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CS-Boni-Pläne stammten vom US-Berater ISS

Der US-Stimmrechtsberater für Pensionskassen ISS lehnt die CS-Managerlöhne als zu hoch ab. Dabei gehen die Vergütungspläne auf die Beratung derselben Firma zurück.

Konzernchef Tidjane Thiam und Präsident Urs Rohner an der CS-GV 2016. Foto: Keystone
Konzernchef Tidjane Thiam und Präsident Urs Rohner an der CS-GV 2016. Foto: Keystone

Der einflussreiche US-Stimmrechtsberater ISS, der die Vergütungspläne der Credit Suisse zur Ablehnung empfohlen hat, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Sie betreffen ebendiese CS-­Vergütungspläne, die in den letzten ­Wochen heftig kritisiert wurden und über welche die Aktionäre heute an der Generalversammlung abstimmen. Gemäss drei übereinstimmenden, unabhängigen Quellen hat der Beratungs­bereich von ISS bei der Erarbeitung der CS-Vergütungspläne mitgeholfen.

ISS bestätigt, dass man Unternehmen gegen Honorar berate. Die US-Firma akzeptiert also Geld von beiden Seiten, von Investoren wie von überwachten Unternehmen. Sie will das CS-Mandat aber nicht bestätigen. «Wir legen unsere Kunden nicht offen, um unsere Stimmrechtsberatung nicht zu beeinflussen.» Zwischen den Abteilungen bestehe eine «Brandmauer».

Die Fakten zum ISS-Beratungsmandat der CS sind auf einer für ISS-Kunden zugänglichen Plattform zu finden. Dort steht, die CS habe ISS zuletzt pro Jahr 62 500 US-Dollar Honorar bezahlt. Es betraf drei Module: die Vergütungsberatung, die Analyse der Vergütungen der Geschäftsleitungsmitglieder und eine laufende Trendanalyse zur guten Unternehmensführung. «Das Beratungsmandat besteht seit mehreren Jahren», sagt eine verlässliche Quelle.

Bilder: CS mit verlustreichem Jahr 2016

11,9 Millionen Franken Lohn für 2016: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse Group, spricht an der Universität Lausanne. (19. Mai 2016)
11,9 Millionen Franken Lohn für 2016: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse Group, spricht an der Universität Lausanne. (19. Mai 2016)
Jean-Christophe Bott, Keystone
Musste bereits letztes Jahr einen Verlust ankündigen: Credit Suisse-CEO Tidjane Thiam an einer Pressekonferenz am 10. Mai 2016.
Musste bereits letztes Jahr einen Verlust ankündigen: Credit Suisse-CEO Tidjane Thiam an einer Pressekonferenz am 10. Mai 2016.
Ennio Leanza, Keystone
Setzt das Sparprogramm fort, 2017 will er 5500 Stellen abbauen: CS-CEO Tidjane Thiam an einer Panel-Diskussion am WEF in Davos. (Archiv)
Setzt das Sparprogramm fort, 2017 will er 5500 Stellen abbauen: CS-CEO Tidjane Thiam an einer Panel-Diskussion am WEF in Davos. (Archiv)
Gian Ehrenzeller, Keystone
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Die Grossbank nahm keine Stellung, aber CS-Manager lassen durchblicken, man sei von ISS enttäuscht. «Ein typischer Fall von geschäftstüchtiger US-Doppelmoral», kommentierte ein hochrangiger CS-Mann gegenüber Politikern.

«Immenser Interessenkonflikt»

Der einzige Vorbehalt, den die TA-Quellen machen, ist, dass ISS «wahrscheinlich nur die Struktur der Vergütungs- und Bonuspläne erarbeitet, nicht aber die Höhe der Kennzahlen festgelegt hat, die eine Vergütung auslösen». Solche Kennzahlen sind beispielsweise die Aktienrendite, das Kostenziel oder die Verschuldungsquote. Bei Erreichen gewisser Schwellenwerte wird der Managerbonus aktiviert. «Diese Schwellenwerte hat wahrscheinlich der Verwaltungsrat intern oder mit anderen Beratern erarbeiten lassen.» Dennoch erhoffte sich die CS von ISS Zustimmung.

ISS wurde für sein Vorgehen in der Vergangenheit schon viel gescholten, auch in den USA. In der Schweiz ist der CS-Vergütungsbericht der erste prominente Fall, der den Interessenkonflikt belegt. Schweizer Stimmrechtsberater kritisieren ISS. «Wir finden es nicht akzeptabel, dass Stimmrechtsberater Gelder von beiden Seiten entgegennehmen», sagt Dominique Biedermann, Verwaltungsratspräsident von Ethos. Er fordert ISS auf, seine Mandate transparent zu machen: «Berater, die einen Interessenkonflikt haben, müssen es unbedingt öffentlich darstellen.» Ethos ist wie ISS ebenfalls als Stimmrechtsberater tätig, untersagt sich aber finanzielle Interessenkonflikte. «Ethos erhält Mandategelder immer nur von der Seite der beratenen Investoren. Wir nehmen kein Geld von den überwachten Firmen.»

Ähnlich äussert sich der Zuger Stimmrechtsberater zRating. «Aufgrund des immensen Interessenkonflikts von ISS würde es die Transparenz immerhin erlauben, gewisse Stimmentscheide seitens ISS besser zu verstehen.» Brandmauern zwischen dem Beratungs- und dem Stimmrechtsteil allein «helfen wohl nicht», sagt zRating-Leiter Christophe Volonté.

Das Vorgehen der ISS ist «eine unglaubliche Praxis, die nicht korrekt ist.»

Fachmann für gute Unternehmungsführung

Die ISS-Praxis irritiert auch weitere Schweizer Firmen. Ein Experte für gute Unternehmensführung sagt: «ISS hat letztes und dieses Jahr auf mehrere börsenkotierte Schweizer Unternehmen Druck ausgeübt, einen Beratervertrag abzuschliessen.» Ein Beispiel: Die ISS-Analytiker gewähren nicht zahlenden Verwaltungsräten ein Gespräch von 10 Minuten pro Generalversammlung. «Aber wenn das Unternehmen einen Beratervertrag mit ISS abschliesst, verlängert sich dieses Gespräch.» Das sei «eine unglaubliche Praxis, die nicht korrekt ist», ärgert sich der Fachmann. Zum Vergleich: Die Analytiker von Ethos und ­zRating hören die betroffenen Verwaltungsräte, je nach Grösse und Bedeutung, ein bis zwei Stunden je Analyse an. Ein zweites Beispiel. Dem TA liegt eine unlängst verschickte Mail vor, die ein ISS-Berater dem Verwaltungsrat eines kotierten Schweizer Unternehmens verschickt hat. Darin heisst es: «Erneut ist Eure Firma mit einer negativen ISS-Stimmrechtsempfehlung konfrontiert. Viel Glück an der GV. Und lassen Sie mich wissen, wann Sie bereit sind, mit uns zu kooperieren, damit sie auf die andere Seite kommen.» Dahinter steht ein Smiley. Der Sprecher des Unternehmens sagt: «Das grenzt an Nötigung.»

Ethos und zRating haben von solchen ISS-Praktiken der Druckausübung gehört. «Namen werde ich keine nennen», sagt zRating-Chef Volonté. Sie betreffe vornehmlich grössere Unternehmen. ISS weist den Vorwurf zurück und verweist auf publizierte Geschäftsregeln.

Laut einem Bericht der «SonntagsZeitung» hat ISS mit Beratungsaufträgen zuletzt 15 Prozent des Umsatzes erzielt und Dutzende Millionen verdient. Die 900 Mitarbeiter in 17 Büros analysieren jährlich 39 000 Generalversammlungen in 115 Ländern. Ihre Optik sei angelsächsisch geprägt, für lokale Eigenheiten fehle das Gespür, sagten Firmen. Laut «Finanz & Wirtschaft» sind für die Schweiz zwei Analysten beschäftigt. Beaufsichtigt wird ISS nur in den USA. Wie viele Stimmen der Anbieter hierzulande vertritt, ist nicht bekannt. In der Schweiz könne er «bis zu 20 Prozent der Stimmen bewegen», was viel ist.

Eine Studie der US-Universität Stanford stellte fest, dass ISS Vergütungen nach komplexen Regeln beurteile, aber die genaue Obergrenze und die Berechnungen nicht offenlege. Dies mache seine Beratung interessant. Oder, sie wird, wie im CS-Fall, zum Rohrkrepierer.

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