Das «Fort Knox» der Schweiz steht in Olten

Die Börsenbetreiberin SIX unterhält einen riesigen Tresor, in dem Banken ihre Wertpapiere und Edelmetalle lagern. Die Digitalisierung setzt dem Geschäft jedoch zu.

Anzeigetafel am neuen Gebäude von SIX Financial Information an der Pfingstweidstrasse in Zürich. Foto: Samuel Schalch

Anzeigetafel am neuen Gebäude von SIX Financial Information an der Pfingstweidstrasse in Zürich. Foto: Samuel Schalch

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Stolz sprechen die Verantwortlichen vom «Fort Knox der Schweiz». Mit einer militärisch gesicherten Anlage, wie es beim «Vorbild» im US-Bundesstaat Kentucky der Fall ist, hat der Bau an der Baslerstrasse 100 in Olten aber nichts zu tun. Über dem Tresor steht nämlich ein reiner Bürokomplex der SIX-Gruppe. Das Unternehmen, das den Schweizer Banken gehört und die Schweizer Börse betreibt, ist primär ein Informatik-Dienstleister. Im Oltner Untergrund dominiert aber die physische Welt.

In 30 000 Kunststoffboxen lagern bei 18 Grad und konstanter Luftfeuchtigkeit Dokumente, die unter keinen Umständen verloren gehen dürfen: Schuldbriefe, Obligationen und Zehntausende Aktien. Die SIX schätzt den Wert aller Papiere auf 2 Billionen Franken.

Auch wenn vor dem Gebäude keine Wachleute stehen: So einfach gelangt man nicht in den Wertschriftentresor der SIX. Eigentlich gelangt gar niemand hinein, denn in der unterirdischen Halle wird alles durch Computer und Roboter erledigt. Über dem unterirdischen Teil treffen die versiegelten Kisten der Kunden ein. Der Inhalt wird nach dem Vieraugenprinzip kontrolliert und eingescannt, sodass ein digitales Doppel besteht. Danach wird die Plastikbox durch einen Roboter im unterirdischen Hochregallager platziert.

Nur der Computer weiss, wo

Die chaotisch anmutende Lagerhaltung macht den Bunker noch sicherer. Denn selbst wenn sich jemand Zugang zum Tresor verschaffen würde: Er müsste den Computer dazu bringen, ihm die gewünschte Kiste zu suchen – oder jede einzelne Kiste selbst öffnen, bis das gesuchte Wertpapier gefunden ist.

Oltner Untergrund: Im unterirdischen Hochregallager warten Dokumente in 30'000 Kisten aufs Tageslicht. Bild: zvg

Für Kriminelle wäre deshalb das ebenfalls im Raum untergebrachte Edelmetalllager interessanter: Fast 800 Tonnen Gold und andere Metalle finden hier Platz. Vor fünf Jahren waren 80 Prozent der Plätze belegt. Wie es heute aussieht, will die SIX «aus Sicherheitsgründen» nicht sagen. So oder so dürfte es für ungebetene Besucher äusserst schwierig sein, in den 20 auf 48 Meter grossen und 14 Meter hohen Tresor zu gelangen. Die Tresordecke und die Wände bestehen aus einem Meter dicken Stahlbeton. Dazu kommt, dass sich die untersten 8 Meter des Raums bereits unter dem Grundwasserspiegel der nahen Aare befinden, was Tunnelbau-Pläne von Einbrechern erschwert.

Zu grosszügig gebaut

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen: Der Tresor ist nicht so beliebt, wie sich das die SIX einmal erhofft hatte. Ein Drittel des Lagerplatzes ist leer – und das ist bereits seit Jahren so. Denn der Tresor wurde 1993 fertiggestellt, zu einer Zeit, als noch alles auf Papier gedruckt wurde. Das hat sich geändert: Aktien börsengehandelter Unternehmen existieren heute in der Regel nicht mehr physisch, sondern nur noch elektronisch. Von den 20 Konzernen im Swiss-Market-Index (SMI) sind noch gerade von zwei Firmen Papieraktien in Olten eingelagert. Wer heute bei seiner Bank Aktien «im Depot» hat, tut dies meist digital. Ein Recht auf physische Auslieferung der Titel gibt es bei den meisten kotierten Unternehmen nicht mehr.

Häufiger sind im Tresor noch Aktien nicht kotierter Firmen und Globalurkunden zu finden. In Globalurkunden werden die Besitzverhältnisse von Unternehmen geregelt, ohne dass einzelne Aktien herausgegeben werden müssen. Dies ist natürlich nur bei Unternehmen mit wenigen und langfristigen Aktionären praktikabel.

Der Rückgang der Papieraktien macht das Leben für die Banken einfacher, aber entsprechend sinkt die Auslastung des Wertschriftentresors. Um Gegensteuer zu geben, wirbt die SIX bei den Banken dafür, dass sie auch Dokumente wie Versicherungspolicen und andere Verträge sowie Datenträger dem Tresor anvertrauen.

Könnte man auch Server mit sensiblen Daten in den Bunker stellen? Die Nutzung des Tresors werde «laufend überprüft», antwortet SIX-Sprecher Jürg Schneider lediglich. Privatpersonen und Unternehmen, die ihre Habseligkeiten in Olten einlagern möchten, werden von der SIX aber einen Korb bekommen: Kunden des Wertschriftentresors dürfen ausschliesslich Banken und Hypothekenverwalter sein. Die SIX begründet dies mit den strengen Geldwäschereivorschriften.

Erstellt: 05.01.2018, 22:05 Uhr

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