Banken forcieren umstrittene Finanzanlagen

Seit der Finanzkrise gelten strukturierte Produkte als verpönt. Die Branche hofft auf einen neuen Boom.

Der Verband für Strukturierte Produkte rät: «Nur in Produkte investieren, die man versteht.» Eine Frau studiert an der Bahnhofstrasse in Zürich die Aktienkurse.

Der Verband für Strukturierte Produkte rät: «Nur in Produkte investieren, die man versteht.» Eine Frau studiert an der Bahnhofstrasse in Zürich die Aktienkurse. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Bankbranche arbeitet daran, den strukturierten Produkten wieder zu einem besseren Ruf zu verhelfen. Seit der Finanzkrise ist der Markt für diese komplexen Finanzinstrumente nur noch ein Schatten seiner selbst. Das jüngste Beispiel für das Vorpreschen der Anbietern von «Strukis» (wie die Produkte verkürzt meist genannt werden) ist die Bank Vontobel.

Gestern hat sie die iPhone-App «Vontobel Investment Scout» präsentiert, mit der potenzielle Investoren Strukis nach eigenem Bedarf nicht nur suchen, sondern auch selbst kreieren können. Vontobel ist in der Schweiz schon jetzt der führende Anbieter im Struki-Bereich. Erst am Mittwoch konnte Vontobel zudem einen bedeutenden Personalzugewinn vermelden. Stefan Armbruster, der für die Deutsche Bank in den letzten 13 Jahren den deutschen Markt in diesem Bereich aufgemischt hat, wechselt ab dem 1. Juli zur Schweizer Bank.

Finanzielle Wunderprodukte

Auf den ersten Blick scheinen strukturierte Produkte finanzielle Wunder zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte «Barrier Reverse Conver­tibles», die von Anlegern am meisten nachgefragt werden. Mit ihnen lässt sich eine Investition tätigen, die einen höheren Zins (man spricht von Coupon) ermöglicht, als er sonst auf den Kapitalmärkten erzielbar wäre. Das ist besonders in der aktuellen Tiefzinsphase attraktiv. Doch wie bei allen Finanzprodukten erkaufen sich die Investoren eine höhere Rendite durch das Eingehen eines grösseren Risikos. Bei den Barrier Reverse Convertibles zum Beispiel verliert ein Kunde einen Teil seiner Investitionssumme, wenn eine Aktie, auf die sich das Struki bezieht, einen voraus festgelegten Kurswert (die Barriere) unterschreitet.

Bewegung im Struki-Bereich zeigt sich nicht nur bei der Bank Vontobel. Anfang März gab die Luzerner Kantonalbank überraschend den Einstieg in dieses Geschäft bekannt. Man sehe in diesem Markt Chancen, um sich neben dem klassischen Zins- und dem Anlagegeschäft breiter aufzustellen. Um rasch auf Touren zu kommen, verpflichteten die Innerschweizer ein siebenköpfiges Team der Raiffeisen. Dieses hatte sich bei der Genossenschaftsbank um den Verkauf von Produkten gekümmert, welche aus der Küche der Zürcher Finanzfirma Leonteq stammen.

Infografik: Umsatz der strukturierten Produkte in der Schweiz Grafik vergrössern

Dass bei den Strukis Goldgräberstimmung herrscht, hängt mit der aktuellen Situation an den Börsen zusammen. Die Indizes bewegen sich auf Höchstständen. Getrieben worden sind sie bisher aber von wenigen Profi-Anlegern. Nun soll die breite Masse einsteigen. Und da wittern die Banken das grosse Geschäft. Sie warnen ihre kleinen und mittelgrossen Anleger vor dem Risiko von Einzelaktien. Viel besser sei es zu diversifizieren. Speziell strukturierte Produkte würden dabei helfen, so ihr Verkaufsargument.

Die Hypothekarbank Lenzburg hat zu diesem Zweck ein sogenanntes Trackerprodukt entwickelt. Seit Ende letzten Jahres bietet sie ihren Kunden ein Investment in kleine und mittelgrosse Schweizer Aktien an. «Gerade für Kunden mit kleinerem Budget sind unsere Trackerzertifikate eine gute Lösung, da sie Anlagen in einen breit diversifizierten Aktienkorb ermöglichen», sagt Reto Huenerwadel von der Regionalbank mit Sitz im aargauischen Lenzburg. Der Erfolg lasse sich sehen. «Eine gute zweistellige Millionensumme wurde schon in unser erstes Produkt mit Schweizer Aktien investiert.»

Trotz der Offensive verschiedener Banken zeigt die Nachfrage nach solchen Investment-Lösungen bisher allerdings kaum Wachstum. Gemäss dem Verband für Strukturierte Produkte (SVPS), bei dem alle grossen Anbieter wie UBS, CS, Vontobel, ZKB, Leonteq, Raiffeisen und weitere mitmachen, sank der Umsatz aller Strukis im Jahr 2016 um 2 Prozent. Gleichzeitig nahm laut der Schweizerischen Nationalbank das Wertvolumen der Strukis in den Kundendepots der Banken von 160 auf knapp 186 Milliarden zu.

Der Lehman-Schock

Noch vor der Finanzkrise im Jahr 2008 erfreuten sich Strukis ausserordentlich grosser Nachfrage. So füllten sie auch den Banken und Finanzpublikationen die Kassen. Ab 2008 brach der Markt zusammen. Der Einsturz an den Aktien- und Kapitalmärkten hämmerte den Anlegern brutal die Risiken dieser Produkte ins Bewusstsein. Noch bedeutsamer war der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Denn damit geschah etwas, mit dem bis dahin kaum jemand gerechnet hatte: dass Strukis wertlos werden könnten, weil die Bank hinter ihnen den Verpflichtungen daraus nicht mehr nachkommen kann. Lehman Brothers hatte weltweit unter den Struki-Anbietern eine besonders starke Stellung. Ihre Produkte wurden auch von Schweizer Banken vertrieben. Entsprechend gross war der Schock bei den Investoren.

Darauf habe man reagiert, heisst es beim SVPS: «Oberstes Ziel der Branche ist, dass die Produkte verstanden werden und die Transparenz weiter verbessert wird», sagt Geschäftsleiter Jürg Stähelin. Seit 2015 würden etwa auch die Vertriebsgebühren ausgewiesen. «Un­sere Empfehlung lautet: nur in Produkte investieren, die man versteht. So muss der Anleger insbesondere die Funktionsweise des Produkts kennen, jedoch nicht alle technischen Details.»

Erstellt: 31.03.2017, 06:38 Uhr

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