Das Versagen der Schweizer Elite bleibt ungesühnt

Das Swissair-Urteil des Zürcher Handelsgerichts ist stossend. Wieder einmal wird Misswirtschaft nicht geahndet.

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Wieder werden in einem Prozess zu den Folgen der Swissair-Pleite 14 beschuldigte einstige Führungspersonen freigesprochen. Das ist stossend. Aus Sicht der Öffentlichkeit stehen nicht so sehr die konkreten Zahlungspraktiken innerhalb des untergegangenen Luftfahrtkonzerns im Vordergrund, die den Swissair-Liquidator zur Klage veranlasst haben. Anstössig ist vielmehr der Umstand, dass bisher keiner der damaligen Zuständigen in irgendeiner Weise Verantwortung für die Führung der Airline und ihrer Nebenbetriebe übernehmen muss, die im Jahr 2001 zu ihrem Grounding geführt hat.

Das war schon das Resultat des grossen Strafrechtsprozesses im Jahre 2007: Auch damals endete der Prozess für alle 19 Angeklagten mit einem Freispruch. Und damals wie heute erhielten die einstigen Führungspersonen vom Gericht noch grosszügige Entschädigungen ausbezahlt: 4,5 Millionen waren es diesmal.

Schaden für die Legitimität

In einer Marktwirtschaft gilt es als legitim, dass herausragende Leistungen auch herausragend bezahlt werden. Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass Misswirtschaft und die Schädigung der Gesellschaft auch geahndet werden. Dass dies nur selten geschieht, wenn sehr viel Macht im Spiel ist, untergräbt die Akzeptanz unserer Wirtschaftsordnung. Das ist schon das Vermächtnis der Finanzkrise, die vor exakt 10 Jahren ihrem Höhepunkt entgegensteuerte und die ganze Weltwirtschaft in die Krise riss. Kein führender Vertreter der Finanzindustrie, die für das Debakel verantwortlich war, wurde seither belangt. Dagegen mussten Milliarden an Steuergeldern für die Rettung der Banken aufgewendet wurden – in der Schweiz für die UBS.

Für die hiesige Wirtschaft und das Selbstbild der Schweizer war der Untergang der Swissair das grössere Debakel als die Finanzkrise. Die Fluggesellschaft stand für alles, worauf man in der Schweiz stolz war; als «fliegende Bank» wurde sie bezeichnet.

Und die Swissair stand wie kein zweites Unternehmen im Zentrum des Schweizer Machtkartells aus FDP, Grossbanken, Konzernen und Beratungsunternehmen. Im Verwaltungsrat der Fluggesellschaft tummelten sich gleich alle. Und Bescheidenheit war nicht ihre Stärke. Im Gegenteil: Im Vorfeld der Pleite traten sie mit einer beispiellosen Arroganz auf, präsentierten sich als vorbildliche Unternehmensführer und Politiker und forderten in Weissbüchern ein grösseres Primat der Wirtschaft vor der Politik.

Doch auf ihrer eigenen Spielwiese, bei der Swissair, hat diese Elite auf der ganzen Linie versagt: Machttrunken kaufte das Management unter Absegnung des Verwaltungsrats in ganz Europa Unternehmen zusammen, die der Schweizer Luftgesellschaft angegliedert wurden. Bis dies nicht mehr zu finanzieren war.

Dass auch in der Schweiz die Machtelite letztlich die Verantwortung nicht übernehmen muss, die sie sonst unentwegt von anderen einfordert, ist die Botschaft, die die Wunde Swissair bis heute eitern lässt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2018, 19:24 Uhr

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