Für Pralinato und Cornets zahlt man dieses Jahr mehr

Ein Preisvergleich zeigt, welche Glaces teurer sind als letzten Sommer. Wie Händler Preisaufschläge um über 20 Prozent erklären.

Den meisten Konsumenten ist gar nicht bewusst: Glaces haben sich merklich verteuert. Foto: Reto Oeschger

Den meisten Konsumenten ist gar nicht bewusst: Glaces haben sich merklich verteuert. Foto: Reto Oeschger

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«Ist Ihnen die Preiserhöhung für Rahmglace-Cornets aufgefallen?», fragt der Journalist mehrere vorbeigehende Kunden in dieser Migros-Filiale. Da die Kühltruhe für Einzelverkauf halb leer ist, gehen die Kunden stracks zum grossen Kühlschrank und reissen Zehnerpackungen auf. Alle Cornet-Packungen der Eigenmarke Fun sind aufgerissen. Ob Vanille, Erdbeer oder Schoggi, bei über 30 Grad Celsius im Schatten sind die Cornets gefragt.

«Nei», «Isch wahr?» oder «Ah, wusste ich nicht», so die Antworten. Keiner hat gemerkt, dass die Migros ihre Cornets um 22 Prozent im Vergleich zum Vorsommer verteuert hat. Sie kosten jetzt 1.95 Franken statt 1.60. Sogar der Filialleiter dieser Berner Migros-Filiale ist überrascht. «35 Rappen mehr? Ja, das ist noch viel», sagte er dieser Zeitung.

Migros ist nicht allein. Bei Denner ist die Markenglace Pralinato von Nestlé um 40 Rappen auf 2.30 Franken teurer geworden. Das Markenprodukt Extrême (auch von Nestlé/Frisco) kostet beim Discounter 20 Rappen mehr als letzten Sommer. Mit 2.80 Franken je Stängel liegt der Preis nur wenig unter dem Kioskpreis von 3.20 Franken, der als obere Limite wahrgenommen wird. Eine darauf angesprochene Denner-Kassiererin zeigt sich erstaunt über die Preiserhöhung. «Sonst sind wir doch immer die Günstigsten», sagt sie und lacht.

Höhere Rohstoffpreise

Die angefragten Detailhändler, Migros, Coop, Denner und die zur Valora-Gruppe gehörenden Kioske bestätigen, dass sich gewisse Glacepreise im Einzelverkauf erhöht haben. Bei der Migros habe sich die Warengruppe Glace, bestehend aus 175 Artikeln, um 1,5 Prozent verteuert gegenüber dem Vorjahr. Denner und Coop wollen diese Zahl nicht herausrücken. Sie sei nicht zu ermitteln, rechtfertigen sie sich. Doch auch Coop hat die Nestlé-Markenprodukte Pralinato und Extrême um 10 respektive 15 Rappen verteuert. Bei den Kiosken betragen die Aufschläge «maximal 10 Rappen». Dies wären je nach Glace 3 bis 4 Prozent mehr als letztes Jahr.

Gesicherte Daten wären bei den Marktforschern der Firma Nielsen zu haben. Ihr Geschäft ist, alle Detailhandelspreise von Nahrungsmitteln nach Kategorien und Anbietern auszuwerten. Doch Nielsen will ihre Zahlen dieser Zeitung nicht offenlegen. Man gebe sie nur zahlenden Kunden.


Video – Die beste Glace Zürichs im Test

Schwarzer Sesam, salziges Caramel, Kiwi: Hasta Ice Cream setzt neben Klassikern auf aussergewöhnliche Aromen. Ob die Glace auch Kenner & Schlemmer überzeugt? (Video: Lea Koch, Sarah Fluck, Anthony Ackermann)


Die Antworten der Detailhändler zeigen, dass sie nicht darauf erpicht sind, in den Medien über Preiserhöhungen zu lesen. Lieber betonen sie, dass ihre Preise für Grosspackungen und die der Eigenmarken nicht aufgeschlagen hätten. Coop wagt das Versprechen, dass man die Glacepreise senken werde, sobald die Rohstoffpreise wieder sinken. Konsumenten glauben solchen Beteuerungen eher nicht. Zu häufig haben sie erlebt, dass einmal getätigte Aufschläge später nicht verschwinden.

Denner sagt, dass die Preiserhöhungen aufgezwungen worden seien.

Auch versuchen die Detailhändler, ihre Preiserhöhungen zu rechtfertigen, wohl wissend, dass sich die Angaben kaum überprüfen lassen. Die Aufschläge seien höheren Rohstoff­preisen von Milch und Vanille geschuldet (Coop und Kioske); die Migros führt zusätzlich höhere Betriebskosten ins Feld. Und Händler wie Denner, die Markenglaces einkaufen, sagen, dass der Hersteller massiv aufgeschlagen habe.

Wahr ist, dass sich Vanille, die vor allem aus Afrika kommt, stark verteuert hat. Doch dies würde nicht erklären, warum Schoggi- oder Erdbeerglaces ebenso stark aufgeschlagen haben. Wahr ist auch, dass Milch und Rahm teurer sind als im letzten Juli, wie der Konsumentenpreisindex des Bundes zeigt. Doch der Aufschlag der letzten zwölf Monate beträgt bloss 1,3 Prozent. Es muss also noch weitere Gründe geben.

«Die Detailhändler ziehen es vor, die Preise in kleinen Schritten zu erhöhen. So sind sie einfacher zu verkraften», sagt der Detailhandelsprofessor Thomas Rudolph von der Universität St. Gallen. Dies sei «eine Frage der Preispsychologie». Auch ­können sich Kunden schwer erinnern. «Während der Preis­aufschlag bei einer Grosspackung einer Mutter mit Kindern eher auffällt, bleiben Preisaufschläge einzelner Glaces eher unentdeckt. Die Leute erinnern sich kaum an Vorjahrespreise, ausser, der Aufschlag ist riesig.»

Denner im Clinch mit Nestlé und Froneri

Die Konsumenten sind also selbst schuld. Doch in einem Punkt werden die Glaceverteuerungen politisch. Denner sagt nämlich, dass die Preiserhöhungen aufgezwungen worden seien. «Einzelne Markenhersteller erhöhten die Preise, was wir wohl oder übel an die Kunden weitergeben mussten», sagt Sprecher Thomas Kaderli. Dabei verweist er konkret auf den Lieferanten Froneri.

Hinter diesem kaum bekannten Namen versteckt sich der hierzulande grösste Glacehersteller mit Sitz in Rorschach SG. Er wurde 2016 als Joint Venture von Nestlé und R & R gegründet und hält einen Marktanteil von 30 Prozent. Nestlé brachte die Marken Frisco, Mövenpick und Häagen-Dazs ein, darunter Pralinato und Extrême-Cornets. Von R & R stammen die Marken Mars, Bounty und Milka. Der Milliardenkonzern, so Denner, habe die Preisaufschläge mit höheren Administrations- und Werbekosten sowie Gründungskosten begründet. Man habe keine andere Wahl gehabt als aufzuschlagen.

Die gestiegenen Rohstoffpreise seien verantwortlich

Ob das stimmt, ist von aussen nicht zu überprüfen. Der Geschäftsführer von Froneri Schweiz, der Finne Jouni Palokangas, weist den Vorwurf zurück. Detailhändler würden ihre Verkaufspreise selbst bestimmen. Froneris Aufschlag gegenüber dem Vorjahr habe rund 2,5 Prozent über das gesamte Sortiment betragen. Auch er fügt entschuldigend an, die gestiegenen Rohstoffpreise seien dafür verantwortlich.

Denner kontert, der Aufschlag seitens des Lieferanten sei für Denner deutlich höher ausgefallen als der durchschnittliche Preisaufschlag, den Froneri angebe. Auch sei die Begründung der Nestlé-Tochter mit den Rohstoffpreisen nicht stichhaltig. «Wir brauchen die gleichen Rohstoffe für unsere eigenen Glaces, dennoch haben unsere Marken nicht aufgeschlagen», sagt Kaderli.

Jedenfalls überrascht, dass der Discounter Denner jetzt Pralinato-Stängel und Extrême-Cornets um 5 bis 10 Rappen teurer verkauft als Coop. Dies habe Denner nicht gefreut, sagt der Firmensprecher. Etwas musste also passiert sein.

Marktmacht der Hersteller und ihre Grenzen

Tatsache ist, dass marktmächtige Hersteller ihre Preise so steuern, dass nicht zu grosse Unterschiede unter den Detailhändlern bestehen. Möglicherweise war Pralinato bei Denner mit 1.90 Franken zu günstig. Vielleicht haben die anderen Händler bei Froneri interveniert. Vielleicht stellte Froneri Lieferengpässe bei Aktionen in Aussicht, sollte Denner nicht zu einem höheren Preis verkaufen. Oder aber Denner merkte schliesslich, dass 1.90 Franken einfach zu billig war, weil sich Kunden Einzelpreise kaum merken.

Experte Rudolph bestätigt, dass Froneri ein potenter Markenhersteller für Speiseeis sei und seine Markenartikel eine starke Ausstrahlung hätten. Das gebe dem Produzenten eine gewisse Verhandlungsmacht. Glaces wie das Pralinato seien für Denner, Coop und die Kioske wichtige Produkte, die im Sortiment nicht fehlen dürften. «Wer sie nicht hat, dem laufen die Kunden davon», sagt Rudolph.

Migros hat Eigenmarkenglaces verteuert

Händler wie Denner seien auf Froneri angewiesen. Jedes Jahr werde über Preise und Mengen verhandelt, aber auch über Aktionen, die Werbung, Kühltruhen und Werbemittel. Was Aktionen betrifft, so haben die Hersteller die Händler tendenziell im Griff, weil grössere Mengen geliefert werden müssen.

Die Marktmacht Froneris hat aber laut Rudolph Grenzen, weil die Eigenmarken der Detailhändler attraktiv seien: «Wird der Preisunterschied zu gross, wechseln die Kunden auf billigere Eigenmarken.» Dies sei der einzige Ausweg für Kunden, die aufs Geld achten würden und trotzdem Glaces kaufen wollten.

Vielleicht erklärt dies auch, warum die Migros ihre Eigenmarkenglaces Fun verteuert hat. Wenn Nestlés Markenglaces teurer werden, kann auch die Migros als Marktleaderin ihre eigenen Produkte verteuern, solange der Preisabstand zu Nestlé-Produkten in etwa gleich bleibt.

Erstellt: 30.07.2018, 06:30 Uhr

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