Dein Kind, das gefährlichste Tier

Der Club of Rome schlägt vor, Kinderlosigkeit bei Frauen mit einer Prämie von 80'000 Dollar zu belohnen. Zwecks Rettung des Planeten.

Der 3-jährige Hanhan inhaliert in Peking Sauerstoff – wegen der Luftverschmutzung. Foto: Jason Lee (Reuters)

Der 3-jährige Hanhan inhaliert in Peking Sauerstoff – wegen der Luftverschmutzung. Foto: Jason Lee (Reuters)

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Man kann viel gegen den Club of Rome sagen. Etwa, dass er wenig Optimismus kennt. Aber Mut hat er.

In seiner neuesten Studie machte der Club ein paar Vorschläge zum Umbau der Weltwirtschaft. Neben der harten Besteuerung fossiler Brennstoffe, Subventionen für grüne Technologie und einer Erbschaftssteuer von 100 Prozent forderte der Club das Rentenalter 70, stärkere Gewerkschaften, ein Mindesteinkommen für Arbeitslose, mehr Ferien sowie die Schliessung von Grenzen für den Handel – Letzteres mit dem erklärten Ziel, das Wirtschaftswachstum zu schwächen.

Kurz: Es ist ein Programm, das dem der Club of Rome die Feindschaft aller denkbaren politischen Parteien sichert. Und, zum guten Ende, schlug der Club auch noch vor, Kinderlosigkeit zu fördern. Und jeder Frau, die nicht mehr als ein Kind geboren hat, beim Erreichen des 50. Altersjahrs eine Prämie von 80'000 Dollar zu zahlen.

Bei der Präsentation der Studie begründete der Co-Autor Jorgen Randers die Prämie damit, dass der Motor fast aller Umweltprobleme derselbe sei: die Verdoppelung der Weltbevölkerung seit 1970. Da es aber fast unmöglich sei, existierende Leute von Einschränkungen zu überzeugen, sei es effektiver, die Existenz weiterer Menschen zu verhindern. Randers schloss persönlich: «Meine Tochter ist das gefährlichste Tier von allen.»

Das Unangenehme daran ist, dass der Club of Rome damit recht hat: So süss das Baby aussieht, nichts, was man tut, schädigt die Umwelt mehr, als ein Kind zu zeugen.

Das ist keine Neuigkeit. Der Mensch, ursprünglich ein unbedeutendes Tier in der Mitte der Nahrungskette, fing eines Tages vor 70'000 Jahren an, seine Heimat in der afrikanischen Steppe zu verlassen, um den Planeten zu besiedeln. Er tat es in rasendem Tempo. Denn in seinem Besitz war die furchtbarste Waffe, die der Planet je gesehen hatte: die Sprache.

Sie gestattete es ihm, sich in grossen Gruppen zu organisieren. Und zwar dadurch, dass der Mensch das einzige Tier ist, das über Nichtvorhandenes sprechen kann: Indem Menschen sich imaginäre Ziele geben konnten, etwa dem Stamm oder Geistern zu dienen, konnten Leute zusammenarbeiten, die sich kaum kannten.

Das Imaginäre erwies sich als absolut tödlich.Noch zu Zeiten der Jäger und Sammler, also lange vor der Erfindung von Rad, Schrift und Eisen, hatte der Mensch bereits die Hälfte aller Gross­säuger ausgerottet. Der Historiker Yuval Hariri bilanzierte: «Die umherziehenden Gruppen brandrodender, geschichtenerzählender Sapiens waren die grösste und zerstörerischste Kraft, die das Tierreich je hervorgebracht hatte.»

Mit der Landwirtschaft, dann mit der industriellen Revolution nahm das Tempo noch einmal zu. So wie mit den Geschichten, in deren Namen gehandelt wurde: Gott, Nation, Freiheit, Wissenschaft, Konzerne. Im Moment sind die Kreaturen der Meere daran, ihr Schicksal zu empfangen. Es ist absehbar, dass der Mensch der einzige Grosssäuger sein wird, der überlebt, abgesehen von seinen Sklaven wie Schweinen, Pferden, Kühen.

An Letzteren zeigt sich, dass die Evolution sich nur für die Verbreitung der Gene interessiert, nicht für das Wohl der Individuen. Für die Schweine war ihre Domestizierung evolutionär ein Grosserfolg: Sie verbreiteten sich über den ganzen Erdball. Nur: Das einzelne Schwein lebt als Häftling in der Todeszelle.

Der Evolution ist Glück und Leiden egal, und sie kennt auch kein Genug – etwa dass es genug Zebras gibt. Und wenn es in der Natur des Menschen eine Konstante gibt, dann ist es die Unzufriedenheit: Er ändert, was immer da ist.

Schon deshalb wird der Vorschlag des Club of Rome keine Chance haben. (Und zu Recht: Alle Philosophien, die den Menschen als Schädling betrachteten, brachten nicht Bescheidenheit, sondern Scheusslichkeiten hervor.)

Viel eher wird die neue, zweite Evolution den Raubzug des Menschen stoppen. Das erzählende Tier ist seit kurzem auf dem Weg zu einem schöpferischen Gott: künstliche Kreaturen, längeres Leben, Cyborgs, künstliche Intelligenz.

Gut möglich, dass in wenigen Jahrzehnten eine neue überlegene Kreatur auftaucht. Wird sie uns nur etwas ähnlich sein, wird sie als neue Krone der Schöpfung mit uns Experimente machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2016, 22:45 Uhr

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