«Print ist derzeit das am meisten unterschätzte Medium»

Medienstudien werfen die Frage auf, ob ausgerechnet die Generation Digital die Zeitungen rettet. Sicher ist: Papier hat Potenzial.

Für sie ist das gedruckte Wort noch immer von Interesse: Digital Native. Foto: Imago

Für sie ist das gedruckte Wort noch immer von Interesse: Digital Native. Foto: Imago

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Millennials, das sind Menschen, die nicht wissen, was eine Telefonzelle ist, die aber, so berichten Statistiker, pro Tag 88 Textnachrichten verschiessen. Millennials, das sind diejenigen jungen Frauen und Männer (geboren zwischen 1985 und 2000), die in einer bereits digitalisierten Welt aufgewachsen sind und pro Kopf 1,25 Selfie-Sticks besitzen. Da die Millennials als Generation der Zukunft gelten, ging man bislang davon aus, dass bald alle Menschen ständig Messages tippen und sich selbst fotografieren. Doch womöglich kommt es anders.

Immer häufiger erreichen uns aus den USA, dem Land der grossen Medientrends, Nachrichten, welche die Generation Digital ziemlich analog aussehen lassen. US-amerikanische Millennials, so haben Wissenschaftler herausgefunden, kaufen wieder öfter Bücher als E-Books; die jährlichen Buchverkaufszahlen steigen zuver­lässig. Oder: Über 30 Prozent der 21- bis 34-jährigen Amerikanerinnen und Amerikaner informieren sich ausschliesslich mithilfe gedruckter Medien über das Geschehen – und 28 Prozent nutzen unverkrampft beides, analoge und digitale Nachrichtenquellen.

Schliesslich meldete bereits 2015 die Journalismusplattform Niemanlab.org, dass die 30- bis 40-jährigen Amerikanerinnen und Amerikaner ihr Geld eher für einen Printtitel ausgeben als für das Abonnement einer Nachrichten-App. Daran hat sich nichts geändert.

Aufmerksame Anzeigenleser

Angesichts dieser Folge von Pro-Print-News wagte diese Woche das amerikanische Marketingportal The Drum mutig zu fragen: «Retten die Jungen die Zeitungen?» Auch wenn sich The Drum nicht zu einer klaren Antwort durchringen konnte, sicher sei: «Print ist derzeit das am meisten unterbewertete Medium.»

Dass insbesondere Marketingmenschen die Trendmeldungen von der Verlagsfront aufmerksam verfolgen, hat seinen guten Grund: Millennials beachten – laut einem Report von Marktforscher Ipso – Werbung in Zeitungen und Magazinen öfter und aufmerksamer als Anzeigen auf dem Laptop oder dem Smartphone.

Die Gründe sind auch für ältere Generationen nachvollziehbar: Digitale Erschöpfung («digital fatigue») ­nannten die Studienteilnehmer etwa. Oder Misstrauen gegenüber Webinfos im Zuge der Fake-News-Debatte. Es sieht so aus, als ob die erste Onlinegeneration überhaupt des Digitalen in manchen Aspekten zusehends überdrüssig wird.

Ist nun eine Konterdisruption der Medienbranche zu erwarten? Angeführt von Millennials, die Bezahl­zeitungen über ihren Köpfen schwingen wie Fahnen? Kaum.

Doch die Ironie der Entwicklung ist: Das Millennialphänomen manifestiert sich zu einem Zeitpunkt, da viele Verlage die Contentplattform Papier als Zukunftsoption aufgegeben haben – unter dem Eindruck der sinkenden Werbeeinnahmen und angesichts der hohen Produktions- und Verteilungskosten.

Umso mehr Aufmerksamkeit verlangt deshalb die junge Liebe der Millennials zu den gedruckten Formaten. Diese Generation wird bald die neue Mittelschicht stellen. Werbung und Medien müssen sie erreichen, auf allen Kanälen. Und augenscheinlich sehen die Millennials in On- und Offlinemedien nicht sich ausschliessende Angebote. Sie verwenden diese vielmehr komplementär. Eigentlich logisch.

Die smarte Zeitung der Zukunft

Nur: Derzeit entwickeln die Medienhäuser rund um den Globus vor allem ihre Mobilkanäle und stecken einen Grossteil der Ressourcen in digitale Technologien, die sich oft gleichen – Algorithmen etwa, die den Leserinnen und Lesern personalisierte Inhaltsempfehlungen anbieten wollen. Die konkreten Lösungen jedoch, das müssen wir Journalisten eingestehen, sind noch selten überzeugend. Und obendrein von den Usern nicht reissend nachgefragt.

Was dann? Die Industrie sollte zumindest einen Teil ihrer Energie dafür verwenden, noch rechtzeitig über die smarte Zeitung der Zukunft nachzudenken, inspiriert und innovativ. Über eine Zeitung beispielsweise, die sich von einer starren Rubrizierung ihrer Inhalte in Ressorts befreit. Die kompakt informiert, aber detailliert analysiert. Die engagiert erklärt. Souveräner unterhält. Oder schlicht wunderschön anzusehen ist.

Was lehren uns die Millennials? Papier hat Potenzial.

Erstellt: 27.06.2019, 23:05 Uhr

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