Bund geht gegen Medikamente aus dem Ausland vor

Die meisten grossen Krankenversicherer vergüten im Ausland gekaufte Medikamente. Allerdings verstösst die Praxis gegen das Gesetz. Nun will das Bundesamt für Gesundheit einschreiten.

Im benachbarten Ausland sind Medikamente oft um ein Vielfaches günstiger als in der Schweiz. Foto: Grant Delin (Plainpicture)

Im benachbarten Ausland sind Medikamente oft um ein Vielfaches günstiger als in der Schweiz. Foto: Grant Delin (Plainpicture)

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Ursula Müller* spricht von Abzockerei. Die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leserin ärgert sich über die hohen Medikamentenpreise in der Schweiz. Da sie nicht weit von der deutschen Grenze wohnt, machte Ursula Müller die Probe aufs Exempel. Ihr Arzt hat ihr einen Blutdrucksenker verschrieben, der mittlerweile als Generikum erhältlich ist. In der Schweiz kostet das Produkt namens «Valsartan Sandoz» bei ihrem Arzt 64.95 Franken. Dafür erhält sie 98 Tabletten. Der exakt gleiche Wirkstoff mit identischer Packungsgrösse und Dosierung kostet in Deutschland rund 26 Euro. Ursula Müller zahlt in der Schweiz also mehr als doppelt so viel.

Nun könnte man argumentieren, dass ihr der Preisunterschied egal sein kann, weil ohnehin die Krankenkasse die ­Kosten übernimmt. Im Fall von Ursula Müller ist dies anders, da sie die höchstmögliche Franchise von 2500 Franken gewählt hat. Schöpft sie diese nicht aus, muss sie das Medikament selber bezahlen. Kommt hinzu, dass ihre Kasse im Ausland bezogene Medikamente nicht zurückerstattet.

Damit ist ihre Krankenversicherung aber in der Minderheit. Unter den bedeutendsten Kassen erstattet die grosse Mehrheit im Ausland gekaufte Medikamente zurück, wie eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt. Jedoch müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

Dem Versicherten muss für das Medikament ein Rezept eines in der Schweiz zugelassenen Arztes vorliegen.

Das Präparat ist in der Schweiz kassenpflichtig, sprich es befindet sich auf der sogenannten Spezialitätenliste des Bundesamts für Gesundheit.

Der Preis des Arzneimittels ist im Ausland tiefer als in der Schweiz oder höchstens gleich hoch.

Wäre Ursula Müller etwa bei der CSS, der Groupe Mutuel oder der Helsana versichert, würden ihr diese und andere Kassen das Geld zurückerstatten.

So klar, wie sich die Angelegenheit präsentiert, ist sie nicht. Denn es gibt Kassen, die – wie im Fall von Ursula Müller – keine Medikamente erstatten, die im Ausland gekauft wurden. Unter den grösseren Versicherern gehören die Concordia und die EGK dazu. «Wir dürfen im Ausland bezogene Medikamente nicht vergüten. Dies ist im Krankenversicherungsgesetz wegen des sogenannten Territorialitätsprinzips verboten», sagt Jürg Vontobel, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Concordia. «An sich würden wir das gerne tun, aber uns sind die Hände gebunden.»

Ein Blick in das Gesetz bestätigt den Befund. «Leistungen sind in der Schweiz grundsätzlich nur kassenpflichtig, wenn sie hier erbracht werden», sagt Daniel Dauwalder, Sprecher des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Nur wenn ein Versicherter im Ausland in einen Notfall gerät, kann eine Ausnahme gemacht werden. Dies ist dann der Fall, wenn Versicherte im Ausland eine medizinischen Behandlung benötigen und eine Rückreise in die Schweiz nicht zumutbar ist.

Was ist also mit all jenen Kassen, die im Ausland gekaufte Medikamente auch dann erstatten, wenn kein Notfall vorliegt? Das BAG habe keine Kenntnis von dieser Praxis, sagt Dauwalder. Das Amt werde nun mit den Krankenversicherungen Kontakt aufnehmen und die Sachlage prüfen.

Kassen sind irritiert

Die Kassen reagieren irritiert auf die Ankündigung. «Wir möchten jenen Versicherten entgegenkommen, die im grenznahen Ausland Medikamente kaufen», sagt Yves Seydoux, Sprecher der Group Mutuel. «Wir nutzen den Spielraum des Gesetzes.» Die drei Voraussetzungen würden sicherstellen, dass das Gesetz nicht ausgehebelt werde.

«Bei den Medikamenten haben wir generell wenig Spielraum, um Kosten zu senken», sagt Carole Sunier, Sprecherin der CSS in Luzern. «Nun hätten wir hier eine Möglichkeit, Geld zu sparen. Deshalb ist es nur schwer verständlich, dass wir nun zurückgepfiffen werden sollen.» So würden jene Versicherte noch bestraft, die etwas Gutes tun wollten und Eigenverantwortung zeigten. «Das wäre ein falsches Signal», sagt Sunier. Hat ein Versicherter seine Franchise nämlich ausgeschöpft, hat er persönlich keinen Vorteil von den tieferen Auslandspreisen. Das Gesundheitssystem als Ganzes wird jedoch weniger belastet, wodurch die Prämienbelastung sinkt.

Was dies finanziell ausmacht, ist im Detail nicht bekannt. Die Krankenkasse Swica etwa erhält viele Medikamentenrechnungen aus dem Ausland. «Insbesondere in der Grenzregion ist es fast schon üblich, sich die Medikamente jenseits der Grenze zu besorgen», sagt eine Sprecherin. Anders klingt es bei der CSS und der KPT. Bei Letzterer machen die Medikamentenbezüge im Ausland nur rund 0,5 Promille der Arzneimittelkosten von knapp 220 Millionen Franken aus, also rund 110'000 Franken. Bei der CSS sind es 500'000 Franken.

Keine Priorität hat das Thema beim Krankenkassenverband Santésuisse. «Wir sind nicht dagegen, wenn Ver­sicherte ihre Medikamente im Ausland kaufen», sagt Sprecher Christophe Kaempf. Der Verband will mit anderen Mitteln gegen hohe Medikamentenpreise vorgehen. So will er erreichen, dass die Margen für Ärzte und Apotheker gesenkt werden. Zudem sollen die Preise sämtlicher Arzneimittel jedes Jahr überprüft werden und nicht nur ein Drittel. Allerdings hat der Bundesrat soeben die entsprechende Verordnung überarbeitet und hält daran fest, jeweils nur den Preis eines Drittels aller Präparate zu prüfen.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 15.06.2015, 21:56 Uhr

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