Gut gebildete Eltern erziehen ihre Kinder lieber selber

Gebildete und gut verdienende Eltern wollen ihre Kinder lieber selber erziehen, als ihre Arbeitspensen zu erhöhen. Tiefere Steuern sind für viele kaum ein Anreiz.

Für viele Eltern nur die zweitbeste Wahl: Ein Junge beim Spielen in der Kinderkrippe.<br />Foto: Sophie Stieger

Für viele Eltern nur die zweitbeste Wahl: Ein Junge beim Spielen in der Kinderkrippe.
Foto: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Politik und Wissenschaft gingen bisher davon aus, dass ökonomische Anreize genügen, damit junge Eltern – vor allem Mütter – nach der Geburt eines Kindes schneller wieder in den Beruf einsteigen. Die Fachkräfteinitiative von Bund, Kantonen und Gemeinden fokussiert etwa darauf, Angebote für Krippen und Tagesschulen mit Subventionen zu fördern und steuerliche Anreize zu setzen, damit sich Arbeiten trotz externer Kinderbetreuung lohnt.

Nun stellt die Masterarbeit einer Betriebsökonomin diese Stossrichtung infrage. Verfasst hat sie Monika Stampfli, ehemalige Geschäftsleiterin der Profawo, einer grossen Anbieterin für Kindertagesstätten (Kitas). Sie studiert Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz und befragte im Januar 479 Eltern (1401 wurden per Mail kontaktiert). Die Erkenntnisse:

  • Günstigere Kitas spielen kaum eine Rolle. Die Mehrheit der Befragten ist nicht bereit, ihr Erwerbspensum zu erhöhen, auch wenn genügend Kita-Plätze vorhanden wären oder diese massiv günstiger würden. Nur 19 Prozent der Mütter und 9 Prozent der Väter könnten sich vorstellen, mehr zu arbeiten, falls Kita-Kosten wegfallen.
  • Auch Steuervorteile machen keinen grossen Unterschied. Steuerliche Faktoren werden von jungen Eltern kaum berücksichtigt, wenn sie ihr Arbeitspensum festlegen.
  • Geld und Karriere sind nicht besonders wichtig. Karrieremotive treten in den Hintergrund, wenn es um die Kinderbetreuung geht. Den Befragten sind Grundwerte wie Humanismus, Universalität und Selbstbestimmung deutlich wichtiger als Leistung und Macht. Das gilt für tiefe und hohe Einkommensklassen.

Was Stampfli frappierte, war die Einstellung zur Rolle der Mutter: «Die Präsenz der Mutter für die Kinder scheint tendenziell wichtiger als die der Väter.» Sie stelle fest, dass Grossverdiener eine ähnliche Einstellung zu Kinderbetreuung und Beruf hätten wie Mittelständler.

Die Befragten – zwei Drittel Mütter, ein Drittel Väter – antworteten anonym. Der Kreis beschränkte sich auf Kunden von Stampflis früherem Arbeitgeber Profawo. Laut der Autorin ist die Stichprobe nicht repräsentativ für Schweizer Familien, denn bei den meisten Befragten handle es sich um Gutverdienende ohne Subventionsanspruch (42 Prozent verfügen über ein Einkommen von mehr als 150'000 Franken im Jahr).

«Die Präsenz der Mutter für die Kinder scheint tendenziell wichtiger als die der Väter.»

Das Resultat erscheint trotzdem relevant. Denn die Befragten wissen, was es heisst, Kinder extern betreuen zu lassen. Ausserdem sind sie überdurchschnittlich gut gebildet, 83 Prozent haben einen Hochschulabschluss. «Die realisierte Stichprobe entspricht sehr stark den von der Wirtschaft und dem Staat anvisierten Fachleuten, welche in Zukunft vermehrt den Arbeitsmarkt unterstützen», sagt Stampfli. Pointiert ausgedrückt, heisst das: Viele hochkarätige, inländische Fachkräfte wollen ihre Arbeitspensen bewusst nicht erhöhen, weil die häusliche Kinderbetreuung ihnen wichtiger ist als eine schnellere Rückkehr in den Job.

Stampfli sieht im Ergebnis einen Hinweis darauf, dass weder finanzielle noch steuerliche Anreize die Lage rasch ändern werden. Der Staat müsse die Überzeugungen der Eltern bearbeiten, sofern er das Inländerpotenzial ausschöpfen wolle. So sollten laut Stampfli wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Pädagogik öffentlich diskutiert werden – zum Beispiel jene, «dass Mütter nicht explizit die besseren Erzieherinnen sind».

Stampflis Studie hat auch gezeigt, dass der Besserverdienende – meistens der Vater – das höhere Arbeitspensum wählt, während der Schlechterverdienende – öfter die Frau – zu den Kindern schaut. Stampfli fordert Politik und Wirtschaft auf, Lösungen anzustreben, damit gleiche Arbeit vermehrt gleich entlöhnt werde. «Erst dann werden Eltern mit Kleinkindern eine reelle Wahl haben, damit beide Eltern ihre berufliche Karriere fortführen können.»

Der Dossierverantwortliche beim Staatssekretariat für Wirtschaft, Boris Zürcher, erachtet die Ergebnisse der Studie «als wichtig und interessant». Er rechtfertigt die Fachkräfteinitiative in der jetzigen Form. Es sei der «offensichtliche Wunsch der Schweizer, die Zuwanderung zu reduzieren, das verfügbare einheimische Erwerbspersonenpotenzial verstärkt zu aktivieren und zu mobilisieren, sodass sich die Abhängigkeit der Schweiz von der Zuwanderung» verringere, sagt der Leiter Direktion für Arbeit.

Mehr Zeit für sich selber

Der Arbeitgeberverband widerspricht Stampfli nur in einem Punkt. Die Statistik zeige, dass «bei einem beachtlichen Teil der Eltern mit Kindern im Betreuungsalter durchaus ein Bedürfnis besteht, ihr Teilzeitpensum zu erhöhen respektive Vollzeit zu arbeiten», sagt Simon Wey, stellvertretender Ressortleiter der Bereiche Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht. Von 450'000 Teilzeit arbeitenden Personen, die Kinder bis 14 Jahre betreuen, wünschen sich 15 Prozent laut dem Bundesamt für Statistik ein höheres Arbeitspensum. «Es kann also nicht die Rede davon sein, dass für eine höhere Arbeitsmarktpartizipation keine Nachfrage bestehen würde.» Auch sei das Bedürfnis, mehr zu arbeiten, bei Eltern grösser als bei Menschen ohne Kinder.

Stampfli entgegnet, die Zahl derer, die gerne das Pensum erhöhen wollen, sei sehr klein. Bloss 6 Prozent der von ihr befragten Eltern wünschten sich das. 17 Prozent hatten schon eine Vollzeitstelle. Zwei Drittel der Befragten gaben an, «nicht mehr in die Kindererziehung investieren» zu wollen. Sie wünschten sich «weder mehr Zeit für die Kinder noch für die Arbeit, sondern für sich selber».

«Staat soll sich raushalten»

Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung von Frau und Mann findet die Studie «interessant». Bei der Interpretation müsse aber berücksichtigt werden, dass die befragten Paare bereits «in relativ hohen Arbeitspensen tätig» seien. Das Büro fühlt sich bestärkt in diversen Punkten, die es schon heute propagiert: Die Firmen müssten ihre «Arbeitsbedingungen verbessern und die Unternehmenskultur ändern». Ausserdem müssten sich die Stereotypen zur Bedeutung von Vater und Mutter für die Entwicklung von Kindern verändern, und die Lohngleichheit müsse umgesetzt werden.

Das Gleichstellungsbüro relativiert den Befund in einem Punkt: «Tiefere Kosten für externe Betreuung oder ein besser ausgebautes Angebot sind insbesondere bei Eltern mit kleinem Arbeitspensum wichtige Kriterien.» Sie hätten zum Ziel, die Wahlfreiheit der Eltern zu erhöhen. Dies gehe auch aus der Masterarbeit hervor: «Rund 30 Prozent der befragten Eltern konnten sich vorstellen, das Pensum bei tieferen Kita-Kosten zu erhöhen.» Der Staat müsse dies fördern.

Während das Gleichstellungsbüro sein Engagement bekräftigt und der Arbeitgeberverband den Staat «in der Mitverantwortung» sieht, lehnt die Kinderbetreuungsexpertin der SVP, die Berner Nationalrätin Nadja Pieren, eine Einflussnahme auf die Eltern ab. Der Staat solle sich aus der Wertedebatte heraushalten. «Ich warne davor, dass sich der Bund zu stark in die Familienmodelle oder die Wirtschaft einmischt.» Pieren ist Kleinunternehmerin und führt eine Kindertagesstätte. Primär seien es die Familien, die zu entscheiden hätten, welches Modell sie leben wollten. Sekundär sei es an der Wirtschaft, Bedingungen zu schaffen, um gute Arbeitskräfte im Betrieb zu halten. Für die meisten Frauen sei «die Mutterrolle wichtiger als die Rolle der Berufsfrau». Darum würden sie sich für eine Teilzeitarbeit entscheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2016, 23:12 Uhr

Artikel zum Thema

Viele Konzepte, aber keine Kinderkrippe

Zwei Kleinkinderzieherinnen versuchen seit einem Jahr erfolglos, sich mit einer Kindertagesstätte selbstständig zu machen. Vorschriften und Ansprüche erschweren Krippenunternehmern die Arbeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Saisonstart im höchstgelegenen Outlet der Schweiz

Nur eine Stunde von Zürich entfernt finden Städter und Ausflügler in Landquart tolle Outfits für die Wintersaison und hochwertige Outdoor-Bekleidung der bekanntesten Sportmarken.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...