Die besten Arbeitsämter der Schweiz

Eine Liste des Bundes zeigt, wo Arbeitslose die besten Chancen haben.

Wie lange nach der Anmeldung jemand bei RAV bleibt, hängt auch vom Ort ab: Schublade mit RAV-Anmeldeformulare in einem Empfang. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Wie lange nach der Anmeldung jemand bei RAV bleibt, hängt auch vom Ort ab: Schublade mit RAV-Anmeldeformulare in einem Empfang. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Wenn Arbeitslose schlecht behandelt werden, können sie sich in Genf Hilfe holen. Der Selbsthilfeverein der Arbeits­losen (Association de Défense des Chômeurs) gibt juristischen Rat, wenn etwa die Arbeitslosenkasse ungerechtfertigt das Taggeld kürzt. Oder wenn der Berater der Arbeitsvermittlung (RAV) einen Sprachkurs nicht bewilligen will, den der Arbeitslose gerne besucht hätte. Oder umgekehrt, wenn jemand in einen Kurs geschickt wird, den er für nutzlos hält.

Rund 2000 Fälle behandelt die Vereinigung pro Jahr. Ihre wichtigsten Befunde sind: «Exzess in der Sanktionspraxis», «fehlende greifbare Hilfe bei der Stellensuche», «fehlende Vermittlung offener Stellen» und «fehlende Service­bereitschaft». Vor allem die letzten zwei wiegen schwer: «Offenbar hat es der Kanton verpasst, ein Beziehungsnetz zu Arbeitgebern zu knüpfen, die Stellen anbieten», sagt Koordinator Alexandre Baljozovic. Und oft sind RAV-Berater für ihre «Kunden» nicht erreichbar. Wer gestern um halb elf beim RAV anrief, erhielt die Antwort «später anrufen».

Dass Genf Arbeitslose schlecht vermittelt, zeigt auch die frisch publizierte Liste «Wirkungsmessung 2016» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Der «Tages-Anzeiger» hat sie auf Anfrage erhalten. Genf operiert mit dem Indexwert 88 an zweitletzter Stelle. Die dortige RAV-Direktorin, Alexia Daverio Bustinz, sagt, man habe «2015 und 2016 Massnahmen ergriffen». Jetzt müsse man die Resultate abwarten. Was die Klagen betrifft, wehrt sie sich, die Zahl sei «unbedeutend klein». Schlechter schneidet nur Appenzell Innerrhoden ab. Top platziert ist Uri. Zürich gehört zu den besseren, Bern liegt im Mittelfeld.

Sonderfall Appenzell

Das Seco publiziert diese Wirkungsmessung zum zweiten Mal. Der Leiter der Direktion für Arbeit, Boris Zürcher, wurde dafür angefeindet. Das RAV-Ranking ist bei den Kantonen unbeliebt. Sie empfinden es als willkürlich. Der Freiburger Arbeitsamtvorsteher Charles de Reyff beklagte etwa, dass «die Mentalitätsunterschiede zwischen der Deutsch- und der Westschweiz nicht berücksichtigt» worden seien. Das Seco konterte, dass in der Schweiz das Gesetz für alle gelte und die Wirkung staatlicher Leistung mit ein und demselben Massstab zu beurteilen sei.

Der Index wird seit 2015 mit vier Kriterien berechnet: Wie lange sind die Leute arbeitslos? Wie viele sind länger als ein Jahr arbeitslos? Wie viele werden am Ende ausgesteuert? Und wie viele melden sich innert 12 Monaten seit der letzten Arbeitslosigkeit wieder an?

So wirkungsvoll sind die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV)
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Kantone, die zuunterst stehen, erhalten Besuch vom Seco, so auch Appenzell Innerrhoden. Doch dies lässt die Politik kalt. Der dortige Landammann Daniel Fässler, der auch als CVP-Nationalrat in Bern mitredet, sagt, das Inner­rhoder RAV arbeite «sehr gut». Dies zeige die mehrjährig tiefe Arbeitslosigkeit von rund einem Prozent, die dreimal tiefer sei als in der übrigen Schweiz. «Für uns ist in erster Linie die Arbeits­losenquote massgebend, und nicht eine Wirkungsmessung des Bundes», sagt Fässler.

Zudem habe Innerrhoden «schwierige Voraussetzungen zur erfolgreichen Arbeitsvermittlung». Von den 108 Ar­beitslosen sind ein Drittel über 50-Jährige, viel mehr als im Schweizer Schnitt. Der Anteil Stellensuchender mit nur obligatorischer Schulbildung liege überdurchschnittlich hoch bei 41 Prozent (Schweizer Schnitt: 25 Prozent), ebenso wie die Zahl der saisonal Arbeitslosen. Sie «überwintern» in der Arbeitslosenkasse. Was andernorts verboten ist, ist in Appenzell Innerrhoden gängige Praxis, nämlich dass Leute vom Bau und aus dem Service im Winter oder ausserhalb der Saison stempeln gehen und dann später wieder zum gleichen Patron zurückkehren.

Keine Weiterbildungsinstitution

Trotz struktureller Probleme – wenig qualifizierte und ältere Arbeitslose – lehnt Fässler es dennoch ab, das RAV zu einer Weiterbildungsinstitution auszubauen, wie es gewisse Kreise verlangen. «Personen für den Arbeitsmarkt fit zu machen, indem diesen zum Beispiel grundlegende Deutschkenntnisse beigebracht werden, gehört nicht zur Kernaufgabe der Arbeitsvermittlung.»

Was aber machen gute Kantone besser? Uri, mit dem Indexwert 122, wollte sich nicht erklären. Der Kanton Zürich, der mit seinen RAV eine überdurchschnittliche Wirkung erreicht (Indexwert 105), lehnte es ebenfalls ab, im Detail darzulegen, wie man sich den Erfolg erklärt. Die Pressestelle des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit antwortete kryptisch, die Zürcher RAV verfolgten «seit vielen Jahren eine aktive Arbeitgeberstrategie». Die Zürcher RAV würden «Stellen aktiv akquirieren» und bei der Stellenvermittlung «Dienstleistungen wie Vorselektion anbieten». Die guten Arbeitgeberkontakte seien «sicher ein Beitrag zum guten Ergebnis des Kantons Zürich».

Weniger Frust mit Weiterbildung

Bern freut sich, dass man um vier Indexpunkte aufgestiegen ist. «Wir haben vor allem die Beratung verbessert», sagt der Chef Arbeitsvermittlung, Marc Gilgen. Man fördere und fordere mehr. Leute würden tendenziell schneller und gezielter als früher in Kurse geschickt.

Während Zürich eine Weiterbildung Arbeitsloser, die nicht auf der Höhe des Arbeitsmarktes sind, generell ablehnt und mit dem Gesetz argumentiert, denkt der Berner RAV-Chef differenzierter. Die RAV operierten häufig im «gestörten Arbeitsmarkt». Niederschwellige Jobs seien seltener als früher zu finden. Wenig qualifizierten Arbeitslosen fehle es oft an der nötigen Weiterbildung. «Es wäre gut, wenn wir punktuell mehr Spielraum hätten, um solchen Leuten eine Ausbildung zu finanzieren.» Mehr Spielraum in Gesetz und Praxis würde den Frust vieler Arbeitslosen senken, die nicht verstehen, warum das RAV ihnen in der Ausbildung und damit beruflich nicht weiterhilft.

Video – wie ein 50-Jähriger gegen die Arbeitslosigkeit kämpft:

Seit bald zwei Jahren ist Stephan Leuthold auf Arbeitssuche. Er kriegt nur Absagen, obwohl er viel Erfahrung in verschiedenen Berufen mitbringt.

Erstellt: 30.06.2017, 00:09 Uhr

Zuwanderungsinitiative

Eine Busse, die keine ist

Firmen sollen nur jene Arbeitslose zum Jobinterview einladen, die passen. Wer das ist, bestimmen sie selber.

Einer der umstrittenen Aspekte der Masseneinwanderungsinitiative war die Begründungspflicht für Unternehmen: Sollen Firmen erklären müssen, wenn sie einen Kandidaten der Regionalen Ar­beitsvermittlungszentren (RAV) nicht berücksichtigen? Nein, befand das Parlament nach einigem Hin und Her im Dezember 2016. Die Bussenandrohung gegen Arbeitgeber, die keine Arbeitslosen zum Bewerbungsgespräch einladen wollen, wollte das Parlament aber aufrechterhalten. Das führt jetzt zur leicht absurden Situation, dass Unternehmer mit 40 000 Franken gebüsst werden können, wenn sie einen geeigneten RAV-Kandidaten nicht zum Bewerbungsgespräch einladen – wobei die Unternehmer selber bestimmen, wen sie für geeignet halten. Damit es wirklich zu einer Busse kommt, müssten sie also eine Person für passend befinden und dann trotzdem nicht einladen. So steht es zumindest in der Vorlage des Bundesrats.

Im Interesse der Firmen

FDP-Nationalrat Kurt Fluri, einer der federführenden Politiker bei der Umsetzung der Zuwanderungsinitiative, sagt: «Ich bin überzeugt, dass die Arbeitgeber die Dossiers der RAV-Kandidaten sorgfältig prüfen – das ist ja auch in ihrem Interesse.» Und sollte eine Firma systematisch alle arbeitslosen Bewerber für ungeeignet befinden, habe das RAV immer noch die Möglichkeit, zu intervenieren. Eine gesetzliche Grundlage für eine solche Intervention ist in der Vernehmlassungsvorlage allerdings nicht vorgesehen. Eine Regelung dürfte auch deshalb schwierig sein, weil je nach ausgeschriebener Stelle mehrere RAV aus verschiedenen Kantonen Stellensuchende als Kandidaten vorschlagen.
Marc Gilgen ist Leiter des Bereichs Arbeitsvermittlung in der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern. Er ist der Meinung, das Problem, dass die RAV den Firmen völlig ungeeignete Kandidaten anbieten würden, stelle sich ohnehin kaum. «Wir können aufgrund von Gesprächen und unseren Datenbanken relativ gut beurteilen, wer für einen Job infrage kommt.» Was wiederum nicht heisse, dass alle Personen gut vermittelbar seien. «Lückenhafte Lebensläufe kann auch das RAV nicht neu schreiben.» (ala)

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Arbeitslosenkurse der Kantone

Qualität gibt zu denken

Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) rügt Bund und Kantone in der Kontrolle und Vergabe der externen Kurse für Arbeitslose. Die Untersuchung wurde gestern publiziert. Im Amtsdeutsch heissen die Kurse Arbeitsmarktliche Massnahmen (AMM), darunter Sprach-, Bewerbungs-, Computer- oder Strategiekurse und Coachings, und kosten die Arbeitslosenkasse 600 Millionen Franken jährlich. Die EFK rügt die Akteure zum zweiten Mal innert zwei Jahren.

Vereinfacht gesagt, bestehe zu wenig System bei der Ausschreibung und im Einkauf. Viele Kurse würden freihändig vergeben. Der Wettbewerb spiele nicht. Die Qualität der Kurse variiere stark. Und die Kantone hätten keine finanziellen Anreize, zu prüfen, ob die Kurse auch nützten. (val)

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