«Der ganze Wirbel ist ziemlich schlimm»

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel im grossen Interview über seinen Vorgänger Pierin Vincenz und das Finma-Verfahren.

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel: «Die Reputationsrisiken stehen in keinem Verhältnis zum Inhalt der Untersuchung»

Raiffeisen-Chef Patrik Gisel: «Die Reputationsrisiken stehen in keinem Verhältnis zum Inhalt der Untersuchung» Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Die Raiffeisen-Gruppe macht derzeit vor allem negative Schlagzeilen. Die eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) hat gegen sie ein Verfahren eröffnet, das die Abläufe bei Firmenkäufen der Bank unter die Lupe nimmt. Und die Nationalbank kritisierte die Bank wegen ihrer forschen Hypothekenvergabe. Seinen Ärger um den Rummel kann Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, 55, nur schlecht verbergen.

Raiffeisen ist die grösste Hypothekarbank der Schweiz. Doch immer mehr Mietwohnungen stehen leer – ausgerechnet in Regionen, in denen Sie stark vertreten sind. Droht ein Preiseinbruch und bei Raiffeisen ein Milliardenabschreiber?
Nein. Erst einmal ist zu sagen, dass das Geschäft sehr gut läuft und wir das vergangene Jahr mit einem sehr guten Resultat abschliessen. Es stimmt zwar, die Leerstandsquoten von Mietwohnungen sind in einigen Regionen recht hoch. Die Preise bleiben dennoch hoch, weil institutionelle Anleger wie Pensionskassen weiter zukaufen.

Und wann platzt die Blase?
Bei Mehrfamilienhäusern mit Mietwohnungen sehe ich die grösste Gefahr für eine Preiskorrektur. Dort sind wir zuletzt stark gewachsen, und wir überwachen unser Portfolio deshalb sehr genau.

Raiffeisen ist bei der Hypothekarvergabe jahrelang schneller gewachsen als die Konkurrenz. Ist das weiterhin so?
Wir wachsen derzeit etwa so schnell wie der Markt. Wir haben das Tempo gedrosselt und sind etwas defensiver geworden. Bei den Preisen treten wir weniger offensiv auf.

Sie wurden von der Nationalbank wegen der Hypothekenvergabe kritisiert. Sie seien zu hohe Risiken eingegangen und eine Gefahr für die Stabilität des Finanzplatzes, behaupteten die Währungshüter. Mussten Sie das Tempo drosseln?
Dies war im Stabilitätsbericht 2015 der Fall. Das Thema ist erledigt. Wir haben mit der Finma Ziele vereinbart und unsere Zinsrisiken über Absicherungen reduziert. Diese Ziele haben wir erreicht.

Erwarten Sie, dass die Zinsen im laufenden Jahr ansteigen?
Nein, ich rechne frühestens im dritten Quartal 2019 mit einer Steigerung. Die Teuerung wird auch in diesem Jahr niedrig bleiben. Zudem ist der Schweizer Franken immer noch überbewertet. Ich sehe für die Nationalbank derzeit keinen Spielraum für Zinserhöhungen.

Ihr Vorgänger Pierin Vincenz wollte die Abhängigkeit vom Hypothekargeschäft durch zahlreiche Zukäufe verringern. Sie haben die Beteiligung am Versicherer Helvetia, am Bankensoftware-Hersteller Avaloq und weitere kleine Beteiligungen verkauft. Räumen Sie den Laden Ihres Vorgängers auf?
Wir ordnen ihn neu. Als systemrelevante Bank haben wir strenge Kapitalanforderungen. Deshalb überlegen wir uns genau, wo wir unser Kapital einsetzen. Zudem wird das Management von Beteiligungen aufsichtsrechtlich immer heikler. Es werden viel schneller Interessenkonflikte moniert als noch vor ein paar Jahren. Auch deswegen haben wir entsprechende Verflechtungen aufgelöst.

Bleiben Sie im Verwaltungsrat von Helvetia?
Im Moment ja.

Werden Sie weitere Beteiligungen abstossen?
Ich kann mir vorstellen, dass es zu weiteren Verkäufen kommt. Unsere Beteiligung an Leonteq (einem Hersteller von strukturierten Produkten, die Red.) würden wir von 30 auf rund 20 Prozent senken, sofern ein strategischer Partner von Leonteq interessiert wäre. Wir hatten dazu Gespräche geführt, aber es sieht nicht danach aus, als dass es zu einem raschen Abschluss kommt.

Ist die Diversifizierung der Raiffeisen-Gruppe gescheitert?
Nein, wir verfolgen nach wie vor eine Diversifikation innerhalb unseres Kerngeschäfts, deren Ziel es ist, die Abhängigkeit vom Hypothekargeschäft zu verringern. Im Zentrum steht der Ausbau des Firmenkundenoder des Anlagegeschäfts. Das Hypothekargeschäft macht aber immer noch über 80 Prozent des Ertrags oder rund 170 Milliarden Franken aus. Da ist das wachsende Gewicht eines anderen Ertragspfeilers nicht so schnell ersichtlich.

«Die Reputationsrisiken stehen aus meiner Sicht in keinem Verhältnis zum Inhalt der Untersuchung.»Patrik Gisel, Raiffeisen-Chef

Eine unangenehme Folge der Zukäufe war, dass Ihre Bank im Fokus einer Untersuchung der Finma steht. Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Wir mussten unsere Prozesse beim Umgang mit Beteiligungen verbessern. Diese Veränderungen sind aber überblickbar und zum Grossteil bereits umgesetzt. Im Nachhinein muss ich sagen: Wir sind wohl schneller mit unseren Beteiligungen gewachsen als mit unseren internen Prozessen. Das hat Fragen aufgeworfen. So, wie wir das verstehen, haben wir Antworten darauf gefunden.

Um welche Fragen ging es?
Es ging um die Transparenz bei Entscheidungsprozessen und auch deren genaue Protokollierung. Dies, um sicherzustellen, dass die Entscheidungsträger die richtigen Informationen zur richtigen Zeit haben. Die aufgeworfenen Fragen sind aus unserer Sicht nicht dramatisch. Ich denke, nun haben wir wirklich alles genau angeschaut mit internen und externen Experten. Das Ganze war auch sehr teuer.

Wie teuer?
Ein hoher einstelliger Millionenbetrag.

Wie gross ist der Reputationsschaden für Raiffeisen?
Der ganze Wirbel ist ziemlich schlimm. Die Reputationsrisiken stehen aus meiner Sicht in keinem Verhältnis zum Inhalt der Untersuchung.

Stein des Anstosses im Finma-Verfahren war die Beteiligungsgesellschaft Investnet. An dieser hält Raiffeisen 60 Prozent. Gleichzeitig hat sich Pierin Vincenz daran beteiligt. Müssten da nicht die Alarmglocken schrillen?
Bitte verstehen Sie, dass ich aufgrund des laufenden Finma-Verfahrens dazu keine Aussage machen kann.

Bleibt Vincenz Verwaltungsratspräsident von Investnet?
Wir planen keine Veränderungen. Wir können so die Erfahrungen und das Beziehungsnetz von Vincenz nutzen, der 17 Jahre lang einen Superjob für die Bank gemacht hat.

Neben dem Finma-Verfahren läuft auch noch eine Untersuchung der Aduno, einem Gemeinschaftsunternehmen mit anderen Banken. Da geht es um den Kauf von Commtrain. Auch da gibt es Vorwürfe der persönlichen Bereicherung.
Diese Aduno-Untersuchung betrifft Raiffeisen nicht, weshalb ich mich dazu nicht weiter äussere. Nur so viel: Es gibt drei Gutachten von renommierten, unabhängigen externen Experten zu dieser Transaktion, die übrigens zehn Jahre zurückliegt. Alle kamen zum Schluss, dass diese transparent abgewickelt wurde und rechtens war.

Fragen aufgeworfen hat, dass Vincenz in diesem Zusammenhang Millionenzahlungen über ein Konto bei einer anderen Bank abgewickelt hat. Ist das heute noch möglich?
Heute müssen Organe von Raiffeisen, also Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder, private Anlagegeschäfte über ein Konto von Raiffeisen oder unserer Privatbank Notenstein La Roche tätigen.

«Wir hatten zu viel Unruhe in der Bank sowie häufige Personalwechsel oder Reorganisationen.»Patrik Gisel, Raiffeisen-Chef

Eine Sorge von Raiffeisen ist Notenstein La Roche. Die Privatbank kommt seit Jahren nicht vom Fleck. Kürzlich haben Sie den Chef ausgewechselt. Verlieren Sie die Geduld?
Der neue CEO übernimmt nach tief greifenden Restrukturierungen eine gut strukturierte Bank, und ich glaube an das Geschäftsmodell Notenstein La Roche als reine Privatbank mit einem starken Mutterkonzern im Rücken. Wenn wir diese Ausgangslage richtig nutzen, erwarte ich, dass wir Kunden von anderen Privatbanken gewinnen können.

Warum hat das bisher nicht geklappt?
Wir hatten aus unterschiedlichen Gründen zu viel Unruhe in der Bank sowie häufige Personalwechsel oder Reorganisationen. Zudem haben Exklusivverträge mit der Bank Vontobel Notenstein während längerer Zeit eingeschränkt. Auch wenn wir heute ein gut funktionierendes Zusammenarbeitsverhältnis mit Vontobel haben, können wir zwischen Notenstein und Raiffeisen mehr Synergien für die Gruppe gewinnen. Zu diesem Zweck wird per 1. Februar ein Raiffeisen-Gruppen-Investment-Office gebildet. Dieses bündelt die Anlagekompetenzen unter dem Dach von Notenstein La Roche.

Wie viel Zeit geben Sie dem neuen Notenstein-Chef?
Drei bis fünf Jahre. Bis dann muss klar ersichtlich werden, dass sich das Wachstum beschleunigt.

In dieser Zeitspanne wollen Sie die verwalteten Vermögen von Notenstein La Roche auf 40 Milliarden Franken verdoppeln. Bisher ohne Erfolg. Wäre es nicht an der Zeit, auch Notenstein zu verkaufen?
40 Milliarden sind eine vernünftige Grösse, damit sich Notenstein La Roche auch in einem schwierigen Umfeld eigenständig behaupten kann. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das möglich ist. Dazu brauchen wir aber Zukäufe von Banken, die zu uns passen. Und wenn das Geschäftsmodell nicht funktioniert: Kommt es zum Verkauf von Notenstein?
Einen Verkauf schliesse ich aus. Dies, weil Raiffeisen und Notenstein immer stärker vernetzt sind.

Was ist denn sonst Ihr Plan B?
Lassen Sie uns darüber frühestens in drei Jahren diskutieren.

Erstellt: 15.01.2018, 11:20 Uhr

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