Aus Angst vor dem Brexit horten die Briten Gold aus der Schweiz

Die Exporte nach Grossbritannien haben stark zugenommen. Sie sind so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr.

Gold gilt vielen Menschen als sichere Rücklage für schlechte Zeiten: In den vergangenen zwölf Monaten ist der Preis für das Edelmetall um gut 20 Prozent gestiegen. Foto: Keystone

Gold gilt vielen Menschen als sichere Rücklage für schlechte Zeiten: In den vergangenen zwölf Monaten ist der Preis für das Edelmetall um gut 20 Prozent gestiegen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Goldmarkt war seit je ein guter Krisenindikator. So mag es auch nicht überraschen, dass viele Briten nach dem Edelmetall greifen. Die Unsicherheit über die Bedingungen, wie der Austritt aus der Europäischen Union am Ende vollzogen wird, beunruhigt viele Bürger.

Sie suchen Handfestes für ihr Geld, und zwar auch in der Schweiz. Die Exporte des Edelmetalls nach London waren im August so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr. Das zeigen die neusten Daten der Eidgenössischen Zollverwaltung. Die höhere Nachfrage aus Grossbritannien habe die jüngsten Rückgänge bei den Ausfuhren nach Asien ausgleichen können. Neben der Furcht vor einem ­No-Deal-Brexit treibt auch die Sorge um einen Wirtschaftseinbruch die Anleger in den sicheren Hafen Gold.

Die Schweiz ist der mit Abstand grösste Goldverarbeiter der Welt. Mit 500 Tonnen wird hier jährlich die Hälfte der weltweiten Goldproduktion raffiniert. Vier der weltgrössten Goldraffinerien, deren Produkte von den internationalen Edelmetallbörsen anerkannt werden, befinden sich in der Schweiz, darunter drei im Tessin: Argor-Heraeus in Mendrisio, Pamp in Castel San Pietro, Valcambi in Balerna und Metalor in Marin NE. Wichtigste Abnehmer sind Italien und die arabischen Länder.

Sichere Rücklage für schlechte Zeiten

In den vergangenen zwölf Monaten ist der Preis für das Edelmetall um gut 20 Prozent auf knapp 1500 Dollar je Feinunze (das sind 31,1 Gramm) gestiegen. Die Gründe sind vielfältig. Da ist die Furcht vor einem eskalierenden Handelsstreit zwischen den USA und China. Da ist aber auch die lockere Geldpolitik der Notenbanken. Die Nullzinspolitik verschärfte den Druck auf die Anleiherenditen. Inzwischen notieren weltweit Anleihen im Wert von 16 Billionen Dollar im negativen Bereich. Das bedeutet: ­Anleger legen drauf, wenn sie Geld verleihen.

Die meisten Fachleute raten in dieser Lage zum Aktienkauf, doch auch kleine Goldanlagen sind eine Alternative. Das Edelmetall wirft zwar ebenfalls keine Zinsen ab, doch Anleger könnten von Preissteigerungen profitieren. Zudem übt der Besitz von Gold eine grosse Faszination aus.

Das Edelmetall war lange Zeit ein gängiges Zahlungsmittel, heutzutage lagert man es in Form von Barren und Münzen im Tresor. Gold gilt vielen Menschen als sichere Rücklage für schlechte Zeiten. Als die Finanzkrise am schlimmsten tobte, standen die Sparer Schlange vor den Banken, um die knappe Ware zu kaufen. Entsprechend erhöhte sich der Preis für das Edelmetall in diesen Jahren am stärksten.

Auch ein Inflationsschutz

Die Hausse dauerte bis 2011, damals erreichte der Preis für die Unze Feingold mit 1900 Dollar den bisherigen Höchststand. Gold ist eine Art Währung der letzten Instanz, wenn sich Staaten in Abwertungskämpfe verstricken, um das Wachstum anzukurbeln.

In der Geschichte bewährte sich Gold auch als Inflationsschutz. «Tatsächlich hat sich dieser ­Zusammenhang in der Vergangenheit immer wieder bestätigt», sagt Carsten Mumm, Chefökonom der deutschen Privatbank Donner & Reuschel. «Zwischen 1972 und 1975 sowie um 1980 ­herum zog der Goldpreis von 50 auf 200 Dollar beziehungsweise von 200 auf 850 Dollar deutlich an», sagt er. In beiden Zeiträumen seien auch die Konsumentenpreise um ein Vielfaches gestiegen.

Erstellt: 26.09.2019, 10:16 Uhr

Artikel zum Thema

Schweiz will Briten in eigenes Wirtschaft-Bündnis holen

Zwischen Bern und London fanden Gespräche über einen Beitritt Grossbritanniens in die Efta statt. Mehr...

London droht der Wegzug von bis zu 24 Banken

Der Brexit könnte für die britische Hauptstadt einen Geldabfluss in den Euro-Raum in der Höhe von 1,3 Billionen Euro nach sich ziehen. Davor warnte die EZB am Mittwoch. Mehr...

Ein Glossar für die nächste Wirtschaftskrise

Das Rätsel um die Inflation? Rettungsschirm? OMT? Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt Finanzbegriffe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...