Der Frieden lässt die Kokafelder wachsen

Es wird mehr Kokain produziert und konsumiert als jemals zuvor. Der Grund dafür liegt in Kolumbien.

Mitglieder der Anti-Drogen-Einheit der kolumbianischen Polizei landen in einem Kokafeld im Süden des Landes. Foto: 
Ricardo Mazalan (AP, Keystone)

Mitglieder der Anti-Drogen-Einheit der kolumbianischen Polizei landen in einem Kokafeld im Süden des Landes. Foto: Ricardo Mazalan (AP, Keystone)

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Es wird immer mehr, und es wird immer reiner. Gemäss dem jüngsten Drogenbericht der UNO hat die globale Produktion von Kokain 2017 einen historischen Höchstwert erreicht. 1976 Tonnen seien hergestellt worden, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein unglaublicher Anstieg um 25 Prozent. Die grössere Menge vermindert den Anreiz für Dealer, den Stoff zu strecken, was auch zu einem höheren Reinheitsgrad führt. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, die das Abwasser zahlreicher europäischer Städte (darunter Zürich) regelmässig auf über den Urin ausgeschiedene Kokainrückstände untersucht, verzeichnet ab 2015 fast überall deutlich steigende Werte. Der Konsum nimmt also zu. Und das Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich schreibt auf Anfrage: «In den letzten zehn Jahren hat sich der Reinheitsgrad des getesteten Kokains fast verdoppelt. Er liegt heute bei durchschnittlich 78 Prozent.»

Der wichtigste Grund für die Kokainschwemme ist, dass die Anbauflächen für die Kokapflanze in Kolumbien schon seit Jahren stark wachsen – in jenem Land also, aus dem 70 Prozent des weltweit konsumierten Kokains stammen. Allein 2017 resultierte eine Ausdehnung der Felder um 17 Prozent, in den Jahren zuvor waren die Zuwachsraten noch wesentlich höher.

Verzicht auf Herbizide

Wie eine bittere Ironie der Geschichte mutet es an, dass dieses Phänomen mit einem historischen Ereignis zusammenhängt, das dem früheren kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos 2016 den Friedensnobelpreis eintrug: der Friedensschluss zwischen kolumbianischer Regierung und marxistischer Farc-Guerilla. Die Unterzeichnung des Vertrags am 26. September 2016 beendete einen Konflikt, der eine Viertelmillion Menschenleben gefordert hatte.

Zuvor hatten Regierung und Rebellen in Oslo und Havanna rund vier Jahre lang verhandelt. Als Zeichen des guten Willens schränkte Santos die Besprühung von Kokafeldern mit Herbiziden ein, und im Oktober 2015 verbot das kolumbianische Obergericht deren Einsatz ganz, aus gesundheitlichen Gründen. Fortan mussten die Ordnungskräfte Kokapflanzen von Hand ausreissen, was mühselig und gefährlich ist. Dies nutzten die Farc, um die Anbauflächen zu verdoppeln. Aus ihrer Sicht handelte die Guerillaorganisation, die zugleich Kolumbiens grösster Kokainproduzent war, durchaus rational: Wären die Verhandlungen gescheitert, hätte sie über mehr finanzielle Mittel verfügt, um ihren bewaffneten Kampf gegen den Staat wieder aufzunehmen. Ein Kampf, den zahlreiche Regierungen sowie die EU als terroristisch eingestuft hatten.

Kontraproduktiv war auch Santos’ gut gemeintes Versprechen, jene Kokabauern zu entschädigen, die freiwillig auf den Anbau der Pflanze verzichteten oder gemäss Friedensvertrag mit dem Ernten aufhören mussten. Um eine höhere Entschädigung zu erhalten, dehnten viele Bauern noch während der Verhandlungen ihre Anbauflächen erst recht aus.

Aus Rebellen werden «normale» Drogenhändler

Der Friedensvertrag verpflichtet die Farc, das Kokaingeschäft aufzugeben. Um die riesigen Flächen, die nun gewissermassen herrenlos wurden, ist ein Kampf zwischen traditionellen Drogenkartellen entbrannt. Hatten die Farc die Erträge aus dem Kokainhandel teilweise dazu verwendet, die Infrastruktur ihrer Guerillaarmee aufrechtzuerhalten, fliesst das Geld nun direkt in Ausbau und Sicherung des Geschäfts.

Von Anfang an war klar, dass sich Teile der Guerilla weigern würden, ihre Waffen niederzulegen. Diese Rebellen sind meist zu «normalen» Drogenhändlern geworden, ohne den pseudoideologisch-marxistischen Klimbim, den sie zuvor betrieben hatten. Da sich das Verhältnis zwischen Kolumbiens aktuellem Präsidenten, dem Konservativen Iván Duque, und den Ex-Guerilleros rapide verschlechtert, wächst gegenwärtig die Zahl ehemaliger Rebellen, die wieder mit Kokain dealen.

Das alles bedeutet nicht, dass der historische Friedensschluss zwischen Farc und Regierung falsch war. Er war grundsätzlich richtig, hatte aber Folgen, die in diesem Ausmass schwer vorhersehbar waren. Im Übrigen würde das Angebot an Kokain nicht derart explodieren, wenn es nicht auch die Nachfrage täte. Der Motor des internationalen Kokainhandels sind nicht die Produzenten in Kolumbien, sondern die Konsumenten in den reichen Industrieländern.

Erstellt: 27.06.2019, 23:05 Uhr

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