Den Assura-Versicherten droht eine happige Prämienerhöhung

Die Krankenkasse hat letztes Jahr über 250 Millionen Franken Verlust gemacht.

Der Assura-Hauptsitz in Pully. Foto: PD

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Was tun, wenn man etwas kommunizieren muss – es aber möglichst verschweigen möchte? Man verschickt seine Mitteilung unangekündigt an einem Freitag kurz vor 16 Uhr. So hat es die Assura gestern gemacht, als sie über ihre Jahreszahlen informierte. Die sind verheerend: Die Krankenkasse mit Sitz in Pully bei Lausanne hat letztes Jahr im Grund­versicherungs­bereich einen Verlust von 258 Millionen Franken geschrieben.

Die Assura schreibt, sie haben einen «ausserordentlichen Verlust» verkraften müssen. Doch diese Aussage ist irreführend. Denn ein Blick in den Geschäfts­bericht zeigt, dass die Kasse schlicht zu knapp kalkuliert hat. Die Assura wurde als Billigkasse bekannt und konnte während mehrerer Jahre in vielen Kantonen die günstigsten Prämien anbieten – zumindest mit der höchsten Franchise von 2500 Franken. Das Kalkül dahinter ist einfach: Wer eine hohe Franchise wählt, ist selten krank und tendenziell jung. Auch ihren Service richtete die Assura auf Kunden aus, die möglichst wenig mit ihrer Kasse zu tun haben wollen: Bei der Rückerstattung der Arzt- und Spitalrechnungen reizte die Assura die gesetzliche Frist von 30 Tagen aus.

Innert weniger Jahre wurde die Assura so zur viertgrössten Grundversicherung im Land. Schweizweit nehmen 900000 Kunden den tieferen Servicestandard in Kauf, um dafür von günstigen Prämien zu profitieren.

Der Chef musste gehen

Dass die Assura mit ihrer Geschäftspolitik vorwiegend gesunde Kunden anzieht, ärgert zwar die Konkurrenz – doch sie tut nichts Unerlaubtes. Die Kasse muss dafür immer höhere Beträge in den gesetzlich vorgeschriebenen Risikoausgleich zahlen. Letztes Jahr waren es fast 750 Millionen Franken. Damit flossen 30 Prozent der eingenommenen Prämien direkt in den Ausgleichstopf.

Dies ist der erste Grund für den Grossverlust der Kasse. Der zweite ist, dass die Gesundheitskosten bei der ­Assura überdurchschnittlich gestiegen sind. Offenbar hat die stark gewachsene Kasse nicht ausschliesslich gesunde Kunden gewonnen, sondern auch teurere Versicherte angezogen. Der dritte Grund ist das Tiefzinsumfeld: Statt 56 Millionen verdiente die Assura mit ihrem Kapital noch 8 Millionen Franken.

Dass die Assura nach einem Verlust von einer Viertelmilliarde Franken noch nicht in finanzielle Schieflage geraten ist, hat sie ihrem Finanzpolster zu verdanken. Dieses hat sich nun aber innerhalb von zwei Jahren fast halbiert. Deshalb scheint klar, dass die Kasse diesen Herbst nicht um eine deutliche Prämienerhöhung herumkommen wird. Damit sie letztes Jahr kostendeckend gewirtschaftet hätte, hätten die Monatsprämien im Schnitt gut 20 Franken höher liegen müssen. Zwar hat die Assura ihre Prämien bereits per 1. Januar 2016 erhöht – um durchschnittlich 9 Prozent. Doch ein Teil dieser Erhöhung war der allgemeinen Steigerung der Gesundheitskosten geschuldet und trägt nichts zur Deckung des strukturellen Defizits bei.

Stiftung unter Zwangsverwaltung

Das finanzielle Debakel hat den Chef der Assura bereits im Januar den Kopf gekostet: Der Bieler Bruno Ehrler – zuvor Chef des TCS und Kadermann bei der Mobiliar-Versicherung – musste sein Büro in Pully nach zwei Jahren bereits wieder räumen. Seither wird die Krankenkasse ad interim von Assura-Verwaltungsrat Eric Bernheim geführt. Gestern gab die Kasse bekannt, dass der Posten im Januar 2017 wieder ordentlich besetzt werde: mit Ruedi Bodenmann, heute Chef der Basler Krankenkasse Sympany. Dass Bodenmann an der ETH Mathematik studiert hat, wird sicher kein Nachteil sein, wenn es darum geht, wieder ausgeglichene Zahlen zu erreichen. Zudem teilte die Assura mit, dass der frühere Swiss-Life-Chef Bruno Pfister und David Queloz, Spitaldirektor in Freiburg, in den Verwaltungsrat gewählt wurden.

2012 hatten die Aufsichtsbehörden in der Assura «schwerwiegende Mängel in Corporate Governance, Risikomanagement, Compliance und Controlling» festgestellt. Sie entmachteten die alte Garde der Verwaltungsräte und setzten die Kasse zeitweise unter Zwangsverwaltung. Die Besitzerin der Assura-Gruppe, die Stiftung Divesa, hat auch heute noch keinen Stiftungsrat. Sie wird im Auftrag des Bundes von zwei Genfer Wirtschaftsanwälten verwaltet. Dieser Zustand werde bald enden, sagt einer der beiden auf Anfrage, ohne genauere Angaben machen zu wollen.

Erstellt: 17.06.2016, 23:56 Uhr

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