«Riesige Biervorräte anlegen, das halte ich für übertrieben»

Käse einlagern, Ersatzteile bunkern, sich einbürgern lassen? Vier Unternehmer erzählen, was der Brexit für sie in der Schweiz bedeutet.

«Niemand weiss, was passiert»: Pub-Unternehmer Jon Southworth. Foto: Christian Flierl

«Niemand weiss, was passiert»: Pub-Unternehmer Jon Southworth. Foto: Christian Flierl

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Der Pub-Chef

Jon Southworth lebt seit 24 Jahren in der Schweiz. Er ist Geschäftsleiter der Gastrag AG, der Besitzerin der Mr.-Pickwick- und Oliver-Twist-Pubs unter anderem in Basel, Bern und Zürich.

«Momentan bin ich nicht wirklich nervös. Riesige Biervorräte anlegen, das halte ich für übertrieben. So gross ist die Abhängigkeit unserer sechs Pubs vom Vereinigten Königreich nämlich gar nicht. Gut, wir bieten ausgewählte Esswaren an, Malt Vinegar für Fish and Chips, Colmans-Senf, Walker-Crisps. Beim Bier aber haben wir erstens einen weitsichtigen Lieferanten. Er überlegt sich jetzt, die Bierbestellungen für ­April und Mai schon im März anliefern zu ­lassen, vor dem Stichtag. Zweitens sind die meisten Brauereien heute globale Unternehmen. Boddingtons etwa gehört dem InBev-Konzern. Die haben sich sicher vorbereitet auf den Brexit.

Meine relative Gelassenheit beruht auf der Annahme, dass es einen geordneten Austritt gibt. Ein Crash-Brexit würde sicher Stau und erhebliche Verzögerungen geben in Dover. Vielleicht einen Hopfen-Engpass auf der Insel, der die Brauereien trifft. Aber ich habe keine Ahnung. Das ist ja das Schlimme heute: Niemand weiss, was alles passieren kann. Der Ausblick ändert sich praktisch täglich. Chaos in der Regierung, im Volk. It’s all a mess. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich froh, dass ich nur mit Bier handle und nicht mit Autos. Unsere Lieferanten sagen jedenfalls, dass die Lieferung von Bier sichergestellt sei. Im ­unwahrscheinlichen Fall, dass wir ein bestimmtes Bier wirklich nicht mehr erhalten, nehmen wir ein anderes.»


Der Käseverkäufer

«Selbst die Schweizer verstehen uns nicht»: Käsehändler Michael Jones. Foto: Urs Jaudas

Michael Jones verkauft seit elf Jahren mit seiner Ex-Frau Maya britischen Käse in der Schweiz. Sein British Cheese ­Centre geschäftet online und in der Markthalle des Stadtzürcher Viadukts.

«Ich habe mir lange Sorgen gemacht. Wir importieren jedes Jahr 17 Tonnen Hart- und Weichkäse aus Grossbritannien in die Schweiz – Stilton, Cornish Yarg, Bio-Cheddar. Die Käse kommen per Lastwagen auf Paletten, durch den Tunnel oder per Boot, alle vier oder fünf Wochen erhalten wir eine Lieferung.

Heute bin ich zuversichtlich, dass der Handel normal weitergeht. Ich war an einer Veranstaltung auf der britischen Botschaft, wo uns die Botschafterin versprach, die nötigen Abkommen seien zu 99 Prozent fertig. Das hat mich beruhigt. Unser Lagerhaus steht im Kanton Glarus. Vorräte anlegen ist keine Option, ein Weich- oder Blaukäse muss innert eines Monats verkauft und verzehrt sein.

«Einen Schweizer Pass beantragen? Das wäre wohl noch komplizierter.»Michael Jones
Käsehändler

Persönlich bin ich gegen den Brexit. Die Bevölkerung war ungenügend informiert über die Konsequenzen. Es tut mir leid für die Jungen, die noch nicht wählen durften. Viele der heutigen Brexit-Befürworter werden in zehn Jahren nicht mehr am Leben sein.

Immer wieder kommen Schweizer in den Laden und fragen: Was passiert da mit eurem tollen Land? Selbst die Schweizer, die die EU nicht sehr mögen, verstehen uns nicht! Wir hatten einen guten Deal mit der EU, unser Pfund, unsere Freiheiten. Und nun? Am Schluss wird es gut kommen. Wir rappeln uns wieder auf. Bis dahin bemühe ich mich um den irischen Pass. Mein Grossvater stammte aus Irland. Einen Schweizer Pass beantragen? Das wäre wohl noch komplizierter.»


Der Autohändler

«Pragmatische Lösungen suchen»: Autohändler Walter Frey. Foto: Sophie Stieger (13 Photo)

Walter Frey, Präsident der Emil Frey AG, ist offizieller Importeur für Jaguar und Land Rover sowie Alt-Nationalrat (SVP).

«Letztes Jahr haben wir in der Schweiz etwa 6000 Jaguar und Range Rover verkauft. Also 20 bis 30 britische Autos pro Tag. Da liegt es auf der Hand, dass wir die Situation momentan sehr genau beobachten. Wir haben auch vorgekehrt, zum Beispiel mit leicht erhöhten Vorräten von Automobilen und Ersatzteilen. Das birgt zwar Risiken, denn in unserem Geschäft sind die Margen dünn, aber wir haben uns mit dem Hersteller ausgetauscht, um möglichst stabile Preise zu erzielen. Das Lager gibt uns und unseren Kunden eine gewisse Sicherheit für die Überbrückungszeit.

Offen gesagt wissen wir nicht, worauf wir uns einstellen müssen. Fallen oder steigen die Preise? Werden bald wieder Zölle erhoben? Niemand weiss das. Wir müssen einfach schauen, wie sich die Sache entwickelt, und dann pragmatische Lösungen suchen. Bei ­aller politischen Komplexität geht leicht vergessen, dass der Geschäftserfolg nicht von Brüssel oder London abhängt, sondern vom Kunden. Wenn er zufrieden ist, dann ist es gut. Wir von der Emil Frey AG arbeiten jetzt schon seit 92 Jahren mit den Engländern zusammen. Da hat es immer wieder herausfordernde Situationen gegeben. Zum Beispiel einen Weltkrieg. Und trotzdem ging es immer irgendwie weiter.»


Die Boutiquenbetreiberin

«Das Lager verliert an Wert»: Boutiquenbesitzerin Erika Zelic. Foto: Fabienne Andreoli

Erika Zelic führt in der Zürcher Altstadt die Modeboutique Maud. Sie verkauft Designerstücke aus ihrer britischen Heimat.

«Wahrscheinlich wird das britische Pfund weiter an Wert verlieren. Das ist einerseits gut für uns, da die Kleider und Taschen aus Grossbritannien günstiger werden. Doch zugleich verliert an Wert, was wir an Lager haben. Ich hätte gegen den Brexit gestimmt, wenn ich noch in Grossbritannien leben würde. Meine Schwester ist dort, sie macht sich grosse Sorgen. Ich bin vor 30 Jahren in die Schweiz gekommen, nach meinem Textildesign-Studium. Erst nur für einen Monat, es hatte mich jemand kontaktiert, dem meine Arbeit gefiel. Dann kam ich wieder, verliebte mich und blieb. Unser Geschäft gibt es seit bald 14 Jahren. Wir führen nicht nur britische, sondern generell nordische Mode. Meine liebsten britischen Stücke im Laden sind YMC und die Taschen von Ally Capellino. Klingt italienisch, ist aber englisch.»

Erstellt: 04.02.2019, 06:35 Uhr

Der Bund gibt sich gerüstet

Ob hart oder weich: Der für den 29. März angesetzte EU-Austritt Grossbritanniens soll den Britisch-Schweizerischen Beziehungen nichts anhaben. Für den Fall eines ungeordneten Brexit hat der Bundesrat Vorkehrungen getroffen. Im Dezember verabschiedete er den Text eines Handelsabkommens mit dem Vereinigten Königreich, mit dem «die bestehenden Wirtschafts- und Handelsbeziehungen» auch nach dem EU-Austritt fortgesetzt werden sollen. Das Abkommen ist Teil der Strategie «Mind the Gap» des Bundes, auch die Aufenthalts- und weiteren Rechte britischer und Schweizer Bürger in beiden Staaten sind laut Bundesrat gesichert. Abseits der Kämpfe zwischen London und Brüssel hat Bern offenbar still den Courant normal organisiert.

Aktuell regeln die bilateralen Verträge mit der EU die Beziehungen. 2017 war Grossbritannien der sechstwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Warenexporte (11,4 Mrd. Fr.) und der achtgrösste Herkunftsmarkt für Importe (6,1 Mrd. Fr.). Wichtige Einfuhrgüter aus dem Vereinigten Königreich betreffen die Branchen Chemie und Pharma, zahlreiche Kleinunternehmer importieren weitere Produkte, von der Tweedjacke bis zum Ale. (red)

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