Der grosse Frust

Der zunehmende Spardruck in den Unternehmen stellt vermehrt auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer infrage.

Wie lange haben sich Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber jeweils zur Verfügung zu stellen? Foto: Gari Wyn Williams (Alamy)

Wie lange haben sich Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber jeweils zur Verfügung zu stellen? Foto: Gari Wyn Williams (Alamy)

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Der Chef kassiert ein Millionengehalt, dem Schichtarbeiter wird der Gratisparkplatz gestrichen. Der Verwaltungsrat fliegt für eine Sitzung in corpore nach Singapur, den Mitarbeitern werden die Reisespesen gekürzt. Der Konzernleiter kassiert trotz Verlust einen Bonus, die Angestellten erhalten keine Vergünstigung mehr für Krippenplätze.

Der Verdacht liegt nahe, dass Manager nicht nur am Sparbetrag gemessen werden, sondern auch daran, wie viele einzelne Massnahmen sie ihren Chefs vorlegen können. 

Es sind solche Vorgänge, die in der jüngeren Vergangenheit in der Schweiz des Öfteren vorkommen. Der Frust der Arbeitnehmer darüber wächst. Oft ist es nur schwer nachvollziehbar, weshalb die Unternehmen an Orten sparen, die ihnen finanziell gesehen wenig wehtun. Gesünder wird eine Firma dadurch kaum. Der Verdacht liegt nahe, dass Manager nicht nur am Sparbetrag gemessen werden, sondern auch daran, wie viele einzelne Massnahmen sie ihren Chefs vorlegen können. Gewerkschafter sprechen in diesem Zusammenhang von fantasie­losen Managern, die den Blick ob Budgets und Quartalszahlen für das grosse Ganze längst verloren haben.

Umso stossender ist der Abbau von Privilegien für Arbeitnehmer, wenn die Chefetage sich selbst nicht in Verzicht übt. Bei den ausgewiesenen Managerlöhnen börsenkotierter Firmen zumindest ist keine Zurückhaltung spürbar. Dort werden rasch auch mal Boni ausbezahlt, selbst wenn die Leistung ungenügend ist. Irgendeine um Sonderfaktoren bereinigte Kennzahl findet sich immer, die besser ist als im Jahr zuvor. Würden die Angestellten mit dem gleichen Argument höhere Boni für sich selber reklamieren, sie würden von ihren Chefs im besten Fall Unverständnis ernten.

Umso stossender ist der Abbau von Privilegien für Arbeitnehmer, wenn die Chefetage sich selbst nicht in Verzicht übt. 

Der Ärger über die sich öffnende Schere zwischen jenen, die schon viel haben, und der breiten Masse der Arbeitnehmer wird damit grösser. Der schleichende Abbau von Privilegien für Arbeitnehmer ist aber nur ein Symptom für eine tieferliegende Frustration. Der zunehmende Spardruck in den Unternehmen erhöht nicht nur den Druck auf die Mitarbeiter, er stellt auch vermehrt das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer infrage.

So setze sich immer stärker die Haltung durch, dass sich der Angestellte seinem Arbeitgeber zu einem bestimmten Lohn zur Verfügung zu halten hat, unabhängig davon, wie lange er arbeitet, kritisieren die Gewerkschaften. Der Arbeitsvertrag werde so zum Auftragsverhältnis. Frei nach dem Credo: «Ich zahle dir einen bestimmten Lohn für eine bestimmte Arbeit, lieber Mitarbeiter, ob du die Arbeit in der vertraglich vereinbarten Zeit auch bewältigen kannst, ist mir ziemlich egal.»

Der Staat hat nicht umsonst eine Höchstarbeitszeit im Gesetz festgelegt, sondern zum Schutz der Arbeitnehmer.

Diese Entwicklung ist gefährlich. Der Staat hat nicht umsonst eine Höchstarbeitszeit im Gesetz festgelegt, sondern zum Schutz der Arbeitnehmer. Wird dieser immer mehr geschwächt, muss man sich nicht wundern, dass die Zahl der Burn-outs stetig ansteigt.

Es liesse sich nun argumentieren, die Arbeitnehmer seien selber schuld, wenn sie länger arbeiten, ohne dies mit Freizeit und Lohn zu kompensieren. Doch so einfach ist das nicht. In einem härter werdenden Arbeitsumfeld muss sich ein Angestellter zweimal überlegen, ob er sich wehren oder doch nicht lieber stillhalten will. Wo Arbeitsplätze abgebaut oder ins Ausland ausgelagert werden, verfolgen viele das Motto: «Lieber nicht auffallen.» Denn bei der nächsten Sparübung oder Stellenverlagerung, könnte er der nächste sein, der einer solchen Massnahme zum Opfer fällt.

 In einem härter werdenden Arbeitsumfeld muss sich ein Angestellter zweimal überlegen, ob er sich wehren oder doch nicht lieber stillhalten will. 

Wer in einem solchen Umfeld mehr Lohn fordert oder seine Privilegien verteidigt, geht das Risiko ein, als unbequemer Mitarbeiter zu gelten. So setzt sich die Haltung durch, im Zweifelsfall lieber den Kopf einzuziehen, als sich zu wehren. Diese Entwicklung beobachten nicht nur Gewerkschaften, sondern auch Arbeitnehmervertreter innerhalb der Unternehmen.

Diese zunehmende Ohnmacht der arbeitenden Bevölkerung wirkt sich viel direkter auf die politische Landschaft aus, als dies die Wirtschaftsführer wahrhaben wollen.

Wer sich innerhalb eines Unternehmens nicht mehr wehren kann, oder zumindest diesen Eindruck gewinnt, der sucht nach einem anderen Ventil, etwa in der Politik. Dort kann der Arbeitnehmer mit seiner Stimme noch etwas bewegen, während er im Wirtschaftsleben den Entscheiden seines Arbeitgebers ausgeliefert ist.

Wer sich innerhalb eines Unternehmens nicht mehr wehren kann, der sucht nach einem anderen Ventil, etwa in der Politik. 

So gesehen überrascht es kaum, dass verschiedene Abstimmungen in den letzten Jahren nicht nach dem Gusto der Wirtschaft ausgefallen sind. Das Ja zur Zuwanderungsinitiative ist dabei das prominenteste Beispiel. Geblendet durch die gute Konjunkturlage und die tiefe Arbeitslosigkeit wollte die Wirtschaft die wachsende Skepsis der Bevölkerung nicht wahrhaben – oder noch schlimmer: bekam sie gar nicht mit.

Aufgeschreckt durch die wirtschaftsfeindlichen Voten möchten die grossen Wirtschaftsverbände wie Economie­suisse nun vermehrt den Kontakt mit der Bevölkerung suchen. Mit Wandertouren und Podiumsdiskussionen wollen sie vermehrt Verständnis für die Anliegen der Wirtschaft schaffen. Das ist zwar löblich, doch die Wirkung dieser Massnahmen ist fraglich.

Die Unternehmen müssen aufhören, ihre Mitarbeiter nur noch als namenlose Kostenblöcke zu betrachten. 

Die Unternehmen müssen vielmehr aufhören, ihre Mitarbeiter nur noch als namenlose Kostenblöcke zu betrachten. Sie sind im Gegenteil gefordert, ihr wichtigstes Kapital, die Mitarbeiter, wieder stärker zu pflegen. Die Manager sollten ihren Blick weg von ihrem eigenen Portemonnaie wieder stärker auf das Wohl ihrer Angestellten richten. Respekt und Wertschätzung sind Stichworte dazu. Die Arbeitnehmer brauchen aber auch die nötigen Werkzeuge, etwa in Form von Weiterbildung, um mit dem raschen Wandel dieser Welt mithalten zu können. Diese Herangehensweise ist mit Sicherheit wirkungsvoller als nett gemeinte Charmeoffensiven in Form einer Wandertour.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2016, 23:54 Uhr

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