Bargeld ist nicht so anonym, wie man meint

Die niederländische Zentralbank hilft der Polizei, Erpresser zu fassen. In der Schweiz ist der Umgang mit Noten anders.

«Die Nationalbank verfolgt Seriennummern nicht, da die gewährleistete Privatsphäre und der Datenschutz sowie die Anonymität einen Vorteil von Bargeld darstellen», sagt Claudia Aebersold, Mediensprecherin Nationalbank. Foto: Getty Images

«Die Nationalbank verfolgt Seriennummern nicht, da die gewährleistete Privatsphäre und der Datenschutz sowie die Anonymität einen Vorteil von Bargeld darstellen», sagt Claudia Aebersold, Mediensprecherin Nationalbank. Foto: Getty Images

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Ein 250-Gulden-Schein wurde ihm zum Verhängnis. Ferdi Elsas entführte am 9. September 1987 Gerrit Jan Heijn, Enkel des Gründers der niederländischen Supermarktkette Albert Heijn. Er schickte der Familie des Opfers dessen Brille und einen abgetrennten kleinen Finger und erpresste so ein Lösegeld. Als er mit einer der Banknoten in einem Getränkeladen bezahlte, wurde diese bei der niederländischen Zentralbank einbezahlt. Deren Seriennummerscanner schlug Alarm. Die Polizei konnte die Spur bis zum Getränkeladen zurückverfolgen. Am 6. April 1988 wurde Elsas gefasst.

In den Anfängen im 19. Jahrhundert wurden die Noten noch von Hand nummeriert. Die Seriennummer macht jede Note einzigartig. Sie dient zur Aufdeckung von Fälschungen und von Betrug in der Zentralbank oder ihrer Druckerei, zur Qualitätskontrolle, zur Datenerfassung des Notenumlaufs – und zur Verfolgung von Erpressern.

Aber das geht nur, wenn die Zentralbank die Seriennummern registriert, sobald Noten ein- und ausgeliefert werden. Die niederländische Zentralbank war 1968 die erste, die maschinenlesbare Nummern druckte und eine Datenbank anlegte. Und sie ist nach wie vor die einzige Zentralbank, die täglich die im Umlauf befindlichen ­Banknoten registriert und so die Vorteile der Seriennummer tatsächlich nutzt.

Schweizer Bargeld bietet Schutz der Privatsphäre

Die Schweizerische Nationalbank könnte der Polizei in einem Entführungsfall nicht helfen. Sie verzichtet bewusst auf die Registrierung: «Die Nationalbank erfasst und verfolgt Seriennummern von Banknoten nicht, da die gewährleistete Privatsphäre und der Datenschutz sowie die Anonymität einen Vorteil von Bargeld darstellen», begründet Mediensprecherin Claudia Aebersold.

Tatsächlich könnte eine Zentralbank die Anonymität von Bargeld stark aushöhlen. Wären Bancomaten mit einem Nummernscanner ausgerüstet, könnte sie jede Notenausgabe mit dem Besitzer der Bancomatkarte in Verbindung bringen. Ebenso könnte man Bankschalter und Ladenkassen mit Scannern ausrüsten.

Trotz der starken Verbreitung des bargeldlosen Zahlens wollen die Bürger immer mehr Banknoten, wie die Notenumlauf-Statistik zeigt: Die Zahl der Noten hat sich seit 1996 verdoppelt. In einer zunehmend digitalen Welt, wo jede Transaktion Spuren hinterlässt, bietet Bargeld einen wichtigen Schutz der Privatsphäre. Denn «Geld ist geprägte Freiheit», wie der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski feststellte.

Erstellt: 26.12.2019, 15:14 Uhr

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