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Der hilflose Auftritt der Social-Media-Riesen

Google, Facebook und Twitter haben die russischen Cyberangriffe sträflich unterschätzt. Das könnte sich rächen.

Mussten sich vor dem US-Kongress rechtfertigen: Die Chefjuristen von Google, Twitter und Facebook. Foto: Drew Angerer (Getty Images)
Mussten sich vor dem US-Kongress rechtfertigen: Die Chefjuristen von Google, Twitter und Facebook. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

So hilflos hat man die Grossen der digitalen Revolution noch selten ­gesehen. In drei Anhörungen mussten Facebook, Google und Twitter vor dem US-Kongress wieder und wieder eingestehen, dass sie den Cyberangriff ­Russlands im Wahlkampf 2016 unterschätzt hatten und nicht ausreichend dafür gerüstet waren.

Dennoch verwehren sich alle drei Firmen gegen die soziale und politische Verantwortung, der sich die etablierten Medien stellen müssen. Die Social-Media-Riesen sind gewarnt: Sollten ausländische Mächte auch die Kongresswahlen im nächsten Jahr unterminieren, so ist das System der Selbstkontrolle nicht mehr zu halten.

«Entweder Sie tun es – oder wir»

Die demokratische Senatorin Diane Feinstein, die auch die Interessen der Silicon-Valley-Firmen vertritt, sagte es treffend: «Sie tragen die Verantwortung. Sie haben die Plattformen ­geschaffen; und jetzt werden diese missbraucht. Nun müssen Sie etwas dagegen tun, oder wir werden es tun.»

Die Anhörungen vom Dienstag und Mittwoch waren der erste Versuch des Kongresses, das Ausmass der russischen Attacken zu ergründen und die Verantwortung der US-Plattformen festzumachen. Der Versuch war ­frustrierend. Google, Facebook, und Twitter schickten nicht etwa ihre Topshots nach Washington, sondern Juristen, die den kritischen Fragen auswichen und sich auf keine festen Zusagen einlassen wollten.

Gesamteindruck:« Tief verstörend»

Mark Warner, Vizepräsident der Geheimdienstkommission des Senates, hatte besonderes Gewicht, da er 20 Jahre als Unternehmer im Tech­sektor gearbeitet hatte. Der Gesamteindruck sei «tief verstörend», sagte er zum Abschluss. Eigentlich habe er gehofft, dass die Firmen einen besseren Überblick über die Cyberattacken und die Abwehr dagegen gewonnen hätten.

«Tatsache ist, dass die russischen Instrumente bereits ihre Wirksamkeit ­bewiesen haben. Es ist sicher, dass andere Feinde, inklusive Terroristenorganisationen und ausländische Geheimdienste, ihre eigenen Angriffspläne entwickeln.» Als mögliche An­greifer wurden der Iran und ­Nordkorea genannt, doch Russland bleibt aus Sicht des Kongresses auch während der Wahlen 2018 der gefährlichste ­Cybergegner.

«Nicht gerade vertrauensfördernd wirkte das Geständnis, wonach die Angreifer viel erfolgreicher waren als behauptet.»

Nicht gerade vertrauensfördernd wirkte das Geständnis der Juristen aus dem Silicon Valley, wonach die russischen Angreifer viel erfolgreicher waren als seit Monaten behauptet. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hatte noch vor einem Jahr abgewiegelt: Der Verdacht auf eine russische Infiltration sei «eine ziemlich verrückte Idee».

Wie naiv er war, zeigen die aktuellen Zahlen. Die russische Propaganda auf Facebook erreichte 126 Millionen Amerikaner – nicht 10 Millionen, wie zunächst angenommen. Zusätzlich verbreiteten die Angreifer auf Insta­gram 120'000 meist gegen Hillary Clinton gerichtete Falschmeldungen und erreichten damit 16 Millionen Amerikaner, wie Chefjurist Colin Stretch aufdeckte.

Google distanziert sich erfolglos

Auch Twitter wurde unterminiert. Gemäss dessen Chefjurist Sean Edgett wurden 2700 Konten mit russischer Urheberschaft gefunden, nicht nur 200. Edgett hatte Mühe, den Vorwurf der Irreführung zu entkräften, da der Kongressausschuss bis zu 15 Prozent der Twitter-Nutzer als automatisierte Bots und potenziell russischen Ursprungs identifiziert hatte, nicht nur 5 Prozent, wie behauptet. ­Edgetts Erklärung: «Wir sind in einem dauernden Katz-und-Maus-Spiel. Wir werden schlauer, aber die Angreifer werden es auch.»

Google versuchte, sich von den zwei anderen Firmen abzugrenzen und als weniger riskante Plattform zu präsentieren, doch machte Mark Warner den Ausflüchten ein rasches Ende. «Youtube ist zur bevorzugten Adresse der russischen Propaganda geworden.» Youtube habe wahrscheinlich weit mehr russische Fake-News-­Videos übernommen als angegeben, so Warner. Ausserdem diene die Google-Suchmaschine immer mehr dazu, Falschmeldungen und Gerüchte zu verbreiten.

«Google und Facebook schöpfen inzwischen 99 Prozent der Onlinewerbung ab.»

Facebook, Twitter und Google erklärten sich gestern zwar bereit, einen Gesetzesvorschlag zu prüfen, der die Offenlegung der Finanzquellen jeder politischen Einschaltung fordert. Das ist, was bereits für Radio, Fernsehen und Presse gilt. Doch weiter ­wollten die neuen Beinahemonopole der Information nicht gehen. Das Augenmerk bei der Kontrolle gelte ausschliesslich den Hassreden, Gewaltaufrufen und weiteren strafrechtlichen Tatbeständen, so Twitter-Vertreter Edgett. Die Verantwortung für die Inhalte liege nicht bei den Social-Media-Firmen, sondern den Journalisten, die sie produzierten.

«Trump muss es endlich einsehen»

Das ist eine bequeme Ausrede und stimmt nicht mit den finanziellen Anreizen überein. Während Zeitungen ausbluten und eine volle, kritische Berichterstattung nur noch von einer Handvoll Blättern bezahlt werden kann, verdiente Facebook letztes Jahr allein mit den Trump- und Clinton-Wahlinseraten 81 Millionen Dollar. ­Google und Facebook schöpfen inzwischen 99 Prozent der Onlinewerbung ab; die Urheber der Inhalte müssen mit Brosamen vorliebnehmen. «Diese Anordnung erleichtert Angreifern, staatszersetzende Propaganda in den breiten Informationsfluss zu schmuggeln und enormen Schaden anzu­richten», warnt Senator Warner.

Gefordert allerdings sind nicht allein die Social-Media-Firmen. Das Problem liegt auch im Weissen Haus. «Es fehlt die politische Führung. Präsident Trump muss endlich einsehen, dass die russische Propaganda die wahre Bedrohung ist – und nicht der amerikanische Journalismus.»

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