«Bei Ikea Schweiz erhalten Frauen und Männer denselben Lohn»

Sie fördert Frauen und führte einen zweimonatigen Vaterschaftsurlaub ein. Die Ikea-Chefin Simona Scarpaleggia im Interview.

«Nur jene, die schlafen, machen keine Fehler»: Diesen Satz des Ikea-Gründers prägte Simona Scarpaleggia, Chefin Ikea Schweiz. Foto: Keystone

«Nur jene, die schlafen, machen keine Fehler»: Diesen Satz des Ikea-Gründers prägte Simona Scarpaleggia, Chefin Ikea Schweiz. Foto: Keystone

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Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch in einem Ikea-Geschäft?
Ja, es war in einem der ersten Ikea-Läden Italiens, in der Nähe von Mailand. Ich war schwanger mit meinem ersten Kind. Es muss also vor 26 Jahren gewesen sein. Ich ging mit meinem Mann hin. Ich war erstaunt, dass es einfach alles gab – vom Bad über die Küche bis zu Babysachen. Und man konnte alles in die Hand nehmen.

Heute sind Sie Chefin von Ikea Schweiz. Wie gefällt es Ihnen hier?
Ich schätze das Leben in der Schweiz sehr. Die Natur, der Zürichsee – fantastisch. Manchmal bin ich überrascht, wie verschieden die Kulturen der Schweiz und Italiens sind. Wir sind ja Nachbarn! Was ich bewundere, ist dieser Sinn für die Allgemeinheit und die Pflege der Demokratie. Die Leute in der Schweiz sind politisch interessiert, suchen nach Lösungen, die für alle tragbar sind. Es dauert manchmal etwas lange, bis sie gefunden sind. Aber dann halten sie.

Wie kommen Sie zwischenmenschlich zurecht?
Manchmal schmunzle ich, wie die Leute hier stets genaue Vorgaben verlangen, bevor sie etwas tun. In Italien ist es anders. Dort ergreifen die Leute die Initiative.

«Fehler zu machen, ist ein Privileg»: Der Satz von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad begeistert Simona Scarpaleggia, hier an einer Konferenz, 2015. Foto: Keystone

Was macht Ihr Mann beruflich?
Er ist Berater von Führungskräften. Von Montag bis Donnerstag arbeitet er in Mailand. Donnerstagabend kommt er normalerweise nach Zürich.

Sie fahren selten nach Mailand?
Drei, vier Mal pro Jahr. In Zürich gehe ich regelmässig an Konzerte – in der Tonhalle, im Opernhaus. Leider verstehe ich zu wenig gut Deutsch, um ins Theater gehen zu können.

Sie haben drei inzwischen erwachsene Kinder. Hat Ihr Mann zu ihnen geschaut, als sie kleiner waren?
Wir arbeiteten beide. Darum hatten wir eine Hilfe. Die Frau, die sich um die Kinder kümmerte, war grossartig. Wir haben noch immer Kontakt zu ihr. Sie ist mittlerweile achtzig und für die Kinder eine Art dritte Grossmutter.

Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie beschäftigt viele Eltern. Sollte in der Schweiz in dieser Hinsicht etwas verändert werden?
Ich habe viel mit jungen Frauen gesprochen. Die würden gerne weiter arbeiten, nachdem sie Kinder bekommen haben. Nicht 20, sondern 80 Prozent. Andere Stundenpläne an den Schulen könnten helfen. Das heutige System mit den langen Mittagspausen ist schwierig, weil die Eltern nach Hause kommen müssen. Firmen können Väter und Mütter unterstützen. Bei Ikea kann man flexibel arbeiten. Auch in Führungsfunktionen ist Teilzeit möglich. Zudem haben wir letztes Jahr einen zweimonatigen Vaterschaftsurlaub eingeführt.


Video: Der Weltfrauentag bei Ikea

Bis zu zwei Monaten geschenkter Mutterschaftsurlaub: Das verspricht Ikea Schweiz Chefin Simona Scarpaleggia. Video: YouTube / Ikea Switzerland


Ist der bezahlt?
Sechs Wochen sind bezahlt, zwei Wochen sind als Ferien zu beziehen. Aber niemand wird zum Urlaub gezwungen.

Nutzen ihn die Männer?
In unserer Zentrale machten alle jungen Väter davon Gebrauch. Sie schätzen es, sich mit ihren Partnerinnen um ihre Kinder kümmern zu können. Auch die Firma profitiert: Die Leute sind motiviert. Und die guten Leute bleiben. Es ist eine Win-win-Situation.

Sie haben vor fünf Jahren die Vereinigung «Advance – Women in Business» gegründet. Worum geht es?
Advance ist ein Netzwerk von Firmen. Es geht darum, Unternehmen für die Frauenförderung zu gewinnen, indem sie Hindernisse und Vorurteile abbauen. Zu Beginn waren zehn Firmen dabei, nun sind es achtzig. Wir bieten Kurse an, die Frauen helfen sollen, sich in Unternehmen durchzusetzen. Aber es geht auch um den Vergleich der Arbeitsbedingungen in den Mitgliederfirmen, was sie dazu animiert, sich ständig zu verbessern.


Bilder: Die Ikea-Schläfer


In der Schweiz erhalten Frauen für die gleiche Arbeit schlechtere Löhne als die Männer. Wie ist das bei Ikea?
Wir zahlen Frauen gleich viel wie Männern. Ikea Schweiz wurde von der Stiftung Edge, welche die Gleichstellung in Unternehmen zum Ziel hat, als erstes Unternehmen der Welt auf dem höchsten Niveau zertifiziert. Das führte dazu, dass ich eingeladen wurde, im Uno-Gremium für die Frauenförderung in der Wirtschaft mitzumachen. Ich sagte zu und übernahm zusammen mit dem Präsidenten von Costa Rica den Vorsitz.

Was hat das Gremium getan?
Wir arbeiteten eineinhalb Jahre lang und verfassten zwei Berichte: einen Aufruf zur Veränderung und konkrete Anleitungen dafür, was Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen tun können, um Frauen in der Wirtschaft zu fördern.

Gibt es Erfolge?
Ein Beispiel: Ikea verpflichtete sich, weltweit bis 2020 dieselben Prinzipien umzusetzen, die wir bei Ikea Schweiz haben.

«Neu gibt es auch einen veganen Hotdog.»Simona Scarpaleggia, Chefin Ikea Schweiz

Wie viel verdient eine Kassierin oder ein Verkäufer in Ihrer Firma?
Das hängt von der Position und der Erfahrung ab. Aber wir zahlen in jedem Fall mehr als 3900 Franken pro Monat für einen 100-Prozent-Job. Dazu geniessen die Mitarbeiter einige Vorteile, etwa ein Treueprogramm oder im Alltag ein Mittagessen für 4.50 Franken.

Ikeas Preise sind sehr tief. Ein Hotdog kostet einen Franken. Wie ist das möglich?
Der Hotdog geht auf unseren Gründer Ingvar Kamprad zurück. Er wollte ein Gericht, das nur einen Franken kostet. Neu gibt es auch einen veganen Hotdog.

Wie kann ein Hotdog so billig sein?
Wie bei all unseren Produkten profitieren wir von der Menge. Mit unseren Lieferanten haben wir langfristige Verträge, wir bestellen riesige Mengen, und wir bezahlen rasch. Dafür erhalten wir gute Preise.

«Die Firma wird sich verändern. Aber die Ikea-Kultur wird bleiben.»Simona Scarpaleggia, Chefin Ikea Schweiz

Was sagen Sie zur Kritik, Ikea sei nicht nachhaltig, weil die tiefen Preise dazu verführen, Möbel rasch wieder zu ersetzen?
Ich kann nicht bestreiten, dass dies ein Problem ist. Doch wir verkaufen langlebige Artikel. Wir geben auf unsere Produkte 2 bis 25 Jahre Garantie. Wir bemühen uns, nachhaltige Materialien zu verwenden, auch rezyklierte. Wir haben in unserer Filiale in Spreitenbach einen Versuch gestartet: Wir kaufen alte Möbel zurück, reparieren und verkaufen sie wieder oder nehmen sie auseinander, um die Teile wieder zu verwenden. Das läuft ganz gut. Wir überlegen uns, dies in allen Läden anzubieten.

Ikea lässt auf der ganzen Welt fabrizieren. Besuchen Sie diese Fabriken?
Ich war etwa in Indien. Ikea hilft Frauen im Bundesstaat Uttar Pradesh, einer sehr armen Gegend. Ziel ist es, eine Industrie für Textilien aufzubauen. Weil diese Frauen nicht die Mengen liefern können, die wir üblicherweise brauchen, lassen wir dort limitierte Kollektionen fertigen.

Wieso konzentriert sich Ikea dort auf Frauen?
Frauen werden in Uttar Pradesh von der Gesellschaft nicht zum Arbeiten ermutigt. Mit Hilfe des Entwicklungsprogramms der Uno begannen wir, die Männer von den Vorteilen der Frauenarbeit zu überzeugen. Dann die Schwiegermütter, die in diesen Familien sehr wichtig sind. Erst am Ende sprachen wir mit den Frauen selbst. Das Ziel ist, dass die Frauen nach sechs Jahren unabhängig arbeiten können. Es geht nicht um Almosen. Sondern darum, ein nachhaltiges System zu schaffen.

«Ab und zu arbeite ich an einem Ladentisch.»Simona Scarpaleggia, Chefin Ikea Schweiz

Funktioniert das?
Die Tischtücher, Kissenbezüge und Leintücher, die diese Frauen machen, sind sehr schön und daher gefragt. Mit ihrem Verdienst schicken die Frauen ihre Kinder in private Schulen, die viel besser sind als die öffentlichen. Die Frauen wissen, dass ihre Kinder für ein besseres Leben schreiben und Englisch lernen müssen.

Haben Sie selbst mal in einem Ikea-Laden gearbeitet?
Ja, und ich besuche weiterhin Läden, spreche mit den Leuten. Ab und zu gehe ich für ein paar Tage nach Lugano und arbeite dort an einem Ladentisch. So merke ich, was die Kunden wollen und was die Mitarbeiter brauchen.

Wieso gingen Sie einst zu Ikea?
Wegen der Werte. Was mich begeisterte, war ein Satz von Gründer Ingvar Kamprad. Dieser lautet: «Fehler zu machen, ist ein Privileg.» Dieser Satz ist die Voraussetzung für jede Art von Innovation und Verbesserung. Hält man sich schön an die Vorgaben, kann man einen guten Job machen. Aber dann fehlt der Raum für Innovationen. Ingvar Kamprad pflegte zu sagen: «Nur jene, die schlafen, machen keine Fehler.»


Video: Ingvar Kamprad

Im Januar dieses Jahres im Alter von 91 Jahren verstorben: Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Video: Tamedia/AFP


Haben Sie ihn persönlich getroffen?
Ja, mehrmals. An meinem ersten Arbeitstag in der Schweiz traf ich ihn morgens um 5.45 Uhr in der Ikea-Filiale von Aubonne im Waadtland, wo er lange lebte. Wir waren dann bis abends in der Filiale unterwegs. Er war damals schon 84.

Im Januar ist Kamprad gestorben. Wird das Ikea verändern?
Klar, die Firma wird sich verändern. Alles in der Welt ändert sich. Aber die Ikea-Kultur wird bleiben. Kamprad war der Mann, der sie schuf. In seinem «Testament eines Möbelhändlers» hielt er seine Prinzipien fest – Gemeinsamkeit, Einfachheit, Kostenbewusstsein. An diesen Dingen muss man sich orientieren.

Was kaufen die Schweizer Ikea-Kunden am meisten?
Kerzen. Die Schweizer haben Qualitätsbewusstsein. Sie vergleichen, sie sind fordernd. Und schätzen den Service.

Lassen sie sich die Möbel zu Hause zusammenschrauben?
Die Nachfrage nach diesem Service nimmt tatsächlich stark zu.

Was haben Sie selbst schon zusammengeschraubt?
Tische und Stühle. Mehr nicht. Die vielen Billy-Regale, die wir haben, setzten mein Mann und mein Sohn zusammen.

Erstellt: 09.08.2018, 16:24 Uhr

Chefin und Frauenförderin



Simona Scarpaleggia, 58, ist seit 2010 Chefin der neun Schweizer Filialen des schwedischen Möbelhauses Ikea. Davor arbeitete die Italienerin für Ikea Italien. Ihre Karriere hatte sie in der Industrie begonnen, wo sie Verhandlungen mit den Gewerkschaften führte. Sie wuchs in Rom auf und studierte Internationale Beziehungen. Die Managerin engagiert sich für die Gleichberechtigung; 2016/17 leitete sie das Uno-Gremium zur Förderung von Frauen in der Wirtschaft. Scarpaleggia ist verheiratet und Mutter dreier erwachsener Kinder. Sie lebt in Kilchberg ZH.

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