von Frauen in vielen Bereichen. Das hat sich nun in neuen Tumulten um die BBC gezeigt. Von der Regierung gezwungen, die Einkommen ihrer Bestverdiener offenzulegen, hat sich die grösste Rundfunkanstalt der Welt zu ein paar peinlichen Fakten bekennen müssen: Die weiblichen Grössen der Anstalt bleiben deutlich hinter den männlichen zurück.

Im Grunde hatte die Regierung von Theresa May, die wenig Sympathie für das öffentlich-rechtliche Erfolgsmodell der «Beeb» hegt, mit ihrer Transparenz-Order nur dem Verlangen der BBC-Hasser in der Boulevardpresse nachkommen wollen. Und um ein paar Topgehälter gab es auch einige Aufregung.

Das grössere Aufsehen löste aber die Kluft in der Bezahlung zwischen Männern und Frauen aus. Manche der besten und bekanntesten Moderatorinnen verdienen nur einen Bruchteil dessen, was ihre männlichen Kollegen nach Hause tragen. Von den 96 BBC-Leuten, die über 150'000 Pfund (etwa 190'000 Franken) Jahresgehalt erhalten, ist nur ein Drittel weiblich. Die sieben Stars ganz oben auf der Liste, mit Gehältern bis zu 2,2 Millionen Pfund (2,8 Millionen Franken), sind ausnahmslos Männer.

Insgesamt, räumte die Anstalt kleinlaut ein, bestehe in der Tat eine Kluft bei der Bezahlung der beiden Geschlechter. BBC-Intendant Tony Hall, der sich darauf berufen kann, in seiner bisherigen Amtszeit mehr Frauen als Männer auf Spitzenpositionen berufen zu haben, gelobte prompt, auch in dieser Hinsicht bis 2020 einen «Ausgleich» zu erreichen. Das hielt prominente BBC-Frauen wie die politische Korrespondentin Vicki Young freilich nicht davon ab, sich «deprimiert und zornig» über die enthüllten Realitäten zu zeigen.

«Unmöglich, nicht schockiert zu sein»

Von politischer Seite ist den Betroffenen lautstarke Unterstützung zuteil geworden. Die für Gleichberechtigungsfragen zuständige Ministerin Justine Greening fand es «unmöglich, nicht schockiert zu sein». Harriet Harman, eine frühere Labour-Vorsitzende, mahnte die BBC, nun endlich eine solch «klare Diskriminierung» zu überwinden und «mit gutem Beispiel voranzugehen».

Andere Kommentatorinnen warnen freilich auch davor, das Ausmass der «BBC-Sünden» zu übertreiben. Jane Martinson, Medienredaktorin des progressiven «Guardian», hat sogar «etwas Mitleid» mit der BBC, die sich seit Jahren redlich um Vielfalt bemühe, nun aber von Tory-Regierung und Boulevardpresse als einzige Anstalt zu entsprechender Transparenz gezwungen wurde.

Anderswo, findet Martinson, sei es noch wesentlich schlechter bestellt um die Gleichbehandlung von Frauen. Und dort fordere niemand Rechenschaft. «Die Kluft bei der Bezahlung von Männern und Frauen in unserem Land beträgt 18,1 Prozent», nennt Martinson die verfügbaren Zahlen. «Selbst wenn man die Teilzeitarbeit auslässt, die hauptsächlich von Frauen geleistet wird, kommt man noch auf 9,4 Prozent.» – «Fast überall in der Industrie», bestätigt die konservative «Sunday Times», «wird Frauen für dieselbe Arbeit weniger bezahlt als Männern.» Bei Direktoren in FTSE-100-Unternehmen kann der Unterschied sogar nahezu 40 Prozent betragen.

Vielleicht, meint Martinson, werde der Trubel um die BBC eine neue, allgemeine Debatte zu dieser Form der Ungleichheit anstossen – egal, was die Regierung mit der Offenlegung ursprünglich bezweckte. «Wenn diese Enthüllungen helfen, einen Wandel herbeizuführen, wird das aus dem falschen politischen Grund heraus geschehen – aber mit einem lohnenswerten gesellschaftlichen Ergebnis.»

Erstellt: 02.08.2017, 19:00 Uhr

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