Das schwerste Wort von allen

Je höher sie aufsteigen, desto weniger sind viele Manager in der Lage, sich zu entschuldigen.

Sich entschuldigen zu können ist eine wichtige Führungsfähigkeit. Die Gründer von Dolce & Gabbana taten es per Video. Foto: Keystone

Sich entschuldigen zu können ist eine wichtige Führungsfähigkeit. Die Gründer von Dolce & Gabbana taten es per Video. Foto: Keystone

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Es ist an der Zeit, an dieser Stelle eine oft unterschätzte Form der skurrilen Unterhaltung zu würdigen: das Entschuldigungsvideo. Es kommt nicht allzu oft vor, dass Manager oder Unternehmer zu diesem letzten Mittel der Krisenkommunikation greifen – und wenn man sich ansieht, wie die Herren Bosse in dieser Gattung performen, versteht man auch wieso.

Diesmal waren es die italienischen Modeschöpfer Dolce & Gabbana (D & G), die ihre Woche mit einem Entschuldigungsvideo beschliessen mussten. Das Unternehmen hatte zunächst Werbevideos veröffentlicht, die auf den chinesischen Markt zielten. Zu sehen war darin eine junge Frau, die versuchte, italienische Klassiker wie Pizza, Spaghetti und Cannoli mit Stäbchen zu essen – was viele Menschen in China als beleidigend empfanden. Die Empörung war so heftig, dass D & G die Modeschau in Shanghai absagen musste und die Firmenchefs zum öffentlichen Sorry vergattert wurden. Im Clip sitzen die zwei also da, motiviert wie zwei Schulbuben, die man zum Nachsitzen gezwungen hat, und lesen mit stoischen Mienen ihre Entschuldigung ab.

Unvergessen auch der Auftritt von Martin Winterkorn, der ein paar Tage nach dem Auffliegen der Abgasaffäre versuchte, per Video seinen Job als VW-Chef zu retten: Winterkorn stand vor einer Wand voller Volkswagen-Logos. Sein Gesicht wirkte so fahl wie sein Anzug. Die Entschuldigung las er mit zittriger Stimme vom Teleprompter ab. Wenn man dieses Kunstwerk heute ansieht, drei Jahre später, weiss man immer noch nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Zwei Erklärungen – beide schlecht

Interessant auch die Strategie von Facebook: Als das Unternehmen sich vor ein paar Monaten für den Missbrauch von Millionen Nutzerdaten entschuldigen musste, versuchte man erst gar nicht, Firmenchef Mark Zuckerberg für einen glaubwürdigen Auftritt zu coachen. Facebook kreierte stattdessen lieber gleich ein animiertes Video.

Sich zu entschuldigen, ist eigentlich keine komplizierte Sache. Man bringt den Kleinen spätestens im Kindergartenalter bei, wie man sich aufrichtig entschuldigt. Trotzdem ist auffällig, dass es offenbar sehr vielen Spitzenmanagern schwerfällt, diese Geste einigermassen aufrichtig hinzubekommen.

Zwei Erklärungsansätze für dieses Phänomen. Variante eins: Das System in vielen grossen Unternehmen fördert den Aufstieg von Menschen, deren menschliche Qualitäten mit jenen eines Kleinkinds nicht mithalten können. Variante zwei: Wer in der Hierarchie oben angekommen ist, verliert die Fähigkeit, sich seine eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen. Beide Varianten sind schlecht – auch für die Unternehmen.

Heute suchen die begehrten jüngeren Arbeitskräfte im Zweifelsfall lieber einen Arbeitgeber, der nicht von selbstverliebten Egomanen dominiert wird. Führung verlangt deshalb mehr als je zuvor menschliche Qualitäten – wer schon an einer Entschuldigung scheitert, hat sich für höchste Ebenen disqualifiziert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2018, 18:48 Uhr

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