Befürchtungen zur US-Politik sorgen für heftige Börsenturbulenzen

Am Montag Rekordverluste, am Mittwoch Rekordgewinne – die US-Börsen setzen den Nerven der Anleger zu. Auch in der Schweiz rutschten die Aktien deutlich ins Minus. Die wichtigsten Gründe.

Kursfeuerwerk an der Wallstreet: Der Dow Jones stieg am Mittwoch auf die grösste Punktzahl seiner Geschichte. Foto: AP

Kursfeuerwerk an der Wallstreet: Der Dow Jones stieg am Mittwoch auf die grösste Punktzahl seiner Geschichte. Foto: AP

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Am einen Tag Tiefstwerte, am nächsten Höchstwerte, dann erneut sinkende Kurse. Dieses Bild zeigen in der Weihnachtswoche die Aktienmärkte. Bei geschlossenen Aktienmärkten in Europa legten die US-Börsen noch am Mittwoch ein Kursfeuerwerk hin, wie es seit 2009 nicht mehr zu sehen war. Der Dow Jones stieg um 1086 Punkten an, und damit um die grösste Punktzahl seiner Geschichte. Sowohl dieser Index als auch der S&P 500 legten um 5 Prozent zu. Der Index der Technologiebörse Nasdaq 100 stieg sogar um 6,2 Prozent an.

Jahrestief in der Schweiz

An der Schweizer Börse, die in der laufenden Woche gestern zum ersten Mal geöffnet war, ging die Euphorie gänzlich vorbei. Nach einem positiven Start drehten die Kurse im Tagesverlauf immer stärker in den roten Bereich. Bei Handelsschluss lag der führende Börsenindex SMI mit 2,6 Prozent deutlich im Minus und erreichte mit 8196 Punkten den tiefsten Stand des Jahres. Auch in den USA notierten die Aktienmärkte bereits nach der Eröffnung wieder im negativen Bereich. Das gleiche Bild zeigte sich an den grossen Handelsplätzen Europas.

Relativiert werden die Rekorde in den USA vom Mittwoch auch durch die Entwicklung am Montag. Dann kam es ebenfalls zu einem Rekord – nur in die andere Richtung: Der Dow-Jones-Index brach um 653 Punkte ein, und damit so stark wie noch an keinem Heiligabend.

Als wichtigsten Auslöser für die Börsenturbulenzen in der Weihnachtswoche machen Experten die Kommunikation der US-Regierung aus. So haben hochrangige Offizielle am Wochenende erklärt, Präsident Trump habe nicht im Sinn, den von ihm eingesetzten Notenbankchef Jerome Powell zu feuern. Das hat entsprechende Ängste erst recht geschürt. Die Notenbank ist in ihren Entscheiden von der Politik unabhängig. Doch Trump hat die Zinserhöhungen des Fed bereits heftig kritisiert. Dass dessen Chef vom Präsidenten entlassen werden könnte, galt bisher in den USA als ausgeschlossen.

Handel über die Feiertage ist dünn

Tiefere Zinsen befeuern zwar die Aktienkurse, aber wenn die Anleger befürchten müssen, dass eine Institution wie die Notenbank ebenfalls unter Trumps Kontrolle geraten könnte, schürt das grosse Unsicherheit. Die Politik des Präsidenten erscheint immer unberechenbarer. Dazu passt, dass Trumps Finanzminister Steven Mnuchin ebenfalls am Wochenende verlauten liess, die grossen US-Banken seien aktuell nicht von einem Ausfall gefährdet. Das habe er sich nach Rücksprache mit deren Chefs versichern lassen. Diese Beruhigung hat ebenfalls grosse Verwirrung ausgelöst, weil es keine Anzeichen für entsprechende Sorgen gab.

Belastend kam dazu, dass die US-Regierung erneut einer Haushaltssperre (Government-Shutdown) unterliegt, weil sich Trump mit dem Kongress nicht auf einen Staatshaushalt einigen konnte. Der Präsident will umfassende Mittel für den Bau einer Grenzmauer zu Mexiko ins Budget aufnehmen, wozu die oppositionellen Demokraten ihre Zustimmung verweigern.

Gemäss Marktbeobachtern haben die heftigen Kursausschläge in dieser Woche eine Reihe von Ursachen. Zum einen ist der Handel dünn – wie immer über die Feiertage. Das heisst, es sind deutlich weniger Investoren als sonst am Handel beteiligt. Das alleine führt zu stärkeren Ausschlägen. Am Mittwoch mussten zudem Anleger, die auf sinkende Kurse gesetzt und deshalb ausgeliehene Aktien verkauft haben, diese Titel zurückkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen (man spricht dann von einem «Short-Squeeze»). Diese Deckungskäufe trieben die Kurse weiter nach oben.

Von Bedeutung ist auch, dass der Aktienhandel zu 85 Prozent über sogenannte Algorithmen abgewickelt wird, also über Programme, die auf vorgegebene Entwicklungen automatisch mit Verkäufen oder Käufen reagieren. So werden auch die erwähnten Deckungskäufe beim «Short-Squeeze» ausgelöst, genauso wie Verkaufsorder, wenn die Kurse unter vorgegebene Schwellenwerte fallen. Das verstärkt jeden bestehenden Kurstrend.

Schatten des Handelskriegs

Die Ausschläge stehen für eine schon seit längerem deutlich gestiegene Nervosität an den Aktienmärkten weltweit. Im Jahr 2018 haben die Anleger gemessen an den grossen Aktienindizes überall Geld verloren. Die Nervosität zeigt sich auch an den sogenannten impliziten Volatilitäten. Das sind die aus Optionspreisen berechneten erwarteten Schwankungen der Kurse. In den USA liegen sie (gemessen am VIX-Index) auf einem so hohen Niveau wie seit 2011 nicht mehr. Deutlich angestiegen sind sie jüngst auch in der Schweiz.

Grund für die Nervosität sind einerseits abgeschwächte Wachs­tumsaussichten für die Realwirtschaft. Dazu kommen Risiken im Zusammenhang mit dem Handelskrieg zwischen den USA und China, mit dem Brexit und mit geopolitischen Spannungen. Sie alle haben das Potenzial, eine weltweite Wirtschaftskrise auszulösen. Die Unruhe an den Börsen ist deshalb nicht nur ein Grund zur Sorge für die Anleger, sie deutet auf Gefahren hin, die alle treffen würden.

Erstellt: 27.12.2018, 21:44 Uhr

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