Vom Bioboom profitieren nur die Grossen

Coop und Migros setzen seit Jahren auf biologische Produkte. Das treibt den Markt rasant an. Das Nachsehen haben jene, die den Trend ausgelöst haben.

Das Bioangebot der Grossverteiler wird immer grösser: Gemüseauslage in einem Supermarkt.  Foto: Martin Rütschi (Agentur)

Das Bioangebot der Grossverteiler wird immer grösser: Gemüseauslage in einem Supermarkt. Foto: Martin Rütschi (Agentur)

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Die Nachfrage nach Bioprodukten steigt rasant an. Allein im letzten Jahr wuchs der Biomarkt um knapp 8 Prozent auf über 2,5 Milliarden Franken. Seit 2011, das zeigen die gestern veröffentlichten Zahlen des Dachverbands Bio Suisse, ist der Umsatz insgesamt um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Am meisten profitieren davon die grossen Detailhändler Migros und Coop. Sie beherrschen gut drei Viertel des Markts. Für sie ist es ein lukratives Geschäft, weshalb Coop und Migros das Feld in den letzten Jahren intensiv beackert haben. Das zahlt sich aus: Coop ist klare Marktführerin, Migros hat letztes Jahr mit einem Wachstum des Bioumsatzes um fast 20 Prozent sehr stark zugelegt.

Opfer des eigenen Erfolgs

Spuren hinterlässt die Offensive der beiden Grossen allerdings beim Biofachhandel. Ironischerweise werden die kleinen Bioläden, die in den 80er-Jahren den Trend ins Rollen gebracht haben, damit zum Opfer ihres Erfolgs. Sie sind zwar immer noch der drittwichtigste Absatzkanal für Bioprodukte, verlieren aber kontinuierlich an Boden. Letztes Jahr hat sich die Lage für die Bioläden noch verschärft. Zwar zeigt die Statistik schon lange, dass die Fachgeschäfte Jahr für Jahr Marktanteile verlieren. Doch 2016 haben sie am insgesamt wachsenden Markt nicht nur Anteile eingebüsst, sondern sogar Umsatz.

Bio als Verkaufsstrategie

«Wir haben etwas andere Zahlen», sagt Pierre Moser, der in Zürich-Altstetten selber einen Bioladen betreibt und gleichzeitig in der Leitung des Detaillistenverbands Veledes sitzt. Laut Moser ist der Umsatz insgesamt weiter am Steigen, auch wenn die Entwicklung von Laden zu Laden sehr unterschiedlich sei.

Gleich klingt es bei der Interessengemeinschaft Berner Bioläden. «Der Tenor ist nicht negativ», sagt deren Koordinator Daniel König, Leiter des Berner Bioquartierladens Lola. Moser stimmt aber Bio Suisse zu, was den Marktanteil der Kleinen betrifft. Dieser sinke laufend.

Für Moser ist klar, warum: «Coop und Migros machen ihr ganzes Marketing nur noch über bio und Nachhaltigkeit. Man könnte meinen, das seien reine Bioläden.» Den Fachgeschäften dagegen fehle das Geld, um zu kommunizieren, was der Unterschied zwischen einem Bio­laden im Quartier und einem Al­natura-Supermarkt der Migros sei. «Wir setzen auf kleine Produzenten, die wir oft selber kennen. Das Alnatura-Sortiment dagegen wird zum grossen Teil bei ausländischen Grossproduzenten eingekauft», sagt Moser. Ihn störe vor allem, dass sich Migros und Coop immer wieder mit Ideen brüsteten, die ursprünglich von Bioläden lanciert wurden. Auch König findet es mühsam, wenn er eine Marke, die er aufgebaut hat, plötzlich im Migros- oder Coop-Regal sieht. Für ihn bedeutet dass dann: Er muss sich wieder eine Nische und einen neuen Lieferanten suchen.

Für Moser und König hat das Vorpreschen von Coop und Migros aber auch gute Seiten. Es habe bio aus der Nische geholt und massentauglich gemacht. Das sei nicht nur negativ. Laut Jürg Schenkel, Marketingchef von Bio Suisse, sind zudem nicht nur Coop und Migros Schuld am Umsatzrückgang bei den Biofachgeschäften. Der Fachhandel habe auch ein strukturelles Problem. So finde derzeit in der Branche ein Generationenwechsel statt, sagt Schenkel. Einen Nachfolger zu finden, ist nicht immer einfach.

Trotz aller Herausforderungen attestiert Schenkel den Bioläden grosses Potenzial. Dieses werde nur noch zu ­wenig ausgeschöpft. «Das Bedürfnis der Kunden nach Nähe und Beratung wächst. Davon kann der Fachhandel profitieren», sagt der Bio-Suisse-Mann.

Alnatura imitiert Bioladen

Interessant wird es sein, welchen Einfluss die neuen Alnatura-Supermärkte der Migros auf den Biomarkt haben. Im Auftritt erinnern sie eher an Bioläden als an Migros-Filialen. Schenkel von Bio Suisse zählt die Alnatura-Supermärkte, von denen es schweizweit acht Stück gibt, denn auch zum Fachhandel. Der Neuling werde am Markt für mehr Dynamik sorgen, sagt der Marketingspezialist und wertet das grundsätzlich positiv. Es sei aber nicht auszuschliessen, dass damit auch bei den Preisen eine neue Dynamik entstehe. König von der IG Berner Bioläden nimmt den Markteintritt von Alnatura gelassen. Gut gemachte Bioecken in den regulären Filialen der Grossverteiler seien die grössere Konkurrenz, findet er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2017, 06:35 Uhr

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