Bald kein Schweizer Zucker mehr?

Seit der Zuckermarkt in der EU liberalisiert ist, sinkt dort der Preis rapide. Schweizer Bauern werden mit Sonderzöllen geschützt. Noch.

Eine wichtige Abnehmerin von Zuckerrüben ist die Zuckerfabrik in Aarberg, wo der Rohstoff in Silos gelagert wird. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Eine wichtige Abnehmerin von Zuckerrüben ist die Zuckerfabrik in Aarberg, wo der Rohstoff in Silos gelagert wird. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Ihm soll der Garaus gemacht werden. Der Zucker gilt als süsses Gift, das süchtig macht. In der Schweiz ist der Verzicht auf den Zucker sogar von oberster Stelle verordnet. Im Sommer erst verlängerten SP-Gesundheitsminister Alain Berset, die Lebensmittelbranche sowie die grössten Schweizer Detailhändler die Erklärung von Mailand bis ins Jahr 2024. Diese verlangt, dass der Zuckergehalt in vielen Lebensmitteln sinkt.

Dabei haben es die Schweizer gerne süss: Sie essen 110 Gramm Zucker pro Person und Tag. Das ist mehr als doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

EU-Produktion angestiegen

Den 4500 Schweizer Zuckerbauern setzt freilich eine andere Entwicklung weit stärker zu. In der EU wurde 2017 der Zuckermarkt liberalisiert. Seither ist dort die Produktion stark angestiegen. Mit dramatischen Folgen. «Wir erleben derzeit die grösste Branchenkrise seit Jahrzehnten», sagt Wolfgang Heer, Vorstandsvorsitzender der Firma Südzucker, gegenüber der «Zeit». Das Unternehmen ist der grösste Weisszuckerhersteller der Welt.

Das letzte Geschäftsjahr schloss Südzucker mit einem Verlust von über 800 Millionen Euro ab, bei einem Umsatz von 6,7 Milliarden Euro. Dieses Jahr lief es nicht besser. «Das Angebot überstieg die Nachfrage bei weitem», so Heer. Die Folge dieser Entwicklung: Die Preise für Zucker sind dramatisch eingebrochen.

Davon bleiben die Schweizer Zuckerbauern zumindest teilweise verschont. Noch. Denn der Bund stützt sie seit Beginn dieses Jahres mit Sonderzöllen. ­Anfang 2019 führte der Bundesrat als befristete Stützungsmassnahmen einen Mindestzoll von 70 Franken pro Tonne Zucker ein sowie eine Erhöhung des Flächenbeitrags von 300 Franken pro Hektare Zuckerrüben. Doch sind die Massnahmen bis 2021 befristet. Bis dann soll die Branche sich selbst so fit getrimmt haben, dass sie ohne die Unterstützung auskommt. Ein Bericht schürt Zweifel daran, dass das gelingt.

Vor wenigen Tagen stellte die Branche selbst ein Betriebswirtschaftspapier vor. Es kommt zum Schluss, dass die Branche in dieser Zeit trotz Effizienzsteigerungen die Gewinnschwelle nicht aus eigener Kraft erreichen ­dürfte. ­Kleine Produktionsflächen und teure Maschinen führen zu höheren Kosten als in der EU. Je nach Szenario verliert die Branche bis zu 30 Millionen Franken.

«Die Zuckerproduktion wird aus der Schweiz verschwinden, wenn sie nicht unterstützt wird», sagt Martin Rufer, Leiter Produktion, Märkte & Ökologie beim Schweizer Bauernverband. Ohne politische Schutzmassnahmen würde die Anbaufläche rasch zurückgehen und der Import aus der EU ansteigen. Die Pflanzer würden auf andere Kulturen, wie etwa Mais oder Raps, umsatteln, sofern die Märkte das ermöglichen würden.

Die Zahl der Zuckerrübenpflanzer ist schon seit ­Jahren rückläufig. Waren es 2009 noch 6500, sind es aktuell rund 4500. Dadurch sinkt auch die Auslastung bei den Zuckerfabriken. Die Schweizer Bauern bringen ihre Rüben in eine der beiden Schweizer Fabriken in Aarberg BE oder Frauenfeld TG.

Uneinigkeit über den Wert

Die Studien haben auch untersucht, ob es Einsparungen mit sich bringen würde, wenn eine der beiden Zuckerfabriken geschlossen wird. Das Fazit: Nein, denn im verbleibenden Standort würde zwar die Rentabilität steigen, aber auch die Transportkosten nähmen deutlich zu.

Die Frage ist, ob die Politik ­bereit ist, den Schweizer Zucker weiter zu schützen – und ob die Nahrungsmittelbranche weiter auf eine hiesige Produktion setzt. Laut einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) würden zwar viele Schweizer die lokale Landwirtschaft schützen wollen, doch bezieht sich dieser Gedanke auf die Alpwirtschaft oder Tierhaltung – die Zuckerrübe sei im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent.

Guetsli werden teurer

Die Nahrungsmittelbranche ist über den Wert des hiesigen Zuckers uneins. In den Augen der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial) wirft die Marktanalyse der Zuckerbauern eher Fragen auf, als dass sie Antworten liefert. So heisst es im neuen Fial-Newsletter: Die Unklarheiten sollten in einer ergänzenden Untersuchung beseitigt und der Grenzschutz für den Schweizer Zucker wie angekündigt per 2021 beendet ­werden.

In der FHNW-Studie zeigen sich einige Grossabnehmer überzeugt davon, dass heimischer Zucker für Konsumenten per se ein Mehrwert ist, auch wenn er gleich süss, aber etwas teurer als der ausländische ist. ­Biscosuisse, der Verband der Backwaren- und Zuckerwaren-Industrie, sieht das anders.

Der Verband kritisierte die Einführung der Stützungsmassnahmen für die Zuckerpflanzer, weil Importsüssigkeiten günstiger produziert werden, aber die lokale Herstellung und damit die hiesigen Guetsli hierzulande und im Export teurer werden. Und die zuckersüssen Produkte haben auch so schon einen schweren Stand.

Erstellt: 10.11.2019, 21:12 Uhr

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