Der Kampf gegen das Leiden ist nicht lukrativ

Pharmamulti Pfizer zieht sich aus Forschung und Entwicklung von Alzheimermedikamenten zurück.

300 Menschen verlieren in den USA ihren Job, Millionen von Patienten und Angehörige ein Stück Hoffnung: Pfizer streicht seine Demenzforschung. Foto: Justin Lane (Epa, Keystone)

300 Menschen verlieren in den USA ihren Job, Millionen von Patienten und Angehörige ein Stück Hoffnung: Pfizer streicht seine Demenzforschung. Foto: Justin Lane (Epa, Keystone)

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Der Paukenschlag kam am Wochenende als Meldung vom wichtigsten Treffen der Pharma- und Lifescience-Branche, der J. P. Morgan Healthcare Conference in San Francisco: Pfizer, der grösste Pharmakonzern der Welt, stellt die Forschung und Entwicklung für Alzheimer- und Parkinson-Medikamente ein. Die Hiobsbotschaft traf nicht nur die 300 Mitarbeiter hart, die in den USA ihren Job verlieren werden. Die Nachricht klingt vor allem für Patienten und ihre Angehörigen niederschmetternd.

Ein Medikament gegen die Alzhei­mer­­krankheit zu entwickeln, galt bisher als äusserst lukrativ. Kein Wunder, dass sich zahlreiche Pharmakonzerne daran versuchen. 44 Millionen Menschen weltweit sind von Demenz betroffen, in der Schweiz 144'000. Dabei ist Alzheimer die häufigste Form der Demenz. Da die Alzheimerkrankheit in der Regel bei Menschen ab dem 60. Lebensjahr auftritt und die Bevölkerung immer älter wird, rechnen Experten mit einem Anstieg der Anzahl Betroffenen. Pharmakonzernen, die einen Wirkstoff entwickeln, um die Krankheit aufzu­halten oder gar zu heilen, winken Milliardengewinne.

Hoffen auf Start-ups

Warum wirft Pfizer aber nun das Handtuch? Der Konzern wolle sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren, wo er mittelfristig den höchsten Wert für Aktionäre und Patienten erzielen könne. Tatsächlich ist heute klar: Schnelle Erfolge sind bei der Entwicklung von Alzheimermedikamenten nicht zu erwarten. Die meisten Firmen haben auf Wirkstoffe gesetzt, die Beta-Amyloid unschädlich machen. Das ist ein Proteinbruchstück, das sich krankhaft im Gehirn ablagert und Nervenzellen absterben lässt. Dabei scheiterte in den letzten Jahren aber eine Substanz nach der anderen bei den letzten Tests an Patienten. Keiner der Wirkstoffe konnte das fortschreitende Vergessen bremsen. Pfizer hat das Programm mit seinem Antikörper Bapineuzumab bereits 2012 eingestellt, aber auch andere Firmen gaben Misserfolge bekannt.

Im Gehirn von Alzheimerpatienten finden sich zahlreiche Auffälligkeiten, welche die Krankheit auslösen könnten.

So hart die anhaltenden Rückschläge sind: Die Forscher haben daraus gelernt. In neuen Ansätzen versuchen sie beispielsweise, die Patienten früher zu erreichen, also bevor zu viele Gehirnzellen abgestorben sind. Das Problem ist jedoch, zu erkennen, wer an Alzheimer erkranken wird. Deshalb wählen manche Firmen derzeit Betroffene aus, die ein hohes Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken. Genentech setzt beispielsweise einen Antikörper des Lausanner Start-up-Unternehmens AC Immune bei Menschen ein, die eine seltene genetische Veranlagung haben, Alzheimer zu entwickeln. Sie bekommen den Wirkstoff Crenezumab bereits als Gesunde. Roche testet denselben Antikörper an früh diagnostizierten Alzheimerpatienten, also im Anfangsstadium der Krankheit. Und Novartis behandelt eine andere Gruppe von Menschen, die eine spezielle Genkombination (ApoE4) aufweisen, mit dem Wirkstoff BACE1.

Sollte eine dieser Studien endlich die ersehnten Resultate zeigen, so wäre erstmals bewiesen, dass tatsächlich Beta-Amyloid die Ursache für die Alzheimerkrankheit ist. Vermutlich gibt es aber nicht nur einen Auslöser für die Gehirnkrankheit. Und genau das macht die Suche nach Wirkstoffen so schwierig. Im Gehirn von Alzheimerkranken finden sich nämlich zahlreiche weitere Auffälligkeiten, die das Nervensterben und das Vergessen auslösen könnten.

Da ist beispielsweise ein anderes Protein, genannt Tau, das sich in den Nervenzellen ablagert – und zwar umso häufiger, je vergesslicher die Patienten sind. Auch dazu gibt es Wirkstoffe – zum Beispiel von AC Immune –, die bereits an Patienten getestet werden. Interessant ist auch der Ansatz des Start-up-Unternehmens der Universität Zürich, Neurimmune. Dieses schaut bei der Forschung nicht primär, was Alzheimerpatienten krank macht, sondern, was gesunde alte Menschen schützt. Die im Labor nachgebauten Antikörper der Gesunden sollen nun den Kranken helfen.

Die Liste von Forschungsansätzen bleibt lang. Oft kommen die cleveren Einfälle aus der Grundlagenforschung und den Start-up-Unternehmen. Und wenn sich die eine oder andere Idee als erfolgreich erweist, werden sicher auch die grossen Konzerne wieder interessiert sein. Denn: Im Jahr 2050 werden weltweit mehr als 130 Millionen Patienten an Demenz leiden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 08:22 Uhr

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