Warum unsere Löhne nicht steigen

Sinkt die Arbeitslosigkeit, sollten die Saläre steigen. Doch das trifft auf die Schweiz nicht wie erwartet zu.

Tieflöhner kommen zurück auf den Arbeitsmarkt: Ein Mann streicht eine Bauabdeckung in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Tieflöhner kommen zurück auf den Arbeitsmarkt: Ein Mann streicht eine Bauabdeckung in Zürich. Foto: Reto Oeschger

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Als am Freitag das US-Arbeitsministerium die jüngsten Zahlen vom Arbeitsmarkt vorstellte, zeigte sich dort ein verblüffendes Muster: Die neu geschaffenen Stellen übertrafen mit der Zahl von 222'000 die Erwartungen deutlich. Gleichzeitig enttäuschte das Lohnwachstum. Mit einer Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent ist der US-Arbeitsmarkt schon stark ausgelastet, weitere hohe Jobgewinne müssten eigentlich in deutlich steigende Löhne münden. Doch nichts davon ist zu sehen – und das nicht nur in den USA, sondern weltweit und bereits seit geraumer Zeit.

Dieses Rätsel beschäftigt auch die Notenbanker weltweit. Denn der, trotz dem weltweiten Wirtschaftsaufschwung, ausbleibende Anstieg bei den Löhnen ist eine Erklärung für den ebenfalls fehlende Zunahme der Inflation. Dass diese höher zu liegen kommt – auf Werte um 2 Prozent – ist das Ziel der meisten grossen Notenbanken. Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, hat daher bei seiner Pressekonferenz zu den geldpolitischen Entscheiden am 8. Juni bereits eine Reihe von Gründen genannt, mit denen er sich das Phänomen des ausbleibenden Lohndrucks erklärt.

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Eine Erklärung sei laut Draghi, dass die Lohnanpassungen in Abhängigkeit der Inflation der Vergangenheit ausgehandelt würden. Und weil diese sehr tief war, sei es auch nicht zu Lohnerhöhungen wie bei anderen Aufschwüngen gekommen. Eine andere Ursache sieht er in einer deutlichen Zunahme der Beschäftigten insgesamt. Viele, die während der Krise ihren Mut verloren haben, kehren nun wieder auf den Arbeitsmarkt zurück. Das dadurch erhöhte Arbeitskräfteangebot drückt auf die Möglichkeit, höhere Löhne auszuhandeln. Schliesslich würden viele der neuen Jobs eine geringe Qualität aufweisen. Damit sind temporäre Anstellungen im Teilzeitbereich und mit geringer Bezahlung gemeint. Draghi zeigte sich aber überzeugt, dass sich die Aussichten bald verbessern werden und damit auch die Löhne steigen werden.

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Die meisten von Draghis Erklärungen werden in einer Kurzstudie von Oxford Economics von Ende Juni gestützt. Sie beschäftigt sich mit den USA und Grossbritannien. Auch dort seien es unter anderem die Rückkehrer auf den Arbeitsmarkt, die einen merklichen Lohnauftrieb verhindern würden, schreibt Studienverfasser Adam Slater. Und auch dort zeige sich, dass die neuen Jobs in Bereichen mit unterdurchschnittlichen Löhnen geschaffen würden. Schliesslich weist Slater darauf hin, dass der Anteil der unfreiwillig Teilzeit Arbeitenden in den USA und Grossbritannien noch immer höher liege als unmittelbar vor der Finanzkrise im Jahr 2007.

Slater nennt aber noch einen weiteren Grund, der den Ökonomen weltweit Kopfzerbrechen bereitet: ein aussergewöhnlich geringes Wachstum der Produktivität. Damit ist die Leistungsfähigkeit der Arbeit gemeint. Bei ausreichendem Wettbewerb werden die Beschäftigten entsprechend ihrer Produktivität bezahlt. Das geringe Produktivitätswachstum passt schlecht zu all den Sorgen wegen einer neuen technologischen oder digitalen Revolution, die zu einem derartigen Schub an Produktivität führen soll, dass nur noch wenige menschliche Beschäftigungen nötig wären.

Ein untypisch tiefes Produktivitätswachstum zeigt sich auch in der Schweiz. Während dieses sich im Jahrzehnt von 1992 bis 2002 noch auf durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr belief, sank es im darauf folgenden Jahrzehnt auf gerade noch 0,6 Prozent ab.

Tiefe Inflation hilft

Und auch in der Schweiz legen die Löhne im längerfristigen Vergleich (etwa seit 1980, aber auch seit 1990) deutlich unter dem Durchschnitt zu. Das gilt aber nur für die ausbezahlten sogenannten Nominallöhne. Anders sieht es bei den zwar nicht direkt beobachtbaren, aber entscheidenden Reallöhnen aus. Hier werden die Nominallöhne um die Inflation korrigiert. Die Entwicklung der Reallöhne zeigt deshalb, welche Kaufkraft die Beschäftigten mit ihren Gehältern ­erlangt haben. Gemäss Daten des Bundesamts für Statistik war das Reallohnwachstum seit 2010 in jedem Jahr höher als im Durchschnitt aller Jahre seit 1990 oder auch 1980.

Die positive Entwicklung der Reallöhne in der Schweiz geht darauf zurück, dass die Inflation im internationalen Vergleich aussergewöhnlich tief und von 2012 bis 2016 in keinem Jahr mehr positiv war. Ausser 2014 (als sie sich im Durchschnitt auf 0 Prozent belief) sank die Teuerung in jedem dieser Jahre sogar – mit dem Spitzen-Durchschnittswert von –1,1 Prozent im Jahr 2015. Diese Entwicklung ist unter anderem eine Folge des überteuerten Frankens.

Unternehmen senken nur in einer schlimmen Krise die Nominallöhne. Wenn es nicht mehr anders geht, zahlen sie den Beschäftigten weniger aus. Denn das würden Letztere als äusserst unfair empfinden, und die Unternehmen liefen Gefahr, gerade die besten Mitarbeiter zu vertreiben. Die Löhne dagegen nicht oder nur gering zu erhöhen oder nicht an die Teuerung anzupassen, wird erfahrungsgemäss als weniger unfair oder kalt empfunden, selbst wenn die Folgen für den Reallohn dieselben sind. Das Hemmnis, die Nominallöhne zu senken, hatte in der Schweiz in den letzten Jahren dank der geringen und negativen Teuerung ein überdurchschnittliches Reallohnwachstum zur Folge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2017, 18:58 Uhr

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