Chinas Biotech-Firmen greifen an

Noch dieses Jahr dürften die ersten chinesischen Hersteller Zulassungen für Medikamente in den USA beantragen.

Das chinesische Biotech-Unternehmen BeiGene entwickelt neue Medikamente gegen Krebs. Foto: Gilles Sabrie (Bloomberg, Getty)

Das chinesische Biotech-Unternehmen BeiGene entwickelt neue Medikamente gegen Krebs. Foto: Gilles Sabrie (Bloomberg, Getty)

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Pharmariesen wie Roche, Novartis oder Pfizer kennen in der Schweiz die meisten. Aber wie sieht es mit BeiGene, Junshi Bioscience oder Nanjing Legend Biotechnology aus?

Die Herausforderer aus China sind hierzulande noch weitgehend unbekannt. Das könnte sich ändern. Denn Chinas Pharmaindustrie produziert längst nicht mehr nur Nachahmermittel. Sie schickt sich an, die Branchengrössen mit innovativen Medikamenten herauszufordern, vor allem in dem Behandlungsbereich, der das stärkste Umsatzwachstum verspricht – Krebs. Interessant für Patienten: Chinas neue Player könnten Druck auf die Preise ausüben.

Im Heimatmarkt haben chinesische Anbieter bereits die ­Zulassung für eigene Immunonkologie-Produkte bekommen. Bei diesem neuartigen Ansatz wird das Immunsystem quasi um­programmiert, sodass es Krebszellen angreift. Die sogenannten PD-1-Inhibitoren schalten dabei die Bremsen des Immunsystems aus.

Zwei Drittel günstiger

Junshi Biosciences zum Beispiel verkauft seit Dezember sein Immunonkologie-Präparat Tuoyi in China, wo es für Hautkrebs zugelassen wurde. Für die häufigen Krebsarten wie Nicht-Kleinzelliger Lungenkrebs oder Brustkrebs läuft die letzte Stufe der klinischen Tests.

In China kostet eine Jahresbehandlung mit Junshis Krebsmittel laut «Bloomberg» umgerechnet 27'000 Dollar. Das ist ein Drittel dessen, was der US-Konzern Merck für seinen Bestseller Keytruda in China verlangt.

Das Biotech-Unternehmen BeiGene hat bereits drei Medi­kamente, die in den USA in der letzten klinischen Prüfphase ­stecken, darunter auch ein Immunonkologie-Mittel namens Tislelizumab gegen Lymph­drüsenkrebs. Das Mittel Zanubrutinib gegen eine besondere Form von Lymphdrüsenkrebs hat von der US-Zulassungsbehörde den Status «Therapiedurchbruch» zugesprochen bekommen. Ende diesen Jahres oder Anfang nächsten Jahres will BeiGene nach eigenen Angaben die Zulassungsanträge einreichen. Es wären die ersten innovativen Medikamente aus China, die in den USA verkauft würden.

Auch der Absatzmarkt wächst

Um die Entwicklung zu beschleunigen, werben chinesische Pharmafirmen verstärkt Top­talente der westlichen Konkurrenten ab. Prominentestes Beispiel ist Eric Hedrick. Er war Medizinischer Direktor bei der Roche-Tochter Genentech und gilt als einer der Väter von Roches Krebsbestseller Avastin. Hedrick startete 2015 in der US-Niederlassung von BeiGene. Dort ist der 54-Jährige oberster Berater. «BeiGene will bei der Medikamentenentwicklung China als Forschungs- und Entwicklungsstandort integrieren. An diesem Potenzial wollte ich teilnehmen», sagte Hedrick dieser Zeitung.

Seit kurzem können klinische Studien zur Erprobung neuer Wirkstoffe auch in China nach internationalen Standards durchgeführt werden. Angesichts der gigantischen Patientenpopulation sei das Potenzial hier enorm. «Solange die Testdaten nach internationalen Standards durchgeführt werden, ist es den Regulierern egal, woher die Daten kommen», erklärt der BeiGene-Manager.

Gleichzeitig wächst die Bedeutung von China als Absatzmarkt. Das könnte positive Folgen für Patienten haben, glaubt er. «Wenn man die Patientenzahl verdoppeln kann, so hat das Effekte auf die Preisgestaltung», erklärt Hedrick.

Konkurrenz entspannt

Die Schweizer Pharmariesen zeigen sich bisher nicht besorgt. Roche teilte mit, dass es bisher noch keine patentgeschützten Medikamente aus China gebe, die im direkten Wettbewerb mit Roches Mitteln stünden. «Angesichts der Entwicklung in Forschung und Entwicklung in China gehen wir davon aus, dass eines Tages innovative, patentgeschützte Arzneimittel, die in China entwickelt wurden, in den westlichen Märkten eingeführt werden», erklärte ein Sprecher.

Ähnlich äussert sich Novartis und ergänzt: «Jeder Arzneimittelhersteller, der in die USA eintritt, müsste strenge Sicherheits-, Wirksamkeits- und Qualitätsschwellen erfüllen, und wir erwarten, dass für in China hergestellte Arzneimittel die gleichen Standards gelten.» Der US-Riese Merck zweifelt gar daran, «wie gut sich Patienten in entwickelten Ländern» mit Krebsmitteln aus China fühlen würden, die «nicht dieselbe Qualität, Konsistenz und Breite bei den Behandlungsdaten wie Keytruda» aufweisen können.

Verstellter Blick

«Bei den grossen, westlichen Pharmakonzernen herrscht noch eine gewisse Überheblichkeit mit Blick auf China», sagt hingegen Michael Nawrath, Pharmaanalyst bei der Zürcher Kantonalbank. «Die meisten sehen das Land nur als Markt und die chinesischen Anbieter nicht als Wettbewerber. Doch das Blatt wendet sich.»

So droht Novartis Konkurrenz aus China bei der neuen Gentherapie Kymriah. Hierbei werden dem Patienten T-Zellen entnommen und im Labor umprogrammiert. Dann werden sie dem Patienten re-injiziert und greifen den Krebs an. Kymriah ist bisher zur Behandlung von Blutkrebs zugelassen.

Diesen Ansatz verfolgt auch Nanjing Legend Biotechnology. Der US-Konzern Johnson & Johnson sicherte sich für 350 Millionen Dollar die weltweiten Rechte an der Gentherapie der Chinesen. «Chinesische Anbieter werden wie schon zuvor im Autobau oder bei Digitaldienstleistungen zu einem echten Wettbewerber für europäische und amerikanische Pharmakonzerne», sagt Branchenexperte Nawrath.

Erstellt: 01.07.2019, 21:56 Uhr

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