Das politische Debakel der Vaping-Krise

Schwere Lungenschäden und 29 Todesfälle: Wie zögerliche US-Behörden und die Tabak-Lobby der Epidemie Vorschub leisteten.

Vaping-Verbote haben es schwer in den USA: Devin Lambert, Chef von Good Guys Vape Shop, bläst eine Dampfwolke. Fotos: Keystone

Vaping-Verbote haben es schwer in den USA: Devin Lambert, Chef von Good Guys Vape Shop, bläst eine Dampfwolke. Fotos: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Vaping-Krise in den USA hat seit letzter Woche eine offizielle Bezeichnung: Evali, eine Abkürzung für die durch E-Zigaretten und Vaping-Produkte verursachten Lungenschäden.

Die US-Behörde für die Seuchenkontrolle und -prävention bezifferte das Ausmass des grassierenden Missbrauchs: 49 der 50 Bundesstaaten melden bereits schwere Lungenerkrankungen von Vaping-Konsumenten, mindestens 29 Todesfälle sind solchen Lungenschäden zuzuschreiben. Die Dunkelziffer indessen ist hoch, und die Zusammenhänge zwischen dem Vaping von nikotinhaltigen Kartuschen, Cannabis-Produkten und von Geräten, die auf dem Schwarzmarkt vertrieben werden, bleiben weitgehend im Dunkeln.

Die Krise kündigte sich an

Die Krise hätte nicht sein müssen, denn sie kündigte sich vor langer Zeit an. Sie ist jetzt nicht nur ein schweres Gesundheitsproblem, sie markiert ebenso ein politisches Debakel. Die US-Behörden hatten über zehn Jahre Zeit, das Vaping von potenziell gesundheitsbedrohenden Produkten zu regeln und dem Missbrauch vorzubeugen, der in den USA vor allem die Generation der unter 25-Jährigen erfasst hat. Doch das pausenlose Lobbying der Tabakbranche und E-Zigaretten-Hersteller, das politische Kalkül der Regierungen Obama und Trump, negative Gerichtsentscheide sowie abtrünnig gewordene Chefbeamte standen einer griffigen rechtlichen und gesundheitspolitischen Kontrolle immer wieder im Weg.

So hat es die medizinische Zulassungsbehörde der Regierung bis heute nicht geschafft, die Mehrheit der Vaping-Geräte und Inhaltsstoffe auf deren Sicherheit zu prüfen. Zwar kündigten die Behörden letzten Monat ein seit langem erwartetes und überfälliges Verbot aromatisierter E-Zigaretten an, mit denen Jugendliche zum Vaping gereizt werden, doch lässt das Verbot noch auf sich warten. Die Branche sperrt sich gegen allzu strikte Einschränkungen. Vor allem will sie kein Verbot der Menthol- und Pfefferminze-Aromastoffe, die sie seit den 50er-Jahren als angeblich weniger schädlich – ja sogar als gesundheitsfördernd – bei Afroamerikanern beworben hat.

Die ersten Vaping-Produkte tauchten 2007 in den USA auf, vorwiegend importiert aus China. Die Zulassungsbehörde FDA wurde misstrauisch und erklärte 2009 die E-Zigaretten zu einer zulassungspflichtigen Gesundheitsanwendung, vergleichbar mit den Nikotin-Pflastern für Raucher. Die Importe wurden unterbunden, da toxische Inhaltsstoffe vermutet und der Zusatz von süssen Aromastoffen als potenziell jugendbedrohlich betrachtet wurde.

Sie wollen keine Gesundheitserziehung: Demonstration gegen Vaping-Verbot

Die E-Zigarettenhersteller gingen vor Gericht und gewannen ihren ersten gewichtigen Erfolg. Das Urteil habe die Behörden massiv zurückgeworfen, sagt Joshua Sharfstein, der damalige stellvertretende FDA-Direktor. Es war das Resultat des massierten Lobbyings der Branche, die jede Einschränkung als Angriff auf die Handels- und Gewerbefreiheit zurückwies. «Es war sehr hart für uns Regulierer, die potenziellen Risiken zu minimieren, wenn man einer aggressiven Industrie gegenüberseht», so Sharfstein in der «New York Times». Der Markt wuchs in der Folge rapide; Hunderte von Vaping-Geräten und Tausende von Aromastoffen standen zur Auswahl; und Juul etablierte sich als Marktführer.

Derweil kam auch politische Rücksichtnahme ins Spiel. Die Regierung Obama setzte ihre ganze Kraft auf die Reform des Gesundheitswesens und beanspruchte dafür auch die volle Aufmerksamkeit der FDA. Der geballte Widerstand der Republikaner gegen Obamacare zwang offenbar zur Rücksicht auf traditionell tabakfreundliche Bundesstaaten, die man nicht verärgern wollte, um deren Widerstand gegen die Gesundheitsreform nicht weiter anzuheizen. Diese Phase sei demotivierend gewesen und verwirrend, berichten frühere FDA-Mitarbeiter. Parallel dazu beginnen sich die Interessen der Zigarettenhersteller und der Vaping-Industrie zu überlappen. Eine frühere demokratische Senatorin aus Louisiana, Mary Landrieu, liess sich für das Lobbying der Vaping-Interessen einspannen. Die Tabakkonzerne Reynolds und Altria setzten alles daran, eine drohende Regulierung zu schwächen, und Altria sollte später sogar eine Kontrollmehrheit von 35 Prozent an Juul erwerben.

Ausserdem wechselten Chefbeamte die Seite, das System der Drehtüre zwischen Regierung und Privatwirtschaft funktioniert auch hier, so wie es seit jeher in der Finanz- oder Pharmaindustrie funktioniert hatte. Mit der Regierung Tump übernahm Scott Gottlieb die Führung der FDA. Zuvor war er Verwaltungsrat von Kure, einer Kette von Vaping-Shops. Obwohl er dieses Mandat niederlegte, vertrat er dann in der FDA die klassische Verteidigungslinie, wonach Vaping die gesundheitlich bessere Alternative zum Rauchen sei. Und dafür gewährte er den Vapor-Unternehmen eine sehr grosszügige Anpassungsfrist von vier Jahren. Erst 2021 mussten sie beweisen, dass Vaping gesundheitlich mehr Vor- als Nachteile aufweist. Diese Karenzfrist wurde inzwischen zwar vor Gericht infrage gestellt, aber da hatte die Epidemie schon voll eingesetzt.

2018 ist Vaping unter Jugendlichen zum Statussymbol geworden – trotz Meldungen über Erkrankungen und Todesfälle.

Ein offizieller Bericht von 2018 zeigte dann, dass Vaping unter Jugendlichen zu einem Statussymbol geworden und dies trotz der Meldungen über sich häufende Erkrankungen und Todesfälle geblieben ist. Vaping sei im vergangenen Jahr «geradezu explodiert», erklärte Mary Anderson vom Gesundheitsdienst des Montgomery County nördlich der Hauptstadt Washington. Schulbehörden hoffen, dass die Epidemie die Jugendlichen alarmieren und zum Verzicht aufs Vaping bewegen wird. Das Problem ist, sagt Louis Schreiber in einem Bericht der Kaiser Health News, dass E-Zigaretten einen Gruppendruck ausgelöst hätten. Es sei einfach cool, zu vapen, und gegen den Strom zu schwimmen falle den meisten sehr schwer.

Derweil ist noch immer unklar, was genau die Lungenschäden auslöst. Gemäss den US-Behörden wurden in mehr als 80 Prozent der Krankheitsfälle die aus Cannabis gewonnene THC-Substanz gefunden; doch im Bundesstaat Nebraska wird vermutet, dass bis zu 30 Prozent der Erkrankten ausschliesslich Nikotin pafften, also nicht verunreinigten oder toxischen Substanzen ausgesetzt sein dürften. Juul Labs, dessen Image auf dem Spiel steht, sichert den Behörden volle Unterstützung bei der Aufklärung zu. «Wir schätzen die Arbeit der staatlichen Gesundheitsbehörden und sind sicher, dass sie der Wahrheit bis auf den Grund folgen werden.»

Erstellt: 16.10.2019, 15:32 Uhr

Artikel zum Thema

Sorgen Aromastoffe in E-Zigaretten für Lungenprobleme?

In den USA häufen sich schwere Lungenschäden – möglicherweise wegen der Dampfgeräte. Schweizer Ärzte sind alarmiert. Mehr...

Der Dampf trügt

Kommentar E-Zigaretten sind gut für viele, die ohnehin schon rauchen. Vielleicht. Für alle anderen gilt: Sie sind gefährlich. Sicher. Mehr...

Was Sie über E-Zigaretten wissen müssen

Sie sollen weniger schädlich sein als normale Zigaretten. Aber rauchen die Kids damit auch Cannabis? Drei Fakten über E-Zigaretten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...