Das grosse Spiel

Die führenden Köpfe im Silicon Valley beschäftigen sich nun seriös mit der Frage: Was, wenn wir in einem Computerspiel leben?

Realität oder Videospiel? Es gibt nur die Chance von eins zu einer Milliarde, dass wir in der ursprünglichen Realität leben.

Realität oder Videospiel? Es gibt nur die Chance von eins zu einer Milliarde, dass wir in der ursprünglichen Realität leben. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist das heisseste Thema im Silicon Valley. So heiss, dass sich der Tech-Milliardär Elon Musk schwor, es nie im Entspannungsbad zu debattieren, weil es «die Magie killt». Und zwar die Frage: Leben wir in einer Computersimulation?

Musks Antwort darauf: Es gibt nur die Chance von eins zu einer Milliarde, dass wir in der ursprünglichen Realität leben.

Sein Argument ist die rasche Evolution der Computerspiele: «Vor 40 Jahren hatten wir ‹Pong› – zwei Rechtecke und ein Pixel. Heute haben wir fotorealistische 3-D-Simulationen mit Millionen Mitspielern. Wenn wir das hochrechnen, werden Spiele ununterscheidbar von der Realität.»

Das Weltall gleicht verdächtig einem Videogame.

Musk geht von drei Szenarien für in 10'000 Jahren aus: 1. Die Menschheit wurde ausgelöscht (etwa durch den Klimawandel oder durch sich selbst programmierende Roboter, die bösartig werden). 2. Die Menschheit kann auf Supercomputern Simulationen ihrer Vergangenheit fahren, unterlässt es aber aus ethischen Gründen, weil die simulierten Menschen leiden wie die echten. 3. Sie fährt Simulationen – und zwar Millionen Mal. In diesem Fall stünden die Chancen, dass wir tatsächlich in der echten Vergangenheit lebten, statistisch bei etwa 1:1'000'000'000.

Musk ist Realist und Visionär – was mehr, ist schwer zu sagen. Der Milliardär hat eine ganze Batterie von Konzernen aus dem Boden gestampft: die Tesla-Autos, eine Kette von Solar- und Superbatteriefabriken und das Raketenunternehmen SpaceX. Dort stellte er kürzlich seinen Plan vor, binnen 40 bis 100 Jahren mit «verflucht grossen Raumschiffen» den Mars zu besiedeln: zu Flugkosten von 200'000 Dollar pro Person.

Musks Simulationstheorie beruht auf zwei nicht unplausiblen Annahmen: 1. Das Bewusstsein lässt sich computerisieren, wenn man das Hirn mit allen Synapsen nachbaut. 2. Schnelligkeit und Speicher der Computer steigen weiter.

Musk selbst erklärte seine These für optimistisch: Wüssten wir, dass wir in einer Simulation lebten, beweist das, dass die Menschheit die nächsten Jahrtausende überlebt hat.

Lohnt es sich zu denken?

Die meisten Physiker erklärten Musks These zwar für Unfug. Erstens habe sich bisher «kein Beweis» dafür gefunden, zweitens hätten nicht einmal die Philosophen bisher sagen können, was Bewusstsein eigentlich sei.

Andere, etwa der Nasa-Ingenieur Rich Terrile, sehen Musks Idee wesentlich realistischer: Mit Ausnahme seiner Komplexität gebe es keinen Grund, warum man ein Hirn nicht nachbauen könne. Und was das Universum angehe, sei dieses verdächtig ähnlich wie ein Videogame aufgebaut: aus winzigen subatomaren Pixeln. Und diese fänden sich – in Zeit, Raum, Volumen, Energie – in endlicher Anzahl. Kurz, das Weltall sei, so Terrile, «durchaus programmierbar».

«Sie haben gar nicht genug Informationen, dass es sich für Sie lohnt zu denken!»

Musks Videogame-Idee ist somit die neueste Antwort auf die uralte Frage, was wir von der Wirklichkeit erkennen können. Plato erklärte, dass Höhlenbewohner, die nur den Schatten von Dingen im Eingang sehen könnten, den Schatten für real hielten. Die Buddhisten fragten, ob Buddha, der träume, ein Schmetterling zu sein, nicht ein Schmetterling sei, der träume, Buddha zu sein. Und Kant schrieb, dass wenn alle Menschen von Geburt an grüne Brillen trügen, sie die Welt für grün halten würden. Und kam zum Schluss: Das Ding an sich bleibt unerkennbar.

Kurz: Das Fazit von 3000 Jahren Nachdenken also ist die Antwort, die auch Arnold Schwarzenegger im Science-Fiction-Film «Total Recall» erhält. Schwarzenegger sagt: «Ich denke ...» Worauf ihm der Mars-Präsident über den Mund fährt: «Sie haben gar nicht genug Informationen, dass es sich für Sie lohnt zu denken!»

Das kann sich nun ändern. Und zwar dadurch, dass man die Abkürzungen sucht: Wirklichkeit, die aus Kostengründen nicht komplett durchprogrammiert wurde. Der «New Yorker» meldete Anfang Oktober, dass zwei Tech-Milliardäre ein Team von Wissenschaftlern angeheuert haben, das nach Möglichkeiten sucht, wie die Menschheit aus ihrem Computergame ausbrechen kann.

Erstellt: 12.10.2016, 21:03 Uhr

Artikel zum Thema

Seine Rache war vernichtend

Porträt Superinvestor Peter Thiel wurde 2007 von einem Klatschmagazin angegangen. Jetzt schlug er – auf Umwegen – grausam zurück. Wer ist diese Silicon-Valley-Ikone? Mehr...

Die effizienten Anarchisten

Analyse Hippies im Hochgeschwindigkeitskapitalismus: Im Silicon Valley wird das politische und wirtschaftliche Establishment mit digitalen Mitteln angegriffen. Mehr...

Der Starinvestor und seine Tirade gegen den Wettbewerb

Silicon-Valley-Ikone Peter Thiel schrieb ein Buch über den technischen Fortschritt. Es ist ein Kampf gegen das Dogma, der Kapitalismus lebe vom harten Wettbewerb. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...